Während in den meisten Staaten das Verhindern des Einstiegs in den Tabakkonsum bei den Kindern politische Priorität genieße, hätte Österreich eine ganz andere Stellung, sagen die Experten.

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Wien – Österreich drohe international ein Schandfleck in den Aktivitäten gegen den Tabakkonsum zu bleiben bzw. seine Position noch weiter zu verschlechtern, wenn die künftige schwarz-blaue Regierung das vorgesehene Gastronomie-Rauchverbot kippt. Diese Warnung haben internationale Experten in einem offenen Brief an VP-Chef Sebastian Kurz ausgesprochen.

"Österreichs tödlichste Epidemie kann ohne entschlossene Führung nicht beendet werden", stellen Vaughan Rees, Leiter des Zentrums für globale Tabakkontrolle (Harvard Chan School of Public Health) und Lindau Bauld, Präsidentin der europäischen Forschungsgesellschaft zu Nikotin und Tabak vom britischen Zentrum für Studien über Tabak und Alkohol, in dem Schreiben fest. Die Fachwelt hätte Österreichs Status bei den Maßnahmen zur Tabakkontrolle in Europa bereits in dreifacher Hinsicht mit einem negativen Spitzentitel belegt.

Raucherzahl in Österreich konstant

"Weltweit sind die Raucherquoten zurückgegangen, was zu besserer Gesundheit und zu einem geringeren Risiko für einen frühzeitigen Tod für Millionen Menschen geführt hat. Nur ein OECD-Mitgliedsland ist da ständig gegen den Strom geschwommen: Österreich", stellen die Experten fest.

"In Österreich blieb der Anteil der täglichen Raucher über Jahrzehnte erstaunlich konstant. Es waren 23,5 Prozent im Jahr 1979, 24,3 Prozent in den Jahren 1997 und 2014", heißt es in dem offenen Brief. In der Zwischenzeit sei die Rate der täglich Rauchenden in den USA von 33,5 Prozent auf 20,3 Prozent und dann auf 12,9 Prozent zurückgegangen, in Großbritannien von 39,5 Prozent auf 27,5 Prozent und schließlich auf 19 Prozent.

Fachleute warnen vor Rückschritt

Während in den meisten Staaten das Verhindern des Einstiegs in den Tabakkonsum bei den Kindern politische Priorität genieße, hätte Österreich eine ganz andere Stellung. "Traurigerweise hatte Österreich laut den OECD-Daten 1993 die höchste Raucherrate unter den 15-Jährigen, ebenso noch im Jahr 2013. In diesen 20 Jahren verringerte sich diese Quote nur von 30 auf 27 Prozent", schrieben Rees und Bauld.

Auch einen dritten Negativ-Championtitel und somit die "Rote Laterne" trage Österreich seit Jahren: jenen der schwächsten Maßnahmen zur Kontrolle des Tabakkonsums unter 35 europäischen Staaten (2007 bis 2016). "Und jetzt: Österreichs vierter Negativ-Titel? Österreich könnte das erste Land der Welt werden, das bei den lebensrettenden Maßnahmen zur Tabakkontrolle einen Schritt zurück macht", schrieben die Fachleute mit Hinblick auf ihre Befürchtung, die künftige Regierung könnte das bereits vorgesehene generelle Rauchverbot in der Gastronomie wieder rückgängig machen, das dazu beschlossene Gesetz ändern.

Rauchverbote als Warnung

"Eine rauchfreie Gastronomie ist essenziell für den Schutz der Gesundheit von Tausendenden Beschäftigten in Österreich und einer noch viel größeren Anzahl von Kunden. Das wird die Gesundheitskosten durch Tabak-bedingte Krankheiten reduzieren, was eine erhebliche Belastung für die österreichische Wirtschaft darstellt, und die Lebensfähigkeit und den Erfolg der österreichischen Gastronomie und Hotelwirtschaft sicherstellen", heißt es in dem Brief.

Das Ziel von Gesetzen mit Rauchverboten sei immer der Schutz anderer Menschen inklusive der Kinder, die sich selbst keine rauchfreie Umwelt aussuchen könnten, wenn es nicht solche Beschränkungen gebe. "Laut WHO (Weltgesundheitsorganisation; Anm.) sterben jedes Jahr 600.000 Passivraucher. Nicht jeder Raucher kann mit dem Rauchen aufhören, weil es sich um eine Sucht handelt, und jeder Raucher hat auch das Recht, weiter zu rauchen. Aber die persönlichen Rechte hören dort auf, wo man andere Menschen schädigt. Passivrauch tut gerade das", warnten die internationalen Fachleute. Rauchverbote würden dabei als Warnung für die Menschen wirken und die Raucherquoten reduzieren helfen.

Kein wirtschaftlicher Schaden

"Die Österreicher haben das gleiche Recht auf Schutz vor Passivrauch wie es die Bürger anderer Staaten seit Jahren genießen", stellte Vaughan Rees zu dem Offenen Brief von VP-Chef Kurz im Gespräch mit der APA fest. Man müsse das generelle Rauchverbot in der Gastronomie endlich umsetzen. Linda Bauld fügte hinzu: "Es gab auch in Großbritannien Skepsis bezüglich dieser Gesetze. Aber die Ängste von einigen Restaurantbesitzern waren nicht gerechtfertigt. Die Bevölkerung hat die Maßnahmen gewünscht und stark unterstützt." Seit 20 Jahren sei wissenschaftlich belegt, dass es durch Rauchverbote in der Gastronomie zu keinem wirtschaftlichen Schaden für die Branche komme. (APA, 9.12.2017)