Über die App Diagnosia lassen sich Patienteninformationen mit der Medikamentendatenbank verknüpfen.

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In der Antike kosteten Ärzte den Urin von Patienten, um etwa Diabetes zu diagnostizieren. Seither hat sich die Diagnostik doch etwas weiterentwickelt. Die Digitalisierung liefert den jüngsten Anstoß, Diagnosen zu verbessern. Ziel ist es nicht nur, präziser zu werden, sondern auch günstiger, schneller und vor allem weniger invasiv. Österreichische Jungunternehmer sind bei dieser Entwicklung vorne mit dabei.

Die österreichische Diagnose-App für Diabetes mySugr ist heute auch vielen ein Begriff, die nicht an der Zuckerkrankheit leiden. Deren Gründer Frank Westermann, Fredrik Debong, Gerald Stangl und Michael Forisch sind längst Legenden der hiesigen Start-up-Szene. Dem Wiener Jungunternehmen ist bekanntlich der große Durchbruch im Juni gelungen, als der Pharmariese Roche das Unternehmen für kolportierte 70 bis 200 Millionen Euro kaufte.

Über eine Million Diabetiker lassen sich von der in Europa und den USA zertifizierten Software das Leben mit der Zuckerkrankheit erleichtern. Blutzuckerwerte der Patienten lassen sich von einem Messgerät drahtlos auf das Handy übertragen und in einem Tagebuch verwalten. Mediziner stehen beratend zur Seite. Anwender müssen seltener ins Spital, was auch Versicherer freut.

Die Dosisdatenbank

Das heimische IT-Start-up Diagnosia will ebenfalls hoch hinaus. Soeben erhielt das Wiener Unternehmen eine knappe Million Euro. Die Kapitalspritze kam vom Investor Johann "Hansi" Hansmann, dem Investmentfonds Speedinvest und der GI Pharma. Ziel ist es, nach Deutschland zu expandieren. Denn in Österreich ist Diagnosia längst kein Neuling. Über die kostenlose App des 2011 gegründeten Unternehmens greifen heute bereits 14 Prozent der heimischen Ärzte auf eine Medikamentendatenbank zu. Darin sind rund 18.000 Interaktionen medizinischer Wirkstoffe erfasst. Umsatz macht das Unternehmen mit der dazugehörigen Datenbanksoftware für Spitäler. Im Burgenland und in Tirol ist die österreichische Datenbank bereits flächendeckend im Einsatz, erklärt Mitbegründer Lukas Zinnagl im Standard-Gespräch. Insgesamt setzen 43 Krankenhäuser auf die Datenbank.

Dosierung per Handy-Scanner

Der Vorteil der Innovation: Die Patienteninformationen lassen sich mit der Medikamentendatenbank verknüpfen. Per Handy-Scanner kann der behandelnde Arzt somit ein verschriebenes Medikament auf die richtige Dosierung und potenzielle Neben- und Wechselwirkungen überprüfen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass die Spitäler den Krankheitsverlauf ihrer Patienten und die Behandlungsschritte auch digital verwalten.

Da ist Österreich aber noch weit hinten, sagt Zinnagl. Die Datenbank wird daher eher noch als Nachschlagewerk verwendet. Umso wichtiger ist dem Unternehmer, die App unter Medizinern populär zu machen. Je mehr Ärzte die App von sich aus verwenden, desto größer sind die Vorteile für ein Spital, die dazugehörige Datenbanksoftware einzuführen.

Potenzial bei Weiterbildung

Potenzial sieht man bei Diagnosia auch in der Weiterbildung von Medizinern. Im Chat der App können Ärzte mit einem Expertenteam Fallbeispiele durchgehen. Diese Funktion sei auch für Pharmakonzerne attraktiv, die solche Übungsfälle sponsern könnten, sagt Zinnagl.

An den nächsten Diagnoseneuheiten wird hierzulande bereits getüftelt. Beim Finale des Falling Walls Lab, ein internationaler Innovationswettbewerb im November in Berlin, wird Agnes Reiner von der Med-Uni Wien ein Teamprojekt zur Früherkennung von Eierstockkrebs präsentieren.

Ebenfalls zum Finale fährt Johannes Bintinger von der TU Wien. Der Chemiker hat eine Technologie entwickelt, um den Geruchssinn zu digitalisieren. Damit sollen am menschlichen Atem bestimmte Krebsformen im Frühstadium erkannt werden.

Ob die Jungwissenschafter die Grundsteine für die nächsten Medizin-Start-ups aus Österreich legen, bleibt abzuwarten. Interessierte Investoren werden wohl bald ihre eigene Diagnose stellen. (Leopold Stefan, 13.9.2017)