Es ist immer witzig –  aber auch wichtig –  wenn Allgemeinwissen durch Wissenschaft bestätigt wird. Das tut der deutsche Arbeitspsychologe Andreas Liebl, Leiter der Gruppe Psychoakustik und kognitive Ergonomie am Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Stuttgart in der "Zeit" in der vergangenen Woche, wenn er meint, dass in Großraumbüros die Gespräche von Kollegen besonders störend sind. Das Gehirn kann die Stimmen anderer nur schlecht ausblenden. Da es immer automatisch mithört, wird die Konzentration auf die eigene Aufgabe gestört und die Leistung sinkt. Wenn der Gesprächsinhalt so gar nichts mit dem eigenen Aufgabengebiet zu tun hat oder – noch schlimmer – es sich um ein Privatgespräch handelt, dann ist überhaupt niemandem damit gedient.

Ein Viertel fühlt sich durch Lärm in Großraumbüros gestört

Laut einer Untersuchung der Universität Sydney fühlt sich ein Viertel der Mitarbeiter in Großraumbüros durch Lärm gestört, während das in Einzelbüros nur bei zehn Prozent der Fall ist. Je mehr Mitarbeiter in einem Büro sitzen, desto mehr Ablenkung gibt es. Da knallt schon einmal eine Tür zu und da haut der eine oder andere Mitarbeiter unnötig laut in die Tasten seines Computers. Das haben auch schon die Mitarbeiter von Apple in ihrem neuen Headquarter in Cupertino herausgefunden – der STANDARD berichtete.

Kopfhörer gehören zur Standardausstattung von Großraumbüros.
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Pro Tag gehen 86 Minuten produktive Arbeitszeit verloren

Das Marktforschungsinstitut Ipsos fand heraus, dass pro Arbeitstag im Großraumbüro bis zu 86 Minuten produktive Arbeitszeit durch störende Nebengeräusche verlorengehen. Lärm im Büro fördert Kündigungen, Krankschreibungen und Leistungsminderung. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Untersuchung des US-amerikanischen Psychologen Norman Triplett aus dem Jahr 1889. Er stellte einer Gruppe von Kindern die relativ einfache Aufgabe, eine Angelschnur aufzuwickeln. Wenn sich andere Kinder im Raum aufhielten und zusahen, dann erledigten die Probanden ihre Aufgabe schneller. Viele ähnlich gelagerte Folgeexperimente ergaben allerdings, dass die Leistung bei anspruchsvolleren Aufgaben sinkt, wenn sich andere Personen im selben Raum befinden.

Im Umkehrschluss hieße das wohl, dass es Unternehmen gibt, die ihre Angestellten in Großraumbüros unterbringen, weil sie sich von ihnen ohnehin keine Höchstleistungen erwarten. Aber es gibt auch Unternehmen, die ihren Mitarbeitern komplexe Aufgaben zutrauen und für sie eine Arbeitsumgebung schaffen, die ihnen ungestörtes und konzentriertes Arbeiten ermöglicht. Es liegt auf der Hand, welche Strategie langfristig die bessere ist. (Markus A. Gaßner, 15.1.2018)