Murder City, Windy City, Meatpacking City – es sind wenig schmeichelhafte Beinamen, mit denen sich Chicago schmückt. Einst bekannt für organisiertes Verbrechen, korrupte Politiker und viele Viehschlachthöfe, hat die drittgrößte Stadt der USA einen Imagewandel hinter sich. Mit Barack Obama ist sie President's City geworden, gilt sie doch als Heimatstadt des ersten afroamerikanischen US-Präsidenten. Ob er nach dem Ende seiner Amtszeit auch wieder nach Chicago zurückkehren wird, ist allerdings offen.

Greenwood Avenue 5046 im Stadtteil Hyde Park. Unscheinbar sieht die viktorianische Backsteinvilla aus. Sechs Schlafzimmer soll sie haben und einen Weinkeller, an einer Außenwand hängt einsam ein Basketballkorb. Das kleine Anwesen strahlt Wohlstand aus, aber keinen Protz wie der eines Donald Trump, der im Wahlkampf mit eigener Boeing 757 unterwegs ist und in Chicago einen 98-stöckigen Trump Tower stehen hat. In der Villa sind die Obamas zu Hause, wenn der Präsident nicht gerade im Weißen Haus regiert. Betonbarrieren versperren die Auffahrt, Männer mit Maschinenpistolen, Sonnenbrillen und schweren Geländewagen patrouillieren auf der Greenwood Avenue – ganz so, wie man es aus Hollywood-Blockbustern kennt.

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Ein Gedenkstein im Hyde Park markiert die Stelle, wo sich Barack und Michelle das erste Mal küssten.
Foto: AP/Rex Arbogast

"Als Obama 2008 zum ersten Mal gewählt wurde, gab es Scharfschützen auf dem Dach, um das Haus zu sichern", erzählt Kineret S. Jaffe. Die Mittsechzigerin ist Historikerin und kennt jede Ecke im Süden von Chicago, jedes Geschäft und jede Menge Anekdoten. Seit knapp 30 Jahren wohnt und arbeitet sie dort, wo die Obamas, die Intellektuellen und Liberalen und die Universität von Chicago zu Hause sind. Hier lehrte Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman, hier studierte Literaturnobelpreisträger Saul Bellow, hier baute Architekt Frank Lloyd Wright. Doch erst seit Obama zum Präsidenten gewählt wurde, kommen immer mehr Touristen nach Hyde Park.

Gelungene Integration

Zum Straßenbild gehören elegante Villen, schattige Bäume und Multikulti-Flair für den gehobenen Mittelstand. Professoren wohnen hier, Anwälte, Banker, aber auch Lehrer und Angestellte. Bis Mitte des 20. Jahrhunderts lebten in Hyde Park fast ausschließlich weiße Familien. Mit allerlei Tricks verhinderten Immobilienhändler, dass Schwarze in die Gegend ziehen konnten, bis das Oberste Gericht die gängige Praxis 1948 für verfassungswidrig erklärte. "Es gibt in Chicago keinen anderen Stadtteil, wo Integration derart gelungen ist", sagt Kineret über das Viertel, wie es heute ist.

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In dieser Villa sind die Obamas zu Hause, wenn der Präsident nicht gerade im Weißen Haus regiert.
Foto: AP/Jerry Lai

Doch selbst für Kineret, die in der Nachbarschaft lebt, ist es schwer, in die Synagoge gegenüber von Obamas Haus zu kommen. Wer hier heiraten will, muss seine Hochzeitsgesellschaft dem Secret Service vorstellen. Aber nichts läge der resoluten Historikerin ferner, als sich darüber zu beschweren. Sie gehört – wie die meisten Bewohner von Hyde Park – zu Obamas Unterstützern. Sie erzählt, wie einmal Geheimdienstler in die Synagoge kamen, weil sie dringend auf die Toilette mussten. Der Rabbi stellte sich höflich vor: "Rabbi Emeritus, mein Name", sagte er. Die vom Secret Service entgegneten nur: "Ja, ja, wissen wir."

First Friseur

In der South Blackstone Avenue 5234 flimmert vor einem unscheinbaren Geschäft eine grelle Leuchtreklame. Drinnen steht in einer Ecke ein Friseursessel unter einem Glassturz. Auf dem ist Obama gesessen, er hat sich hier viele Jahre die Haare schneiden lassen. Darüber hängt eine Fotografie: links Geschäftsinhaber Ishmael, rechts Friseur Zariff, in der Mitte der US-Präsident. Daneben der Wahlkampfslogan aus dem Jahr 2008: "Change we can believe in!" Wortkarg rasiert Ishmael einen Kunden, Reden ist nicht seine Sache – vor allem, wenn es um seinen bekanntesten Kunden geht.

Abgewetzte Ledersofas stehen in dem langgezogenen Raum, darüber Poster mit afroamerikanischen American-Football-Stars. Von einem weiteren Plakat schaut Muhammad Ali in Boxerpose auf die gepolsterten Drehsessel. Auch er und Filmregisseur Spike Lee ließen sich hier die Haare schneiden, weil sie gleich um die Ecke wohnten. Die Kundschaft besteht bis heute vorwiegend aus Afroamerikanern.

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In diesem unscheinbaren Salon wurde Obamas präsidiale Frisur "erfunden".
Foto: AP/Invision/Barry Brecheisen

In diesem unscheinbaren Salon wurde Obamas präsidiale Frisur "erfunden": Der "Obama Cut" ist ein extra kurzer Putz, besonders hinten und an den Seiten. Ishmael ist stolz darauf, denn beim ersten Besuch sei Obama noch mit einer ordentlichen Mähne angetanzt. So legt es jedenfalls eine Fotografie von Obama nahe, versehen mit dem Spruch: "Barack, das nächste Mal solltest du früher kommen!" Er hat sich daran gehalten, wurde Stammkunde und der Hyde Park Friseursalon zur Pilgerstätte. "Einen Rabatt hat er nie bekommen", sagt Ishmael. 21 Dollar kostet der Schnitt für Erwachsene – die muss selbst der Präsident berappen.

Das Eiscafé gibt's nicht mehr

In einer Querstraße liegt – oder vielmehr lag – das Baskin-Robbins-Eiscafé 1400 East 53rd Street. Das Geschäft gibt es nicht mehr, ein seelenloses Sandwichgeschäft der Subway-Kette hat es ersetzt. In dem Eiscafé hatten die Obamas ihr erstes Date, hier hat Barack seine große Liebe Michelle im Sommer 1989 getroffen. Im ersten Jahr als Jusstudent in Harvard arbeitete er in den Semesterferien bei der renommierten Kanzlei Sidley & Austin als Praktikant. Die junge Rechtsanwältin Michelle Robinson wurde ihm als Mentorin zugeteilt.

Erste Avancen soll sie zurückgewiesen haben, doch schließlich ließ sie sich überreden, ihn ins Baskin-Robbins-Eiscafé zu begleiten. Heute kann man auf einer Plakette nachlesen, wie ihr erster Kuss war: "Ich küsste Michelle, und es schmeckte nach Schokolade", steht dort – ein Satz, den Obama einmal in einem Interview mit dem Oprah Magazine gesagt hatte. Hinterher gingen sie ins Kino und sahen Spike Lees Apartheid-Drama "Do the Right Thing". Fortan waren sie ein Paar.

Langweiliges Menü

Wenn die Obamas gerade keine Lust auf Schokoladeeis hatten, gingen sie ins Medici, ihr Lieblingsrestaurant. Die Pizzeria ist vor allem bei Studenten beliebt, der Eigentümer kommt aus Deutschland. Wenn man mit den Angestellten spricht, sieht man sofort an ihren Gesichtern, dass sie schon hunderte Male nach dem Lieblingsgericht des Paares gefragt wurden. Die Antwort fällt entsprechend langweilig aus: "Hamburger oder Pizza."

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Ob Chicago bald zur doppelten Präsidentenstadt wird? Who knows. Donald Trump hat mit seinem Tower jedenfalls längst ein Wahrzeichen geschaffen.
Foto: REUTERS/Jim Young

Obamas Lieblingsbuchhandlung ist da schon eine interessantere Adresse: Street Books in der East 57th Street ist im Souterrain eines roten Backsteinhauses untergebracht, eine Stiege führt nach unten zum Eingang. Das Geschäft ist mit Büchern bis unter die Decke vollgestopft und wirbt mit dem Spruch: "Wo ernsthafte Leser hingehen, um Spaß zu haben". Hier signierte Obama seine Bücher. Zur Vorstellung der 1995 erschienenen Autobiografie Dreams of my Father – Ein amerikanischer Traum: Die Geschichte meiner Familie kamen gerade einmal 50 Leute, bei seinem 2006 vorgestellten Titel The Audacity of Hope – Hoffnung wagen reichte die Wartschlange einmal um den Häuserblock.

"Endlich einmal ein Präsident, der gerne liest", sagt Historikerin Kineret S. Jaffe lapidar. Nach dem Ende seiner Amtszeit im Jänner 2017 wird Obama wieder öfter dazu kommen, in Chicago oder anderswo. (Michael Marek, Rondo, 15.4.2016)