Die gerade einjährige Präsidentschaft Donald Trumps, das Phänomen und die Person scheinen in ungezählten Artikeln und Essays und zuletzt in einer ganzen Serie von Büchern zu Tode analysiert und beschrieben. In seinem soeben auf Deutsch erschienenen Buch "Trump im Amt" (Ecowin) stellt der US-Spitzenjournalist David Cay Johnston fest, es sei "immer noch nicht ganz klar, ob Trump einfach ein Narr oder ein gut informierter Agent des Kremls ist ... aber etwa ein Drittel der Amerikaner hält bis heute eisern zu Trump".

Der rechtsgerichtete Sender Fox News (Hauptnachrichtenquelle für 40 Prozent der Erwachsenen) und seine Anhänger in den sozialen Netzwerken unterstützen nach wie vor Trumps Spiel auf der Klaviatur der Angst mit offenem Rassismus, fremdenfeindlicher Ausgrenzung und ökonomischem Populismus. Die benachteiligten und von den liberalen Linken vernachlässigten Verlierer der Globalisierung gehen mit einem Schulterzucken darüber hinweg, dass ihr Idol in nur zwölf Monaten als ein unwissender Dilettant, ein rachsüchtiger Narziss, ein unberechenbarer Lügner im "Weißen Irrhaus" (Der Spiegel) entlarvt wird.

Auch die europäischen Medien berichten genüsslich über die chaotischen Zustände und die Intrigen im Dunstkreis des "mental stabilen Genies" (Selbstbeschreibung), die im neuen Bestseller von Michael Wolff "Feuer und Zorn" größtenteils glaubwürdig mit allen bizarren Details ausgebreitet werden. Für die europäischen Leser wichtiger sind allerdings die Hinweise David Cay Johnstones, was man aus der amerikanischen Erfahrung lernen könnte: "Vielleicht ist Trump Teil eines größeren globalen Trends, eines politischen Tsunamis, der auch Angst, Ablehnung der modernen Welt und den nostalgischen Wunsch nährt, in eine versunkene Welt der Einfachheit und des Friedens zurückzukehren, die es so nie gegeben hat."

Der Politikwissenschafter Mark Lilla von der Columbia-Universität hat in einer Serie von aufsehenerregenden Interviews und Aufsätzen die verheerende Auswirkung "der moralischen Hysterie der Linken in Bezug auf ethnische, Gender- und sexuelle Identität" kritisiert, die die zentrale Botschaft der Linken verzerrt und diese daran hindert, zu einer einigenden Kraft in der amerikanischen Politik zu werden. Der Erfolg von Trumps Populismus verdankt sich, laut Lilla, auch der Unfähigkeit der Linken, eine Vision zu artikulieren, die alle Amerikaner unabhängig von ihrer Identität hinter sich vereinen könnte. Die Lehre für die Europäer bestehe darin, dass man keine liberale Demokratie schaffen oder erhalten kann, ohne bürgerschaftliches Engagement zu wecken und zu pflegen.

Darin liegt wohl auch die wichtigste Lehre für die Sozialdemokraten, die sich oft durch "Identitätspolitik", die Konzentration auf Gruppen mit besonderer Identität statt des Appells an die Nation als Ganze, an alle Bürger im Namen des Gemeinwohls, unfähig im Kampf gegen Populismus und Neoliberalismus erweisen. Dazu gehört auch die Unfähigkeit der Linken von Deutschland und Österreich bis Polen und Tschechien, eine glaubwürdige und anziehende Vision der europäischen Integration zu vertreten. (Paul Lendvai, 15.1.2018)