Schulschluss in der jordanischen Hauptstadt Amman: Uniformierte Schulmädchen steigen in die gelben Kleinbusse oder stiefeln in Grüppchen die staubige Straße bergab. In der Melkite-Hashmi-Schule wird gleich erneut die Schulglocke läuten. Pädagoginnen waschen noch die restlichen Kinderhände, bevor es eine kleine Jause gibt. Danach beginnt für etwa fünfzig Flüchtlingskinder unter sechs Jahren die Nachmittagsschule.

Derzeit gibt es in Jordanien rund 250.000 syrische Kinder im Schulalter, jedoch nur die Hälfte hatte bis dato auch einen Platz im Klassenzimmer. König Abdullah II. versprach, bis Ende des Jahres 2016 alle syrischen Kinder ins jordanische Bildungssystem einzugliedern. Das Programm mit rund 200 zusätzlichen Doppelschichtschulen und 5.000 zusätzlichen Lehrern startete an diesem Montag.

derStandard.at

Das Geld soll von einem Hilfspaket, das auf der Syrienkonferenz in London von internationalen Geldgebern zugesagt wurde, kommen. Derzeit reicht es aber nicht einmal für die Aufstockung bis zu den nächsten Sommerferien. Wer außerdem drei Jahre seiner Schulpflicht im oder nach dem Krieg versäumt hat, verliert den Anspruch. Ebenso, wer das 16. Lebensjahr erreicht hat. Immerhin können nun aber zusätzlich rund 90.000 Kinder die Schule besuchen.

Hilfsorganisationen wie die Caritas versuchen Kinder und Jugendliche, die aus dem Bildungssystem herausgefallen sind, in ihren Einrichtungen aufzufangen. Auch Lücken in der Nachhilfe, der Traumatherapie und der Sozialarbeit in den Familien versuchen derzeit noch die NGOs zu schließen. Um Spannungen in der Bevölkerung zu vermeiden, gilt das Drittelprinzip – 30 Prozent der jordanischen Bevölkerung dürfen an den Hilfsprogrammen für die Flüchtlinge teilnehmen.

Von 250.000 schulpflichtigen Kindern konnten im vergangenen Schuljahr nur 145.000 die Schule besuchen. Dieses Jahr sollen alle syrischen Kinder einen Platz im Klassenraum erhalten.
Foto: Werner Dedl

Rana Hijazeen ist eine der jordanischen Lehrerinnen, die die syrischen Kinder am Nachmittag unterrichten. Am Anfang hätten die Kinder kein bisschen gesprochen. "Viele haben traumatische Dinge erlebt. Sie haben Angst davor, wenn jemand zur Tür hereinkommt oder auf den Tisch klopft. Deswegen sind diese Schulen wichtig. Wir Lehrerinnen versuchen diesen Geräuschen eine andere Bedeutung zu geben: Zum Beispiel imitiere ich ein Tier wenn ich auf den Tisch klopfe, damit diese Geräusche keine Angst mehr auslösen."

Doppelt so viele Stunden für die Lehrer

Seit zwei Jahren unterrichtet Hijazeen doppelt so viele Stunden wie davor. Eine spezielle Ausbildung oder Vergütung gibt es dafür nicht. Die Caritas stockt mit Nachmittagsschulen wie der Melkite-Schule das staatliche Angebot für 2.100 syrische Schüler auf. Der zwölfjährige Hamsi lernt hier seit einem Jahr Arabisch, Englisch und Mathematik: "Früher habe ich Kaffee an der Ampel verkauft. Aber dann habe ich mich furchtbar mit heißem Kaffee verbrannt! Dann haben meine Eltern gesagt, dass ich in die Schule gehen kann, und jetzt habe ich gute Noten."

Der neunjährige Ahmed dagegen geht nur unregelmäßig zum Nachmittagsunterricht und ist dann oft zu müde, um der Lehrerin zu folgen. Am Vormittag verkauft er Süßigkeiten. Viele syrische Flüchtlingskinder in Jordanien können auch deswegen nicht zur Schule gehen, weil sich ihre Eltern die Fahrtkosten oder das Mittagessen nicht leisten können, sagt Samar Bandak, Bildungskoordinatorin der Caritas Jordanien. Tatsächlich entschuldigten 2016 34 Prozent der Eltern das Fernbleiben damit, sich den Schulbesuch nicht leisten zu können.

Brautmodengeschäft im Flüchtlingslager Zaatari. Dort ist auch Kinderheirat ein großes Thema.
Foto: Werner Dedl

Dass ein Pausensnack so fundamental für den Schulbesuch von Flüchtlingskindern ist, hätte im Vorjahr noch keiner geglaubt. Vor genau einem Jahr jedoch kam es aufgrund eines Einbruchs bei den Spenden für die Welthungerhilfe (WFP) zu einem Engpass bei der Essensversorgung. Prompt erschien ein Viertel der Kinder nicht mehr in der Schule. Inzwischen gibt es ein verordnetes dreifarbiges Jausenpaket, am Tag unseres Besuchs abgedeckt durch ein Sandwich, eine kleine Salatgurke und eine Banane. Das soll die Eltern davon abhalten, ihre Kinder zur Essensbeschaffung auf die Straße zu schicken.

Im vergangenen Jahr war nämlich zu diesem Zeitpunkt die Kinderarbeit rasant angestiegen. Auch die Anzahl der Kinderheiraten hat sich vervielfacht und liegt bei 32 Prozent. "Der September 2015 eignet sich gut, um zu veranschaulichen, was passiert, wenn die finanziellen Hilfen wegbleiben", sagt Kilian Kleinschmidt, der zwischen 2013 und 2014 das Flüchtlingslager Zaatari in der Nähe von Amman leitete und im vergangenen Jahr das österreichische Innenministerium beriet.

Mädchenklasse in einem Container im Flüchtlingscamp Zaatari.
Foto: Werner Dedl

Allein in Zaatari gibt es 24 Schulen. Im Lager sei allerdings das Schulangebot noch nicht einmal ausgeschöpft. Dort habe man mit dem fehlenden Glauben der Eltern an einen Bildungsabschluss für ihre Kinder zu kämpfen. Ein Großteil von ihnen wartet seit über vier Jahren auf die Rückkehr in die Heimat und hätte schlicht die Hoffnung auf eine Zukunft in Jordanien verloren, schätzt Kleinschmidt.

Es müssten noch viele Nebenfaktoren aus dem Weg geräumt werden, um den regelmäßigen Schulbesuch aller syrischen Kinder zu sichern und eine verlorene Generation zu verhindern. "Die Schulen sind nicht nur Orte der Bildung, sondern auch der Heilung und der Hoffnung, dass eine bessere Zukunft möglich ist", betont Bildungskoordinatorin Bandak. Lehrerin Hijazeen ist dafür gerne bereit, das doppelte Pensum zu leisten. Sie sieht es auch als gute Gelegenheit, Erfahrung im Unterricht zu sammeln. (Maria von Usslar, 10.9.2016)