Wie gähnen Wellensittiche? Welche Musik mögen Katzen? Sind Hunde Optimisten? Mit solchen Fragen beschäftigt sich die relativ junge, aber boomende Disziplin der Haustierforschung. Was man über Ihr Tier weiß, im Überblick von A bis Z

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Anfang der Forschung: Es ist kein Zufall, dass ausgerechnet jene Tiere so lange von der Wissenschaft vernachlässigt wurden, die dem Menschen am nächsten stehen. Denn in der traditionellen Biologie galten Haustiere als degenerierte, unnatürliche Formen von Wildtieren, deren Studium folglich weniger interessant erschien. In den vergangenen Jahrzehnten hat sich das gründlich geändert, die Haustierforschung ist seither regelrecht explodiert. Zwei Tierarten finden sich besonders häufig in den Fachjournalen: Hunde und Katzen.

Beginn einer Freundschaft: Wann und wo genau Menschen und Wölfe erstmals Partner wurden, ist immer noch Gegenstand wissenschaftlicher Kontroversen. Klar ist: Hunde sind die einzigen Tiere, die schon vor der Sesshaftwerdung des Menschen domestiziert wurden. Genetische Studien der vergangenen Jahre lassen darauf schließen, dass sich Wolfs- und Hundegenom bereits vor 35.000 Jahren im westlichen Eurasien getrennt haben. Die meisten heutigen Hunde gehen allerdings auf eine deutlich spätere Domestizierung in Südostasien zurück.

Chronologie der Hauskatze: Die ältesten Überreste mutmaßlich domestizierter Katzen fand man 2004 auf Zypern, sie werden auf ein Alter von 9500 Jahren datiert. Aus den folgenden Jahrtausenden sind Spuren domestizierter Katzen unter anderem aus Mesopotamien und China bekannt. Zu heiligen Ehren brachten es domestizierte Katzen schließlich vor rund 3600 Jahren im Alten Ägypten. Heute wird ihr weltweiter Bestand auf rund eine Milliarde geschätzt.

Foto: Picturedesk/Mary Evans/Jean-Michel Labat

Domestikationssyndrom: Das Leben mit Menschen geht an Tieren nicht spurlos vorüber. Warum Haustiere nicht nur weniger scheu als ihre wilden Artgenossen sind, sondern sich mit kleineren Zähnen und runderem Gesicht auch optisch von diesen unterscheiden, war lange unklar. 2014 erklärten Forscher im Fachblatt "Genetics" das sogenannte Domestikationssyndrom folgendermaßen: Die Effekte könnten ihre Ursache in der frühen Embryonalentwicklung der Tiere haben. Defekte an einer Gruppe von Stammzellen führen dazu, dass weniger Stresshormone produziert werden, zugleich verursachen sie optische Veränderungen.

Einsame Papageien: Von molekularbiologischen Veränderungen sind auch Graupapageien betroffen, etwa wenn sie einsam sind. Die Vögel sind ausgesprochen sozial, weshalb in Österreich ihre Einzelhaltung verboten ist. Forscher der Vetmed-Uni Wien berichteten 2014 in "Plos One", dass längere soziale Isolation eine Verkürzung der Schutzkappen an den Enden der Chromosomen (Telomere) und dadurch eine raschere Zellalterung bewirkt. Einsame Graupapageien altern also schneller als Artgenossen, die mit einem Partner leben.

Folgenreiche Züchtung: An keinem anderen Tier hat der Mensch einen derart auffälligen Fingerabdruck hinterlassen wie am Hund. Doch die fast schon absurde Vielfalt an Hunderassen hat ihren Preis: Wie Forscher der University of California Los Angeles 2015 in "Pnas" aufzeigten, tragen die Vierbeiner durch die vielen Zuchteingriffe des Menschen gehäuft schädliche Genvarianten in sich. Die fortdauernde Selektion auf bestimmte Merkmale begünstigt einen "genetischen Flaschenhals" – also den Verlust genetischer Vielfalt innerhalb von Rassepopulationen. Die Konsequenz ist das häufigere Auftreten bestimmter Erbkrankheiten.

Foto: L. Miguel Bugallo Sánchez [CC-BY-SA-3.0]

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Gähn-Tests: Mitunter hochansteckend, aber nicht gesundheitsgefährdend ist das Gähnen. In der Verhaltensforschung wird damit getestet, wie empathisch eine Spezies ist. Von ihrer kaltblütigen Seite zeigten sich Köhlerschildkröten in einem Experiment am Messerli-Institut der Vetmed-Uni Wien: Schildkröten, die trainiert wurden, beim Gähnen das Maul weit aufzusperren und den Kopf zurückzulehnen, machten bei ihren Artgenossen keinen Eindruck: Diese gähnten nicht mit. Für diese Erkenntnis erhielten die Britin Anna Wilkinson mit den österreichischen Forschern Natalie Sebanz, Isabella Mandl und Ludwig Huber 2011 den Ig-Nobelpreis in der Kategorie Physiologie.

Hoffnungslos ansteckend: Im Gegensatz zu Schildkröten wirkt Gähnen bei Wellensittichen durchaus ansteckend, wie US-Forscher 2015 zeigen konnten: Für die Studie in "Animal Cognition" wurden Vögeln Videos von gähnenden und nicht gähnenden Wellensittichen vorgespielt, entweder allein oder gemeinsam mit Artgenossen. Das Ergebnis: Sahen die Vögel gähnende Artgenossen im Video, gähnten sie selbst doppelt so häufig. Wurden ihnen die Filme in der Gruppe gezeigt, sogar noch öfter. Wellensittiche dürften demnach über eine hohe Empathiefähigkeit verfügen.

Irrelevante Menschen: "Hunde haben Besitzer, Katzen haben Personal", lautet ein bekanntes Sprichwort, das die Charaktereigenschaften der beliebten Haustiere extrem zuspitzt. Als britische Forscher 2015 in einer Studie in "Plos One" schrieben, dass Hauskatzen unter Trennungen von ihren Menschen viel weniger leiden als oft angenommen, gingen die Wogen dennoch hoch. Sehr zum Missfallen vieler Katzenfreunde fanden Daniel Mills und Kollegen (University of Lincoln) heraus, dass vertraute Menschen für Katzen deutlich unwichtigere Bezugspersonen sind als für Hunde.

Foto: Reuters/Staff

Jeder Blick zählt: Wie sehr Hunde dagegen an ihren Haltern hängen, wurde inzwischen oftmals bestätigt. Japanische Forscher konnten 2015 im Fachblatt "Science" zeigen, dass die Bindung zwischen Hund und Mensch sogar über dieselben biologischen Grundlagen abgesichert wird wie jene zwischen Eltern und ihren Kindern: Beim intensiven Blickkontakt von Mensch und Hund wird das Bindungshormon Oxytocin verstärkt ausgeschüttet, das im Gehirn an Liebe und Zuneigung beteiligt ist.

Kanarien-Arien: Schon seit dem 15. Jahrhundert sind Kanarienvögel als Haustiere beliebt, 2015 gab die Entschlüsselung ihres Erbguts Aufschluss darüber, warum die Vögel im Laufe des Jahres unterschiedlich singen: Die Hormone geben den Ton an. Ganz im Gegensatz zu den nahen Verwandten der Kanarienvögel, den Zebrafinken – deren Gesang ist nicht hormongesteuert.

Lob oder Leckerli: Wie wichtig Hunden die soziale Beziehung zu ihren Menschen ist, hat die Verhaltensforschung längst ausführlich beleuchtet. Das Ergebnis einer kürzlich in "Social, Cognitive and Affective Neuroscience" erschienenen Studie ist aber doch überraschend: In Verhaltensexperimenten zeigte sich, dass die meisten Hunde ein Lob ihres Besitzers einem Leckerbissen vorziehen. Scans mittels funktioneller Magnetresonanztomografie bestätigten, dass es im Gehirn der Tiere bei Lob zu stärkeren Reaktionen kommt.

Foto: mikako mikura

Musikfans: Wie komponiert man Musik für Katzen? Eine Forschergruppe um Charles Snowdon (Universität Wisconsin-Madison) kreierte Samples, die auf die Sinneswahrnehmung der Tiere abgestimmt sind: eine Oktave höher als die Töne, die Menschen produzieren, und mit Rhythmen, die sich am Schnurren oder dem säugenden Geräusch beim Stillen orientieren. Bei vergleichenden Studien mit klassischer Musik zeigte sich: Katzen reagierten auf die "Katzenmusik" viel häufiger mit Schnurren und Sich-am-Lautsprecher-Reiben. Wie vergangene Woche bekannt wurde, bringt Universal Music nun sogar ein Album heraus, das speziell für Katzen produziert wurde: "Music For Cats".

Nachahmungsmeister: Welche Musik Papageien bevorzugen, ist noch unklar – wenn sie einen Songtext aber oft genug hören, können sie mitsingen. Warum gerade diese Vögel so begabt darin sind, die menschliche Sprache nachzuahmen, berichteten Forscher vergangenen Juni im Fachmagazin "Plos One": Sie fanden heraus, dass Papageien im Gegensatz zu Singvögeln eine zusätzliche Zellhülle um die Gehirnareale für das vokale Lernen besitzen, was deren Kapazität deutlich erhöht.

Optimistische Hamster: Domestizierte Hamster sind wählerisch, wenn es um ihre Behausung geht – ruhig sollte es sein, denn sie sind Eigenbrötler, wollen aber auch beschäftigt werden. In einer Studie der Liverpool-John-Moores-Universität aus dem Jahr 2015 wurde ein Stimmungstest entwickelt, um das ideale Hamsterambiente zu ermitteln. Dabei zeigte sich, dass Hamster in Luxuskäfigen (mit mehr Streu, bunten Plastikhäusern, Holzelementen, Hängematte, Knabberstange und Wellness-Laufrad) risikofreudiger und optimistischer agierten als Artgenossen, die spartanischer untergebracht waren.

IBTimes UK

Pessimistische Hunde: Forscher der Sydney-Universität entwickelten hingegen einen Test, um festzustellen, ob ein Hund eher ein Optimist oder ein Pessimist ist. Zu hohen Tönen bekamen die Versuchstiere Milch, bei tiefen nur Wasser. An ihrer Reaktion auf eine mittlere Tonlage konnten die Forscher ablesen, ob die Tiere diese eher als Milch- oder als Wasserton interpretierten. Dabei zeigte sich, dass optimistische Hunde häufiger zu finden sind als pessimistische. Laut den Forschern eignet sich der Test auch dafür, die idealen Charaktere für spezielle Hundejobs zu finden: Als Blindenhunde würden sich pessimistische Vierbeiner besser eignen, da sie vorsichtiger sind, bei der Suche nach Lawinenverschütteten wären hingegen optimistische Hunde passender.

Queensland-Regelung: Kaninchen rufen nicht allerorts Optimismus hervor. In Australien wurden die im 18. Jahrhundert durch europäische Einwanderer eingeschleppten Tiere zu einer regelrechten Landplage mit enormen ökologischen und wirtschaftlichen Konsequenzen. Im Bundesstaat Queensland wurde deshalb die Haustierhaltung von Kaninchen sogar bei Strafe verboten. Nicht immer waren Maßnahmen gegen die Ausbreitung der Tiere auf dem fünften Kontinent erfolgreich: Im 19. Jahrhundert wurden gezielt Katzen ausgesetzt, um Kaninchenpopulationen einzudämmen – und wurden schließlich selbst zur Plage.

Resonanzfrequenz: Damit Katzen bekommen, was sie wollen, kreieren sie ein besonderes Geschrei, fand eine Studie 2009 in Current Biology heraus. Wenn Katzen nach Futter rufen, überlagern sie ein drängendes Miauen in einer Frequenz von 220 bis 520 Hertz mit einem Schnurren in einem niedrigeren Frequenzbereich. Für den Katzenhalter ergibt das eine Kombination, die kaum zu ignorieren ist, wie Studienleiterin Karen McComb (University of Sussex) schrieb.

Foto: APA/dpa/Arno Burgi

Stimmerkennung: Die Fähigkeit, die Stimme einer Person im Gehirn mit deren Bild zu verknüpfen, wurde lange Zeit nur Menschen zugetraut – bis Forscher der University of Sussex in Brighton 2012 herausfanden: Auch Pferde können visuelle und akustische Sinneseindrücke miteinander kombinieren. Offenbar sind Stuten dabei besser als Hengste – vermutlich deshalb, weil sie in freier Wildbahn das Sozialgefüge der Herde stärker zusammenhalten als ihre männlichen Artgenossen.

Trendhunde: Warum sich Hundehalter für eine bestimmte Rasse entscheiden, hängt weniger von der Gesundheit oder Lebenserwartung der Rasse ab, sondern ist vor allem eine Frage der Mode. Wie Forscher der Western Carolina University 2014 berichteten, können Filme mit einem Hundestar die Popularität seiner Art über eine Dekade hinweg heben. In den zehn Jahren nach Erscheinen des Films Die unglaubliche Reise 1963 mit einem Labrador-Retriever als Hauptdarsteller wurden bei der britischen Hundeorganisation Kennel Club durchschnittlich 2223 Hunde dieser Rasse jährlich registriert. In den zehn Jahren davor waren es 452.

Ungeahnte Gefahr: Das Leben mit Hund jedweder Rasse hat zwar viele positive Seiten, doch es birgt auch Gefahren – und diese werden von Menschen oft falsch eingeschätzt, wie eine Befragung von Wiener Forschern kürzlich zeigte. Obwohl die meisten Bissvorfälle bei Kleinkindern vom eigenen Familienhund ausgehen, zeigte sich, dass die Gefahr durch fremde Hunde als viel höher beurteilt wird. Um dem entgegenzuwirken, veranstaltet das Institut für Tierhaltung und Tierschutz der Vetmed-Uni Wien am 17. September ein Symposium, das auf Bissprävention ausgerichtet ist.

Foto: APA/dpa/Patrick Pleul

Verbreitungsproblematik: Die ursprünglich nur im Südosten der USA heimische Rotwangen-Schmuckschildkröte kann auf eine zweifelhafte Erfolgsgeschichte zurückblicken: Als beliebtes Haustier schaffte sie einst den Sprung aus der Region – und weit darüber hinaus. Nach Angaben des Senckenberg-Forschungsinstituts ist sie gar die am weitesten über ihren natürlichen Lebensraum hinaus verbreitete Art der Welt. Für einheimische Schildkröten ist die wachsende Konkurrenz eine Gefahr.

Wilde und zahme Meerschweinchen: Auch beim Meerschweinchen hat der Mensch seine Spuren hinterlassen. 2014 verglichen deutsche Forscher Hausmeerschweinchen mit Wildmeerschweinchen. Es zeigte sich, dass die domestizierten Tiere tendenziell geselliger sind als ihre wilden Verwandten, jedoch weniger abenteuerlustig. Zudem hatten sie einen deutlich höheren Testosteronspiegel, reagierten aber auf Stress mit einem geringeren Anstieg des Cortisolgehalts im Blut als wilde Meerschweinchen.

Xenokratie unter Fischen: Goldfische sind ein Klassiker der Aquaristik. Doch wer meint, tierlieb zu handeln, indem er seine Fische irgendwann in Freiheit entlässt, irrt gewaltig. Wie Forscher kürzlich in "Ecology of Freshwater Fish" berichteten, werden ausgesetzte Goldfische in Australien zu einem riesigen Problem: Die Fischlein können zu Kalibern mit einem Körpergewicht von fast zwei Kilogramm heranwachsen und sind in Flusssystemen extrem mobil. Einmal losgelassen, werden die Allesfresser zu einer ernsthaften Bedrohung für andere Süßwasserfische und Amphibien.

Foto: Murdoch University

Youtube-Stars: Warum sind Katzenvideos im Internet eigentlich so beliebt? Dieser Frage ging Jessica Gall Myrick (Indiana University) 2015 in einer Studie nach. Befragt wurden fast 7000 Personen, die online Katzenvideos konsumieren. Das Ergebnis: Die Mehrheit der Befragten gab an, sich nach dem Videokonsum besser und energiegeladener zu fühlen und weniger negative Gefühle wie Angst oder Traurigkeit zu verspüren. Internetdaten zeigen jedenfalls, dass bis 2014 mehr als zwei Millionen Katzenvideos auf Youtube hochgeladen und fast 26 Milliarden Mal angesehen wurden. Katzenvideos hatten mehr Views als jede andere Kategorie der Plattform.

Zukunft der Haustiere: Katzen haben den Sprung in die digitale Welt längst geschafft. Hunde, die sich stets am engsten an die Entwicklungen des Menschen angepasst haben, kooperieren schon heute mit modernen Technologien – wenn man etwa an Lawinensuch- oder Assistenzhunde denkt. Wohin sich die enge Beziehung zwischen Menschen und ihren Tieren durch die rasante Digitalisierung der Welt künftig bewegt, wird die Forschung noch lange beschäftigen. (Tanja Traxler, David Rennert, 9.9.2016)

Real Grumpy Cat