Im Jahr 2000 erschien ein Buch, dessen Titel auf den ersten Blick eher erwarten ließe, dass es in den hintersten Winkeln einer universitären Fachbibliothek verschwinden und nur von wenigen gelesen würde. Doch entfachte das Buch über "Die syro-aramäische Lesart des Koran" mit dem vielversprechenden Untertitel "Ein Beitrag zur Entschlüsselung der Koransprache" eine intensive Debatte weit über die Grenzen der Fachwissenschaft hinaus. Das wurde auch durch die Tatsache befeuert, dass der Autor sich ein Pseudonym, "Christoph Luxenberg", zulegte, um nicht direkt in die Debatte hineingezogen zu werden.

Islam als eine verfälschte Version des Christentums

Die These des Buches lässt sich in der Behauptung zusammenfassen, dass der heutige Grundlagentext der zweitgrößten Religion der Welt, der Koran, in wesentlichen Teilen nur eine Art Übertragung eines frühen syrischen Bibeltextes sei. Vor allem die älteren Teile des Koran, die in der heutigen Anordnung eher weiter hinten zu finden sind, und die in der Tat eine Reihe von sprachlichen Schwierigkeiten bieten, könne man leichter verstehen, wenn man wesentliche Termini nicht vor dem Hintergrund der arabischen Sprache – wie das die frühen Korankommentatoren gemacht haben –, sondern quasi mit einem syrischen Wörterbuch lesen würde.

Damit verbindet sich implizit die Botschaft, dass es sich um einen Text handle, dem weitgehend die Originalität fehlt, dass der Grundtext des Islam sozusagen nur leicht geänderte Versionen von christlichen Texten seien, die von den nachfolgenden Generationen zudem gründlich missverstanden wurden. Besonders spektakulär waren zudem einige neue "Lesarten" bekannter koranischer Passagen. So wären die von jihadistischen Gruppierungen gerne ins Spiel gebrachten Paradiesjungfrauen –  hur, eigentlich eine Pluralform, meist mit dem Zusatz "großäugig" –, die den im Jihad Gefallenen erwarten, gar keine Frauen, sondern (bloß) "Weintrauben".

Laut Buchautor Luxenberg ist der Koran nur eine veränderte Version eines Bibeltextes.
Foto: REUTERS/Joshua Roberts

Die These des oben genannten Buches ist nicht so neu, wie oft dargestellt. Das Buch hat vielmehr unterschiedliche Ansätze und Erklärungsversuche zusammengeführt und auf Basis von philologischen Spitzfindigkeiten mit einer sehr eindeutigen, aber im Endeffekt sehr simplen Botschaft verquickt, die den Subtext bildet: Der Islam ist nur ein leicht travestiertes Christentum, eine Art Häresie, eine verfälschte Version des Christentums, die dann zur Basis einer neuen Religion wurde, weil sie von den nachfolgenden Generationen falsch verstanden wurde.

Wie entstand der Koran eigentlich?

Im Hintergrund dieser gesamten Diskussion steht die äußerst komplexe und diffizile Frage nach der Entstehung des Koran und damit verbunden nach dem Wirkens und der Person Mohammeds und seiner Nachfolger. Sie führt damit an die Ursprünge Islam, der die Welt ab dem 7. Jahrhundert gründlich veränderte. In gewisser Weise stellt das Buch von Luxenburg den –  allerdings völlig überzogenen – Endpunkt einer schon länger schwelenden Diskussion dar, die sich in der westlichen Forschung schon im 19. Jahrhundert entwickelte. Es ging dabei um Fragen der Historizität und vor allem darum, ob Mohammed wirklich der alleinige Urheber dieses Textes gewesen sein könnte.

Dabei lässt sich aber beobachten, dass man – bei aller Problematisierung der islamischen Überlieferung – auch in der westlichen Forschung im Großen und Ganzen am islamischen Paradigma festhielt: Der Koran sei die Sammlung dessen, was im Wesentlichen auf Mohammed zurückgeht und das relativ rasch nach seinem Tod seine heutige Gestalt bekommen hätte. Das zeigt sich am deutlichsten im sogenannten "Standardmodell" zur chronologischen Sortierung der Abschnitte und Verse des Koran, das, orientiert an der arabischen Kommentarliteratur, diesen ihren Platz in der Biographie Mohammeds zuweist.

Westliche Forschungen beschäftigen sich mit der Frage der Entstehungsgeschichte des Koran.
Foto: AP Photo/Rahmat Gul

Mohammed und der jüdische Kontext in Medina

Doch blieb dieses Festhalten nicht ohne Einspruch und schwingt in der westlichen Forschung im Grunde genommen seit dem 19. Jahrhundert schon immer mit. Im Jahr 1977 erschienen relativ zeitgleich zwei Publikationen, die oft als Startschuss für die moderne Problematisierung des klassischen Zugangs angesehen werden, nämlich die "Qur'anic Studies" von John Wansbrough und das Buch "Hagarism. The Making of the Islamic World" von Michael Cook und Patricia Crone. Zusammen mit dem Buch "Über den Ur-Qur'ān: Ansätze zur Rekonstruktion vorislamischer christlicher Strophenlieder im Qur'ān" von Gunter Lüling aus dem Jahr 1974, gelten diese Publikationen als epochemachend, wenn auch in ihren Schlüssen als überzogen und über das Ziel hinausschießend.

Wansbrough untersuchte – ganz auf den Spuren des großen Islamwissenschafters Ignaz Goldziher – eingehend die biografische Literatur zu Mohammed und insbesondere die gesamte Kommentarliteratur (tafsir) und kam dabei zum Schluss, dass der Koran erst in der Abbasidenzeit, das heißt ab dem 8./9. Jahrhundert seine heutige Gestalt bekam und zuvor einer Vielzahl von unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt war. In "Hagarism" von Cook und Crone steht die These im Vordergrund, dass der Islam eine Art Fortentwicklung einer als "Hagarismus" bezeichneten religiösen Tradition wäre, die ihren Namen von der biblischen Hagar hat und nichts anderes als eine Variante des Judentums wäre. Der Islam ist also in diesem Fall primär als eine Art travestiertes Judentum zu verstehen, wofür es insofern vernünftige Ansätze gibt, als auch in der islamischen Tradition eine enge Allianz zwischen Mohammed und den Juden gegeben war, insbesondere in der Frühzeit von Medina und ganz abgesehen von dem Betonen des Eingottglaubens – auch gegen die sich entwickelnde Trinitätslehre des Christentums.

Der Koran entstand in starker Wechselwirkung mit Judentum und Christentum.
Foto: APA/AFP/THOMAS COEX

Islamische Geschichtsschreibung in Frage stellen

Mit ihren kühnen Thesenbildungen haben beide Bücher in der Islamwissenschaft viel Aufsehen erregt. Allerdings gelten die Thesen als zu weitgehend und die herangezogenen Quellen – insbesondere bei Cook und Crone – als zu willkürlich ausgewählt. Jedoch werden sie bis heute als wichtige Impulsgeber angesehen, die viele Vorüberlegungen auf den Punkt gebracht haben. Beiden Büchern gemein ist zudem, dass sie die gängige islamische Geschichtsschreibung in Frage stellen und unter Heranziehung anderer Quellen und im Rückgriff auf außerislamische Hinweise ein völlig neues Bild von der Entstehung dieser Religion zeichnen wollen.

Letzterer These wird zwar in der Forschung bis heute noch relativ klar gefolgt, differenzierter sieht man jedoch die Frage, in welchen Kontexten Mohammed agierte und unter welchen Einflüssen er stand. Dabei steht heute völlig außer Diskussion, dass er mit einer bereits sehr entwickelten sowohl christlichen als auch jüdischen Kultur verbunden war. Nur so lassen sich die vielen Referenzen an diverse Gestalten des Alten und des Neuen Testamentes erklären, die er offenbar aufgriff und dann in sein neues, eigenständiges System einzubauen versuchte.

Koran im Kulturraum seiner Entstehung interpretieren

Dabei spielt insbesondere die Einbettung in einen religiösen Kontext eine Rolle, den man gerne mit dem sehr weit gefassten Begriff Spätantike beschreibt. Der Koran wäre so gesehen als Teil der Kultur- und Religionsgeschichte desjenigen Kultur- und Sprachraums zu interpretieren, in dem er entstand. Das ist auch die Grundaussge derjenigen Publikation, die aktuell vor allem im deutschsprachigen Raum, aber auch darüber hinaus als der aktuellste Zugang zu diesem Thema angesehen werden kann.

Die heilige Schrift der Muslime war vielen unterschiedlichen Einflüssen ausgesetzt.
Foto: REUTERS/Baz Ratner

Im deutschsprachigen Raum ist es vor allem das umfangreiche Werk von Angelika Neuwirth, die mit dem Buch "Der Koran als Text der Spätantike" ein Modell einführt, das seinen Fokus auf die Dialogsituation zwischen dem verkündenden Mohammed und seiner Gemeinde legt und dabei viele Aspekte des Koran unter dem Blickwinkel seiner Nähe zu einer – recht großzügig definierten – Spätantike untersucht, die wiederum viele christliche, aber auch jüdische Elemente geprägt haben. Viele dieser Überlegungen finden nun Eingang in das Berliner "Corpus Coranicum"-Projekt, das im Entstehen ist und an dessen Ende eine Art umfangreiche Kommentierung des Koran unter Einbezug aller möglichen Parallel- und Ergänzungstexte steht.

Die heiligen Texte und deren Wechselwirkung

Das ist konform mit aktuellen Ansätzen in der US-amerikanischen Forschung, wo vor allem der an der University of Notre Dame lehrende Gabriel Said Reynolds wichtige Impulse liefert. Hier geht es um die sehr philologisch und historisch orientierte Forschung zum Wechselverhältnis von Christentum und Islam, wo auch das Thema der Entstehung des Koran immer wieder aufgenommen wird. Reynolds‘ Meinung nach ist der Koran primär in einer christlich und jüdisch geprägten Umgebung entstanden – und nicht in einer paganen – und deshalb ist er auf weite Strecken nur mit diesen biblischen Hintergründen verstehbar.

Weitergesponnen wird das auch in interreligiös orientierten theologischen Kreisen, wo man die Interdependenz der "heiligen" Schriften des Judentums, des Christentums und des Islam positiv aufnimmt und gewissermaßen als eine Einladung zu gegenseitigem Kennenlernen und Weitertheologisieren interpretiert. Diese Disziplin nennt sich "Scriptural Reasoning" und entstand ursprünglich im Kontext jüdischer Theologie in den USA, die christliche Theologen zur wechselseitigen Lektüre der Bibeltexte aufforderte. Nun wird dies über den Bereich der jüdisch-christlichen Schriften auf den Koran hin gedehnt, den man so gesehen in den gemeinsamen Bezugsrahmen hineinnimmt.

Muslime und die Schwierigkeit, den Koran zu hinterfragen

Von muslimischer Seite gibt es diesbezüglich eine nicht sehr ausgeprägte Rezeption, zuweilen reagiert man auf solche Forschungen sogar allergisch. Tief religiöse Menschen können oft nur schwer akzeptieren, dass ihr "heiliger Text" eine Geschichte hat, dass er quasi nicht vom Himmel gefallen ist, sondern unter spezifischen Bedingungen der religiösen Umwelt entstand und dann vielfach Veränderungen erfuhr, bis er seine heutige Gestalt bekam.

Das spiegelt sich auch in der islamischen Tradition selbst wider, die für die Figur Mohammeds die völlige Unvoreingenommenheit betont, bis hin zur Angabe, er wäre eigentlich illiterat, ummī, gewesen. Damit wäre seine Funktion vollends auf die eines reinen Sprachrohrs seines Gottes reduziert. Letztere These findet sich bei Religionsgründern nicht selten, ein jüngeres Beispiel wäre etwa der Begründer der mormonischen Tradition, Joseph Smith, dessen "Book of Mormon" ebenfalls ein reiner Inspirationstext – beziehungsweise in diesem Fall eigentlich ein Übersetzungstext – sein soll.

Für Muslime ist es zuweilen schwierig zu akzeptieren, dass der Koran eine Geschichte hat.
Foto: AP/Ajit Solanki

Man bewegt sich hier quasi auf zwei völlig verschiedenen Ebenen der Argumentation. Dazu kommt, dass im Islam die Stellung des Koran als die Offenbarung schlechthin im Laufe der politischen und theologischen Entwicklung einen maximal exponierten Rang bekommen hat, dem so geartete Fragestellungen völlig fremd sind. Das wäre beispielsweise ein Unterschied zum Christentum, das allein schon aus der Tatsache, dass die konstitutiven Texte mit einem Alten und einem Neuen Testament einen historisch bereits entwickelten Zugang haben, eine andere Perspektive hat – bei allem Reden von einer "Verbalinspiration" oder ähnlichen Themen. Und auch das Judentum kennt für seinen Tanach – ein übliches Akronym für die drei Teile der hebräischen Bibel –  eine Stufung der vielen Texte je nach Offenbarungsqualität – mit der Tora an der Spitze.

Historische Diskussion bereits im frühen Islam

Eben solche Hintergründe sind im Islam nur wenig präsent und haben wenig wirklich tiefgehende theologische Reflexion erfahren. Doch mussten sich die frühen Muslime auch mit der Frage auseinandersetzen, wie die oftmals heterogenen Texte miteinander in Beziehung stehen. So thematisierten die frühen Korankommentare die sogenannten "Anlässe der Offenbarung" (asbāb an-nuzul), das heißt die Frage, zu welchem historischen Anlass die verschiedenen Suren des Koran offenbart worden wären. Damit verbindet sich durchaus schon so etwas wie Kontextualisierung und eine gewisse historische Diskussion. Dasselbe gilt für das Thema der sogenannten "Abrogation" von Koranversen, das heißt der inhaltlichen Aufhebung früher geoffenbarter Verse durch später geoffenbarte. Hierzu hat sich eine eigene Methodik entwickelt, die wichtig für die islamische Theologie ist.

Eine stärkere historische Kontextualisierung des Korans wäre wichtig.
Foto: AP/Ebrahim Noroozi

Kritik am Koran wäre auch Kritik am Islam

Man kennt also durchaus den historischen Blick, doch hat dieser nicht den entscheidenden Platz. Die wenigen Theologen in der islamischen Welt, die explizit darauf Bezug nehmen, geraten vielfach in ernsthafte Schwierigkeiten. Die heftigen Reaktionen auf die moderne Forschung in dieser Hinsicht ist womöglich ein Indiz dafür, dass man sich der Problematik durchaus bewusst ist. Allerdings verbindet sich die Abwehrhaltung auch oft mit der These, dass der Westen mit seiner Erforschung der heiligen Texte des Christentums eher ein abschreckendes Vorbild ist, weil in den Augen vieler Muslime mit der kritischen Betrachtung heiliger Texte auch ein kritischer Blick auf die Religion und folgerichtig auf die religiösen Autoritäten selbst einhergeht. Bei einem nüchternen Blick auf die religiösen Verhältnisse und den Zustand der religiösen Autoritäten hierzulande muss man einräumen: ein Argument, das man nur schwer von der Hand weisen kann. (Franz Winter, 17.1.2018)

Literaturhinweise

  • Angelika Neuwirth, Der Koran als Text der Spätantike, 2010
  • Gabriel Said Reynolds, The Quran and its Biblical Subtext, 2010
  • Speziell zu den Paradiesfrauen als "Weintrauben" bei Luxenberg vgl. Stefan Wild, Lost in Philology? The Virgins of Paradise and the Luxenberg Hypothesis, in: The Qurʾān in context, ed. by Angelika Neuwirth, 2010

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