Im Einführungsproseminar "Inhalte und Methoden der Religionswissenschaft“ bat ich die Studierenden, in Kleingruppen zu versuchen, den Begriff "Religion" zu definieren. Zugegeben, es war eine gemeine Frage, denn es ist mit Abstand eine der schwierigsten, die man Religionswissenschafterinnen und Religionswissenschaftern stellen kann, ähnlich der Frage an Kunstwissenschafterinnen und Kunstwissenschaftern, was denn "Kunst" sei. Dementsprechend herrschte große Uneinigkeit. Von objektiv beobachtenden Feststellungen wie "Religion ist eine anthropologische Konstante" bis hin zu deutlich konfessionell geprägten Zugängen, war vieles dabei. Diese Uneinigkeit ist wenig verwunderlich und demonstriert lediglich einen wichtigen Punkt: Nämlich, dass die Bestimmung des Begriffs "Religion" überaus komplex ist. Bis heute gibt es innerhalb der Religionswissenschaft keine allgemein anerkannte universelle Definition.

Dies hat unterschiedliche Gründe. Zum einen liegt es allein an der großen Vielfalt an unterschiedlichsten religiösen Bewegungen, Strömungen und Phänomenen aus verschiedensten historischen und kulturellen Zusammenhängen, die unter dem Begriff "Religion" subsumiert werden sollen. Kurz gesagt: Wenn ich so unterschiedliche Phänomene, wie beispielsweise antike mesopotamische Göttermythen mit Scientology-Auditings unter einem Überbegriff zusammenfassen möchte, ist es klar, dass das nicht leicht sein wird. Dann wird man zusätzlich noch mit Fragen konfrontiert, wie: "Ist jetzt eigentlich Fußball Religion?" Auch darauf fallen die Antworten ganz unterschiedlich aus, je nachdem, welcher Definition von "Religion" man nachgeht.

Wie passen neue religiöse Bewegungen – Scientology oder Mormonentum – zum Überbegriff "Religion"?
Foto: AP/Rick Bowmer

Fakt ist außerdem, dass jeder Begriff immer an den jeweiligen kulturellen, sozialen und historischen Kontext gebunden ist, in dem er entsteht. Bei dem Begriff "Religion" ist dies natürlich auch der Fall: Er ist ein Produkt der abendländischen Geistesgeschichte und daher stark an diesen Deutungshorizont gebunden. Deshalb ist es auch oft schwierig, ihn auf andere Zusammenhänge eins zu eins zu übertragen. In der Religionswissenschaft braucht es aber einen Begriff von "Religion", der an keinen konfessionellen Kontext gebunden ist. Schließlich ist es die Aufgabe der Religionswissenschaft, als konfessionsungebundene Kulturwissenschaft unterschiedlichste religiöse Phänomene als Bestandteil menschlicher Geschichte, Kultur und Gesellschaft objektiv zu erforschen. Aber wie kommt man zu einem so allgemeinen Begriff von Religion, zu einer klaren Definition, die alle noch so unterschiedlichen historischen und aktuellen Phänomene zu erfassen vermag? Man muss dazu etwas identifizieren, das alle gemeinsam haben.

Inhaltliche Bestimmungen

Eine Möglichkeit ist es, nach gemeinsamen Inhalten unterschiedlicher Religionen, sozusagen nach einer gemeinsamen "Substanz" zu suchen. Das machen sogenannte substanzialistische Religionsbegriffe. Sie fragen, was das Wesen von Religion beziehungsweise deren Inhalt im Allgemeinen darstellt. Dabei wird der kleinste gemeinsame Nenner unterschiedlich weit gefasst. Wegen der Bindung des Begriffs an die abendländische Kultur- und Geistesgeschichte wird oftmals Gott als konstitutives Grundelement unterschiedlicher Religionen angenommen.

Eine Religionsdefinition, die – vereinfacht formuliert – "Religion ist der Glaube an einen Gott oder mehrere Götter oder Göttinnen" lautet, ist jedoch aus religionswissenschaftlicher Perspektive äußerst problematisch: Aus dem einfachen Grund, dass nicht alle Religionen Götter haben beziehungsweise hatten. Ein Beispiel hierfür wäre der frühe Buddhismus, bei dem man sich trotzdem einig ist, dass es sich dabei um eine Religion handelt.

Auch wenn man sich dem durch die Wahl abstrakterer Begriffe, wie etwa "dem Heiligen", dem zu entziehen versucht, bleibt noch immer das Problem, dass eine inhaltliche Bestimmung des Religionsbegriffs bestimmte Religionen ausschließt und häufig dazu neigt, einerseits eurozentristisch und andererseits stark christlich beeinflusst zu sein.

Im Zentrum vieler - aber nicht aller - Religionen steht der Glaube an Gottheiten.
Foto: AP/Joshua Paul

Funktionale Bestimmungen

Eine andere Möglichkeit ist, nicht zu fragen, was Religion ist, sondern was sie tut. Solche funktionalistischen Zugänge definieren Religionen danach, dass sie in der Lage sind, bestimmte soziale Funktionen zu erfüllen. Auch diese werden unterschiedlich gefasst. Oft genannt werden beispielsweise die gemeinschaftsstiftende Funktion von Religion, das Stiften von Orientierung, die Sinngebung, und so weiter.

Der Vorteil an funktionalistischen Zugängen zu Religion ist, dass sie viel weniger von vornherein ausschließen als etwa substanzialistische. Das ist aber zugleich auch ein Nachteil, denn dadurch, dass sie oft so weit gefasst sind, neigen die Definitionen auch häufig dazu, stark zu verwässern. Wenn ich Religionen darüber definiere, dass sie Gemeinschaft generieren und Orientierung stiften können, dann muss ich feststellen, dass das für sie kein Alleinstellungsmerkmal darstellt. So könnte man zum Beispiel sagen, dass politische Ideologien in der Lage sind, dasselbe zu leisten. Oder – um nochmal auf dieses besonders beliebte Beispiel zurückzukommen – Fußball. Hier drohen die Grenzen des Begriffs also aufgrund seiner Offenheit wiederum zu stark zu verschwimmen.

Religion generiert unter anderem Gemeinschaft - zum Beispiel durch das gemeinsame Gebet.
Foto: APA/AFP/ARIF ALI

Ein Fach ohne Gegenstand?

Wie man also sieht, ist es sowohl problematisch, einen allgemeinen Religionsbegriff auf einen vermeintlichen inhaltlichen Kern aller Religionen zu beziehen, als auch auf deren Funktionen. Beide Definitionsversuche – substanzialistische und funktionalistische – weisen ihre Grenzen auf. Es gibt natürlich noch unzählige andere wissenschaftliche Definitionsversuche des Begriffs Religion, die den Umfang dieses Beitrags sprengen würden. Was zu sagen bleibt, ist, dass sich besonders die gängigsten Religionsdefinitionen oft dadurch auszeichnen, dass sie ihren Gegenstand "eindimensional" bestimmen. Hierbei wird aus zahlreichen Faktoren ein bestimmter Aspekt ausgewählt, der dann die Grundlage der Definition bildet, was zwangsläufig reduktionistisch ist und somit nicht in der Lage, die Komplexität unterschiedlichster religiöser Systeme zugleich zu erfassen. 

Aber was bedeutet das für die Religionswissenschaft? Zunächst einmal, dass man sich damit abzufinden muss, dass eine allgemeingültige Definition von Religion nicht möglich ist. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit erfordert dennoch, zumindest eine Annäherung zu schaffen. Wie sich diese Annäherung an den Begriff gestaltet, hängt oft stark von der jeweiligen Richtung innerhalb der Religionswissenschaft ab. So wird innerhalb der Religionssoziologie Religion immer im Verhältnis zu Gesellschaft definiert werden, während religionspsychologische Zugänge stärker vom Individuum und dessen Psyche ausgehen und religionsethnologische Zugänge Religion im Kontext von Kultur zu verstehen versuchen. Wie "Religion" innerhalb der Wissenschaft definiert wird, hängt also wesentlich vom jeweiligen Kontext und Forschungsinteresse ab. Zentral sind dabei aber immer ein möglichst wertfreier und objektiver Zugang und das gleichzeitige Bewusstsein, dass jeder Religionsbegriff durch den spezifischen soziokulturellen und historischen Kontext, dem er entstammt, geformt ist und daher nie alles erfassen kann. (Kathrin Trattner, 7.6.2017)

Weiterführende Literatur

  • Klaus Hock: Einführung in die Religionswissenschaft. Darmstadt: Wiss. Buchges. 2011. (Kapitel II: Was ist Religion?)
  • Johann Figl: Religionsbegriff. Zum Gegenstandsbereich der Religionswissenschaft. In: Johann Figl (Hg.): Handbuch Religionswissenschaft. Religionen und ihre zentralen Themen. Innsbruck/Wien: Tyrolia 2003.

Weitere Beiträge im Religionswissenschaftsblog