Foto: Gerhard Berger

Sie erinnern vom Aussehen her an eingelegte, von runzeliger Haut überzogene Hundstrümmerln. Wie lange wohl die große rote Konservendose, in der die undefinierbaren Würstel schwimmen, schon geöffnet in der Vitrine steht? Über diese Frage lächelt Paolo charmant hinweg. Er selbst steht seit über 30 Jahren hinterm Tresen des kleinen, familiengeführten Lebensmittelladens Zanella am Brenner. "Das ist eine Spezialität aus dem Veneto. Früher kamen die Leute dafür aus ganz Tirol", preist der Kaufmann seine Ware an. Heute verlangen nur noch selten Kunden nach Anguilla marinata – also eingelegtem Aal. Echte Liebe zur italienischen Küche ist Voraussetzung, um das salzige Etwas genießen zu können. Aber bis in die 1990er, bevor Österreich der EU beigetreten ist, vermittelte dieser Hauch von Hafenwasser dem Tiroler Bergvolk, das jedes Wochenende zu Tausenden den Brenner hinaufpilgerte, Urlaubsfeeling.

Die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war für den Ort an der österreichisch-italienischen Grenze das goldene Zeitalter. Die Kaufleute hätten damals dreimal pro Tag das Geld in der Scheibtruhe zur Bank gefahren, erzählt man sich noch heute verklärte Anekdoten. Vom Ruhm und Glanz dieser Ära ist nichts übrig. Ausgerechnet das vereinte Europa hat Brenner-Kaufleuten wie Paolo das Geschäft ruiniert. Ohne die schwache Lira und den starken Schilling verlor der Brenner seine Rolle als Einkaufsparadies für Tiroler. Der Fall der Grenze 1995 und Österreichs Beitritt zum Schengenraum 1998 haben den Kaufleuten am berühmtesten Alpenpass zugesetzt.

Bürgermeister Franz Kompatscher besucht bei Dorfrundgängen gerne die verbliebenen Ladenbesitzer wie Paolo.
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Doch in Paolos Laden blieb die Zeit in den 1970ern stehen. Der freundliche kleine Mann mit dem zerzausten Haar, dem ergrauten Vollbart und der weißen Schürze verkauft seine Waren noch über den Ladentisch. Feinsäuberlich sortiert stehen sie hinter ihm im Regal oder liegen vor ihm in der verglasten Kühlvitrine: Mortadella, Salami, diverse Käsesorten und allerlei Eingelegtes. Brennerwaren eben, wie man sie in Tirol nannte. Jeder, der zwischen St. Anton und Kufstein aufgewachsen ist, erinnert sich an die sonntäglichen Einkaufsfahrten an die Grenze.

Das ist lange her. Statt "Sonderangebot" prangen heute "Vendesi" -Schilder in den Auslagen – zu verkaufen. Knapp über 200 Menschen leben hier noch, 1967 zählte man mit 1337 Einwohnern den historischen Höchststand. Doch was für Außenstehende wie Niedergang anmutet, ist für die Leute, die hier oben in der unwirtlichen Furche auf 1370 Meter Seehöhe ihren Alltag bestreiten, nur eine weitere Episode in der bewegten, über 3000-jährigen Geschichte des wichtigsten Nord-Süd-Übergangs in den Alpen.

Seit Anfang der 1990er ist Kompatscher in der Kommunalpolitik seines Heimatortes Gossensaß tätig, zu dem auch der Weiler Brenner gehört.
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"Wir sind dauernd mit Veränderungen konfrontiert, für die wir nichts können", sagt Bürgermeister Franz Kompatscher. Das habe die Menschen am Brenner geprägt. Ebenso wie der Durchzugsverkehr, der als Lebensader dient. Ohne ihn wäre die einst sumpfige Talsohle wohl gar nie besiedelt worden. Dass es mit den alteingesessenen Kaufleuten seit dem EU-Beitritt Österreichs langsam zu Ende geht, ist für den Bürgermeister der Lauf der Dinge: "Aber man muss immer optimistisch in die Zukunft blicken." Das haben sie hier oben gelernt. Und wenige Meter nördlich von Paolo Zanellas Laden, in Richtung österreichischer Grenze, steht diese Zukunft in Form eines rot-weißen Kolosses aus Beton, Holz und Glas.

Auf 15.000 Quadratmeter Verkaufsfläche beherbergt das Outlet Center Brenner 70 Markengeschäfte. Bei der Eröffnung vor elf Jahren glaubten Kritiker das Ende des Brenners gekommen. Heute weiß man es besser. Rund zwei Millionen Kunden – entweder am Weg in die Badeferien oder eben retour – stoppen dank des Outlet Center nun wieder jährlich an der Grenze. Geschäftsführer Max Wild verweist stolz auf 65 Millionen Euro Umsatz und gut 400 Arbeitsplätze, die geschaffen wurden: "Zwei Drittel davon sind Vollzeitstellen." Auch die noch im Ort verbliebenen Kaufleute profitieren vom Center. "Wenn es schön ist, spazieren die Leute einmal durchs Dorf und beleben so auch das Geschäft der anderen", erklärt der Manager. Er selbst lebt im nahen Tiroler Wipptal, seine Angestellten sind fast ausschließlich aus Italien.

Max Wild, Geschäftsführer des Outlet Centers Brenner, ist überzeugt, dass der Ort ohne seine Shoppingmall längst ausgestorben wäre.
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Direkt hinter dem gigantischen Shoppingcenter, das gut die Hälfte der Ortschaft einnimmt, beginnt Österreich. Einzig der Panzerwagen des italienischen Militärs, der an der Einfahrt zur Parkgarage postiert ist, zeugt von der Staatsgrenze. Denn seit der akuten Krise der Flüchtlingspolitik 2015 zeigen im Ort wieder Uniformierte Präsenz. Die Wogen gingen hoch, man fürchtete Kolonnen von Schutzsuchenden, am längst wieder zur Innertiroler Grenze mutierten Brenner und ließ beiderseits Polizei sowie Militär auffahren. Passiert ist nichts, die Lage blieb ruhig.

Selbst Rechtspopulisten stehen hier vor einem Dilemma. Die Tiroler FPÖ schaltete im laufenden Landtagswahlkampf den Verfassungsschutz ein, nachdem in Innsbruck Fake-Plakate affichiert wurden, auf denen im Namen der Freiheitlichen die Schließung der Brennergrenze gefordert wurde. Man will zwar Zäune bauen, aber tunlichst nicht am Brenner. Im Weltbild der Rechten gilt er seit jeher als "Unrechtsgrenze". Bürgermeister Kompatscher und die Kaufleute quittieren das Thema mit einem Kopfschütteln. Verrückte sind das in ihren Augen, die von Norden wie Süden zum Demonstrieren kommen. Ob für oder gegen die Grenze – sie stören das Geschäft.

Die Tages des Bahnhofes sind praktisch gezählt. Mit der für 2026 geplanten Eröffnung des Brennerbasistunnels wird er zum Halt für Regionalzüge degradiert.
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Und da lässt man sich aus leidvoller Erfahrung nicht gern hineinpfuschen. Denn vor dem Ersten Weltkrieg, als der Ort noch nicht an einer Staatsgrenze lag, war der eigentliche Plan, ihn zum Bad Gastein Tirols auszubauen. Ein Stück südlich des Passübergangs entspringt eine warme Heilquelle. Im stolzen Grandhotel Brennerbad, das 1902 nach Plänen von Architekt Carl Lun erbaut wurde, logierten die Komponisten Richard Strauss und Franz Lehár, sogar Erzherzog Eugen kam zur Kur auf den Brenner. Doch mit Kriegsbeginn 1914 verkam das Hotel zum Truppenquartier. Die für 1923 geplante Wiedereröffnung fand nie statt, weil das Grandhotel ein Jahr davor niederbrannte. Heute führt die Autobahn übers einstige Hotelgelände.

Statt Grandhotels wurden nach 1918 Grenzhäuser am Brenner errichtet. Davon profitiert heute der in Italien lebende Ostdeutsche Frank Spinner. Sein Credo lautet: "Egal, wo man eine Grenze zieht, am Ende erobern sie immer die Krämer." Und so eröffnete er im November 2017 im ehemaligen österreichischen Grenzhaus seinen Trachtenshop "Grenzgänger". Der Laden des 50-Jährigen macht seinem Namen alle Ehre: "Da drüben im Eck bei den Dirndln ist Italien, hier bei den Lederhosen ist Österreich." Das Haus hat er gepachtet, der Bund hatte es nach dem EU-Beitritt verkauft. "Heute ärgern sie sich", lacht Spinner und deutet auf einen Container mit Holzverbau gleich nebenan, "weil ihre Polizisten nun in diesem Provisorium Dienst tun müssen."

Der Verfall ist am Brenner allgegenwärtig. Doch man hat gelernt, auf Ruinen zu bauen.
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Mit der plötzlichen Wiederkehr der Grenze oder zumindest der Beamten, die diese schützen sollen, hat man sich im Ort bereits arrangiert. Denn neben den italienischen fahren auch die österreichischen Polizisten zum Mittagessen gern rüber nach Italien und konsumieren dort Pizza und Cappuccino. Außer einem Tabledancelokal und einer Tankstelle gibt es auf ihrer Seite sonst auch nichts.

Bürgermeister Kompatscher, zu dessen Herrschaftsgebiet der Weiler Brenner zählt, denkt bereits an die nächste Herausforderung, die auf den Ort zukommt. Sie führt hunderte Meter unter dem Bergmassiv hindurch und wird in knapp zehn Jahren das Gesicht des Dorfs nachhaltig verändern: der Brenner-Basistunnel. "Heute sind wir ein internationaler Bahnhof, morgen werden hier nur mehr Regionalzüge halten", prophezeit Kompatscher. Doch er hat bereits einen Plan: "Man muss ja darauf reagieren. Daher wollen wir das jetzige Bahnareal zur Autobahnraststätte umfunktionieren." Bisher fehlte an der Ostflanke der Talfurche wegen des Gleiskörpers der Platz dazu. Doch bei der aktuellen Entwicklung des Verkehrs – 14 Millionen Fahrzeuge passierten den Alpenübergang im Jahr 2017 – erscheint Kompatscher die Raststätte als zukunftsweisendes Konzept.

Was hat den Brenner bloß so ruiniert? Das vereinte Europa. Darum hat man aus der Not eine Tugend gemacht.
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Für Paolo ist das kein Thema mehr. Er und seine Frau, die auf einem Schemel im Hinterzimmer sitzt und Radio hört, werden den Laden bald aufgeben. Nachfolger gibt es keine. Die Kinder vieler ehemaliger Brenner-Kaufleute leben heute in den Metropolen Norditaliens. "Die fahren im Porsche vor, wenn sie den Kaufvertrag fürs elterliche Haus unterschreiben, und kommen nie wieder", erzählt Manager Wild.

Doch solange der Verkehr fließt, wird es immer irgendwie weitergehen hier oben am Brenner. Diese Gewissheit hat der Bürgermeister zur Lebenseinstellung erkoren: "Heute haben wir dank Outlet Center eigentlich mehr Läden als je zuvor. So muss man das sehen." (Steffen Arora, 24.2.2018)