Ein Nichtwähleranteil von 33,53 Prozent bedeutet, dass in Niederösterreich erstmals die Nichtwähler die größte Gruppe der Wahlberechtigten stellen.

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Frage: Alle Parteien sehen sich als "Sieger" bei der Niederösterreich-Wahl. Gewonnen hat aber doch die ÖVP, oder?

Antwort: Genau umgekehrt. An Stimmen hat die ÖVP gegenüber der Landtagswahl 2013 sogar deutlich verloren, denn sie hatte heuer 45.309 Stimmen weniger als noch vor fünf Jahren. Dennoch wurde die ÖVP mit 49,64 Prozent zur stärksten Partei – sie ist damit die einzige Partei, die sich als "Wahlsieger" bezeichnen kann. Die ÖVP hat neun von zehn ihrer Wähler der letzten Wahl behalten können, sie hat aber nicht von anderen Parteien dazugewonnen. Und sie musste etwa fünf Prozent ihrer früheren Wähler an die Freiheitlichen abgeben.

Welche Partei hat ihre Wähler am besten mobilisieren können, wie viele Stimmen sind im Vergleich zur Landtagswahl 2013 zwischen den Parteien hin und her gewandert? Die Wählerstromanalyse gibt Aufschluss.
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Frage: So gesehen haben auch die Grünen verloren, denn sie sind schwächer geworden?

Antwort: Tatsächlich haben die Grünen an Prozenten – nämlich 1,64 Prozentpunkte – und an Stimmen (20.428) verloren. Dass sie sich dennoch als Sieger fühlen, hängt damit zusammen, dass ihnen vielfach vorausgesagt wurde, sie könnten überhaupt aus dem Landtag fliegen. Das ist nicht passiert, die Grünen haben so gesehen also über die negativen Prognosen "gesiegt".

Frage: Und wer hat bei der Landtagswahl in Niederösterreich wirklich gewonnen?

Antwort: An Prozenten und Stimmen hat eindeutig die FPÖ gewonnen: 14,76 Prozent im Endergebnis bedeuten ein Plus von 53.767 Stimmen.

Bei der Landtagswahl in Niederösterreich hat die FPÖ beinahe 15 Prozent erreicht. Zwei Gemeinden sind beispielhaft für die Zustimmung und auch Ablehnung der Partei.
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Frage: Damit hat die FPÖ aber ihr Wahlziel verfehlt und ihr Potenzial nicht ausgeschöpft, oder?

Antwort: Die FPÖ hatte eine Verdoppelung der Stimmen von 2013 erhofft. Damals hatte sie 80.122 Stimmen, diesmal sind es 133.889 Stimmen geworden. Das Potenzial hat sie damit nicht ausgeschöpft, denn bei der Nationalratswahl im Oktober 2017 hat sie rund doppelt so viele Wähler, nämlich 280.011, ansprechen können. Allerdings sind diese beiden Wahlen nicht direkt vergleichbar.

Frage: Worin unterscheidet sich die Landtagswahl 2018 von der Nationalratswahl 2017?

Antwort: Abgesehen davon, dass bei Landtagswahlen prinzipiell andere Personen, andere Politiken und zum Teil sogar andere Parteien (die ÖVP Niederösterreich hat sich etwa dem türkisen "Branding" der Bundes-ÖVP nicht angeschlossen) als bei Nationalratswahlen zur Wahl stehen, ist auch die Wählerbasis eine andere. Bei der Landtagswahl waren in Niederösterreich 1.386.356 Personen wahlberechtigt, das sind 97.554 mehr als im letzten Herbst.

Frage: So viele Leute können doch nicht in dieser kurzen Zeit ins wahlberechtigte Alter gekommen sein?

Antwort: Natürlich nicht. Der Unterschied ist vor allem darauf zurückzuführen, dass bei der Landtagswahl viele Zweitwohnsitzer wahlberechtigt waren, die bei der Nationalratswahl an ihrem Hauptwohnsitz in einem anderen Bundesland wählen konnten.

Frage: Und wie haben diese Inhaber von Zweitwohnsitzen gestimmt?

Antwort: Das lässt sich nicht präzise sagen, da es ja keine eigene Auszählung der Stimmen von Haupt- und Nebenwohnsitzen geben kann – es unterliegen alle Stimmen dem gleichen geheimen Wahlrecht. Die Wahlforscher von Sora gehen davon aus, dass etwa sieben von zehn Zweitwohnsitzern für die ÖVP gestimmt hätten. Laut Sora wäre die ÖVP ohne die Stimmen von Zweitwohnsitz-Besitzern an der absoluten Mehrheit vorbeigeschrammt und hätte nur 28 Mandate bekommen.

Frage: Worauf stützt sich diese Annahme?

Antwort: Die Sora-Wahlanalyse stützt sich auf die Sora-eigene Wählerstromanalyse, die die Veränderung der Wahlberechtigten zwischen Nationalrats- und Landtagswahl heranzieht – so lässt sich für jede Gemeinde feststellen, wie viele Zweithausbesitzer da unter den Wahlberechtigten waren. Tatsache, dass die ÖVP am Sonntag ziemlich genau 66.000 Stimmen mehr bekommen hat als bei der Nationalratswahl im Oktober. Den größten Brocken davon hätten 36.000 Personen ausgemacht, die bei der Nationalratswahl nicht im Land wahlberechtigt waren. Sora-Wahlforscher Christoph Hofinger argumentierte das im Standard-Chat so: "Um einen Zweitwohnsitz zu erwerben oder zu mieten, braucht es einen gewissen Wohlstand, auch die Bereitschaft, sich irgendwo zusätzlich anzusiedeln. Menschen mit höherer formaler Bildung fallen häufiger in diese Kategorie, und Zweitwohnsitze können sich vor allem 'bürgerliche' und tendenziell ältere Wählerinnen und Wähler leisten. Es nutzt auch den Grünen überproportional, was an deren hohem Anteil an Bildungsschichtwählern liegt."

Frage: Wie hat sich das auf die SPÖ ausgewirkt?

Antwort: Der Statistikprofessor Erich Neuwirth, der eine Wählerstromanalyse für Servus TV erstellt hat, argumentiert, "dass eigentlich alle Parteien sagen müssten, dass sie mit einem blauen Auge davongekommen sind. Die SPÖ konnte knapp 80 Prozent ihrer früheren Wähler halten und hat etwa sieben Prozent ihrer Stimmen aus dem Jahr 2013 an die FPÖ verloren. Sie hat auch von allen Parteien am meisten, nämlich mehr als zehn Prozent ihrer Stimmen an die Nichtwähler verloren. Sie konnte aber dafür auch als einzige Partei frühere Nichtwähler in nennenswertem Umfang für sich mobilisieren."

Frage: Apropos Nichtwähler: Was weiß man über diese Gruppe?

Antwort: Zunächst einmal weiß man, dass ein Nichtwähleranteil von 33,53 Prozent bedeutet, dass in Niederösterreich erstmals die Nichtwähler die größte Gruppe der Wahlberechtigten stellen – noch 2013 hatte es mehr ÖVP-Wähler als Nichtwähler gegeben. Zweitens zeigen die Wählerstromanalysen – im Folgenden wird wieder jene von Erich Neuwirth für Servus TV zitiert – eine verfestigte Gruppe von Nichtwählern: 390.000 Personen sind demnach sowohl im Jahr 2013 als auch heuer den Urnen ferngeblieben. Und man weiß auch, dass die Nichtwähler massiv aus den Reihen der SPÖ (30.000), der ÖVP (9000) und der FPÖ (7000) "dazugewonnen" haben. Das Institut für Wahl-, Sozial- und Methodenforschung von Andreas Kohlsche, das die Landtagswahl mit der Nationalratswahl verglichen hat, errechnet sogar noch wesentlich größere Ströme hin zu den Nichtwählern – das hat aber damit zu tun, dass trotz geringerer Zahl an Wahlberechtigten rund 170.000 Menschen mehr zur Wahl gegangen sind und damit die Wahlbeteiligung sehr viel höher (84,8 gegenüber 66,5 Prozent) war.

Frage: Was wurde eigentlich aus den Wählern, die vor fünf Jahren für Frank Stronachs Team gestimmt haben?

Antwort: Diese Wähler haben sich völlig verlaufen. Die Wählerstromanalyse von Neuwirth für Servus TV sieht 44.000 der 96.016 Frank-Wähler diesmal bei den Nichtwählern, die Sora-Analyse für den ORF beziffert diesen Wählerstrom etwas geringer mit 32.000. Die Neuwirth-Analyse, die auch in der Grafik dargestellt ist, sieht etwa 20.000 Stronach-Wähler nun im freiheitlichen Lager und weitere je 15.000 bei SPÖ und Neos.

Frage: Und wer hat die Neos gewählt?

Antwort: Neuwirths Analyse, die sich auf Wählerströme bezieht, sieht 26.000 frühere Grün-Wähler im Neos-Lager, zudem 3000 ehemalige ÖVP- und 2000 ehemalige Nichtwähler – sowie die erwähnten 15.000 Frank-Wähler. Eine andere Methode, der Wählerzusammensetzung auf die Spur zu kommen, sind Wahltagsbefragungen. Jene von Peter Hajek, der für den Privatsender ATV unmittelbar vor dem Wahltag über 1000 Wahlberechtigte aus Niederösterreich befragt hat, hat herausgefunden, dass die Neos überwiegend von Männern gewählt worden sind. Sieben Prozent der Männer, aber nur vier Prozent der Frauen hätten demnach die Neos gewählt. Auch haben Jungwähler unter 30 Jahren dreimal so häufig die Neos angekreuzt wie die Wähler über 50, von denen nur drei Prozent die Neos gewählt haben (bei der Generation dazwischen waren es sieben Prozent). Die höchste Zustimmung bekamen die Neos von Selbstständigen mit 13 Prozent, die geringste von Pensionisten, von denen nur jeder Fünfzigste die Neos gewählt hat. Einige dieser Zahlen sind in der großen Grafik dargestellt.

Frage: Wie hat sich die Affäre um die Pennälerschaft Germania, der FPÖ-Spitzenmann Udo Landbauer angehört hat, auf das Wahlergebnis ausgewirkt?

Antwort: Die Affäre dürfte zu einer höheren Wahlenthaltung bei jenen geführt haben, die unsicher waren, ob sie die FPÖ wählen würden. Die Freiheitlichen haben dadurch zwar kaum bisherige Wähler aus früheren Wahlen verloren, sie haben aber auch nicht in dem von ihnen selbst angestrebten Maß dazugewinnen können. Das sieht man auch daran, dass es keinen nennenswerten Wählerstrom von den Nichtwählern hin zu den Freiheitlichen gibt. (Conrad Seidl, 30.1.2018)