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Lustfeindliche Körperbilder und eine Geschichte voller negativer Vorstellungen von weiblicher Sexualität – sexpositiver Feminismus will dem gegensteuern.

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Laura Méritt: "Klar gibt es den Supermarkt für Pornografie, aber es gibt auch den Bioladen."

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STANDARD: Sie sind eine Vertreterin des sexpositiven Feminismus. Ist "sexpositiv" nicht irreführend, weil es nahelegt, dass der übrige Feminismus lustfeindlich wäre, wie in manchen Reaktionen auf die Bewegung #MeToo behauptet wird?

Méritt: Wir betonen, dass Sexualität etwas Politisches ist und dass für unseren Flügel eine positive Herangehensweise zentral ist. Unsere Gesellschaft ist nicht lustfördernd, sondern lustverneinend, vor allem wenn es um die Lust von Frauen geht. Geschichtsbücher oder Anatomiebücher zeigen, dass wir in einer Tradition stehen, in der es mit der weiblichen Sexualität sehr schlecht aussieht. Der Zweig des sexpositiven Feminismus ist in den 1960er- und 1970er-Jahren mit dem Anliegen entstanden, insbesondere weibliche Sexualität endlich positiv zu sehen, da sind sich alle Feministinnen einig. Andere feministische Schwerpunkte nennen sich beispielsweise feministische Ökonomie, im sexpositiven Feminismus ist Sex der Schwerpunkt, deshalb ist diese Bezeichnung auch völlig okay. Und natürlich sind Feminismen immer interdisziplinär und reichen in alle anderen Bereiche hinein.

STANDARD: In den aktuellen Debatten über sexualisierte Gewalt und Übergriffe gibt es die Kritik, man würde mit zu vielen Grenzen die Erotik zerstören, etwa in dem offenen Brief von hundert Französinnen. Der Einwand lautet auch, damit würde man wieder zu dem alten Bild zurückkehren, Frauen hätten keine Lust auf Sex.

Méritt: Die bekannten Unterzeichnerinnen dieses Briefes, wie Catherine Deneuve oder Catherine Millet, kommen aus einer anderen Generation und sind mit einem anderen Begriff von Sexualität und Geschlecht aufgewachsen. Damit steckt man noch stark in diesen sehr oppositionellen Geschlechterrollen, die klar zuweisen: Der Mann ist der Aktive, der Offensive, der den ersten Schritt macht – während die Frau die Empfangende sei, die sich zurückhält, die sich auffordern, hofieren lässt. Dieses Sexualitätskonzept wird auch heute noch in einigen Kreisen so praktiziert, es ist also nicht nur eine Generationenfrage. Wir sind aber mittlerweile schon woanders. Die sexpositive Bewegung und die Frauenbewegung kämpfen seit 40, 50 Jahren dafür, dass miteinander gesprochen wird, dass ausgehandelt wird, worauf man denn Lust hat, damit eben keine Übergriffe passieren, sondern wirklich ein Konsens erzielt wird. Das wurde in den 80ern und 90ern auch in den Sexualwissenschaften aufgegriffen, die heute nicht mehr von einer Sexualmoral sprechen, sondern von einer Verhandlungsmoral. Diese Kritikerinnen von #MeToo wollen auch keine sexuelle Gewalt, sie denken aber noch in alten Konzepten von Sexualität und Geschlecht.

STANDARD: Aber mit diesen "alten Konzepten" wird noch immer vorrangig Erotik assoziiert, während beim Begriff "Konsens" viele eher an Political Correctness denn an Sex denken. Warum?

Méritt: Die konservative Vorstellung von aktiv/passiv, der Mann als Penetrator und letztlich dann auch als der Übergriffige – das ist über Jahrhunderte vermittelt worden. Wir sehen das heute auch noch im Mainstreamporno, und natürlich ist es dann in vielen Köpfen und Körpern so drin. Das ändert sich nicht so schnell, aber seit etwa zehn Jahren wird viel mehr über sexpositive Bewegungen geredet, die nächsten Generationen sind schon sehr offen – vor allen Dingen auch die Männer, das möchte ich unbedingt betonen! Auch ihnen liegt viel daran, dass miteinander geredet wird. Wir haben alle mehr davon, wenn alle was davon haben (lacht).

STANDARD: In den aktuellen Debatten geht es auch um Regulierung vonseiten der Justiz. Wo hört die private Aushandlung zwischen Personen in einem intimen Moment auf, und wo müssen auf institutioneller Ebene Grenzen gesetzt werden?

Méritt: Dieses Aushandeln muss auf allen Ebenen stattfinden. Eine institutionelle Ebene wird nicht alles regeln können. Es ist aber wichtig, dass auf dieser Ebene klare Grenzen gesetzt werden, etwa dass Vergewaltigungen in der Ehe einfach nicht legitim sind, das war ja sehr lange nicht verboten. Solche gesetzlichen Grenzen haben positive Folgen und machen klar: Gegen den Willen einer Person Sex mit dieser Person zu haben geht nicht. Für eine demokratische Gesellschaft mit ethischen Werten ist das unerlässlich. Gewalt gegen Frauen ist ein Riesenthema, überall auf der Welt. Doch auch bei konkreten Gesetzen muss man sich herantasten, inwieweit sie umsetzbar sind oder wie weit sie gehen können. Im individuellen Bereich ist das Aushandeln jedenfalls extrem wichtig. Dabei lernen Menschen, über Sex zu reden. Genau das ist es, was wir üben müssen: Was will ich? Wie vermittle ich das? Wie sage ich Nein, wie sage ich Ja – auch nonverbal? Wir müssen auch lernen: Wie gehe ich mit einem Nein um? Diese Dinge lernen wir nicht, auch nicht in der Schule – leider.

STANDARD: Sie veranstalten seit zehn Jahren den feministischen Porno-Award PorYes. Besuchen diese Veranstaltung auch nicht mehr ganz so junge heterosexuelle Männer?

Méritt: Mittlerweile ja, und darüber sind wir auch ganz glücklich. Am Anfang solcher Initiativen kommen meist vorwiegend jene, die so etwas auch initiieren, wie eben lesbische Frauen und Feministinnen. Das Publikum hat sich inzwischen aber deutlich ausgeweitet, gerade bei der PorYes-Bewegung legen wir Wert darauf, dass alle Kulturen oder Generationen dabei sind. Und viele der Personen, die die dort gezeigten Filme kaufen, sind Männer, durchaus auch höheren Alters. Die wollen auch etwas anderes sehen. Wir sind ja noch immer weit davon entfernt, Bilder von Menschen zu sehen, die beim Sex fragen: Was willst du denn? Genau solche Filme zeigen wir.

STANDARD: Bietet die Pornobranche, einhergehend mit den Umbrüchen durch das Internet, heute mehr alternative Bilder von Sex?

Méritt: Die sexpositive Bewegung ist etwa seit der Jahrtausendwende sehr stark gewachsen, dazu hat auch das Internet beigetragen. Durch das Internet können auch wir mehr feministische Inhalte und faire Pornografie zugänglich machen. Wie bei anderen Produkten auch wollen immer mehr Menschen auch beim Porno, dass die Produktionen unter guten Bedingungen mit fairen Arbeitsverhältnissen stattfinden. Der alte Pornobereich hat durch das Internet ohnehin schon verloren. Klar gibt es auch im Internet den Supermarkt für Pornografie, aber es gibt eben auch den Bioladen. (Beate Hausbichler, 21.1.2018)