Schon vor drei Jahren hat der damalige EU-Parlamentspräsident Martin Schulz vor dem digitalen Terrorismus gewarnt. In der Zwischenzeit haben wir uns dieser Dystopie deutlich angenähert. Technologie ist auf dem besten Weg unsere Demokratie zu ersetzen, denn wir glauben nur noch an Big Data – das gilt insbesondere für die Politiker. War es früher die Meinungsumfrage, auf die die Abgeordneten vertrauten, sind es jetzt die Daten, denn die seien objektiv und nicht emotional. Mit Hilfe von Big Data ließen sich alle Probleme von selbst lösen. Dem widerspricht der deutsche Computerwissenschaftler Dirk Helbling im "Ö1"-Interview: Daten seien ein willkürlicher Ausschnitt aus der Wirklichkeit, die schneller wüchsen, als sie verarbeitet werden könnten.

Wir steuern auf die Diktatur der Daten zu

Sind wir also auf dem Weg in die digitale Planwirtschaft? Einiges spricht dafür. Dazu sagte Franz Zeller jüngst in einer "Matrix"-Sendung auf "Ö1", die Tech-Firmen des Silicon Valley würden die Meinung vertreten, dass Technologie die unvollkommene Demokratie ersetzen wird. Und dafür werden schon eifrig Daten gesammelt: Vitalwerte, Postings in Social Media, physische Bewegungsprofile und dergleichen. Wenn erst einmal genügend Daten erfasst sind, dann würden sich die Probleme wie von selbst lösen. Das erinnert an mittelalterliche Religionsvorstellungen und feudale Herrschaftssysteme. Der Unterschied ist nur, dass Daten als Heils- und Segensbringer angesehen werden. Es ist also nur noch ein kleiner Schritt hin zur Datendiktatur.

Große Technologieunternehmen wie Google könnten die Demokratie in Zukunft ersetzen.
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China gibt uns dafür einen Vorgeschmack. Dort werden schon heute alle möglichen Daten durch staatliche Stellen erhoben und ausgewertet. Und wenn jemand nicht dem staatlichen Profil entspricht, dann bekommt er keinen Studienplatz und kein Visum für die Auslandsreise. Ansätze zu einer Datendiktatur gibt es aber auch in Europa: Die Geheimdienste des Vereinigten Königreichs setzen Programme ein, die das Film- und Radiokonsumverhalten der Bürger erfassen. Der Staat will für den Krisenfall gerüstet sein und wissen, auf welche Ressourcen er gegebenenfalls zugreifen kann.

Google sammelt in Großbritannien offiziell Gesundheitsdaten

Ganz offiziell hingegen ist Googles Dienstleistung für das staatliche Gesundheitswesen (National Health Service, NHS) in Großbritannien. Google sammelt kostenlos Daten und wertet sie für das NHS aus. Der Staat lagert eine Grundversorgung an ein privates Unternehmen aus und wird bald nicht mehr in der Lage sein, diese Dienstleistung selbst zu erbringen. Dann ist für Google der Moment gekommen, seine Leistungen in Rechnung zu stellen.

In der digitalen Welt geht es nicht mehr um die Eroberung von Landterritorien, sondern um die Besetzung großer Datenterritorien. Wer im 21. Jahrhundert über die Daten herrscht, der hat die Macht. Aber das werden definitiv nicht mehr Regierung und Politiker sein, sondern die Privatunternehmen der reichen Milliardäre. Und die verfolgen ihre ganz eigenen Ziele. (Markus A. Gaßner, 23.11.2017)