Morgens um kurz nach sechs Uhr ist es still auf der Krämerbrücke in Erfurt, nur hinter einer dicken Holztür ist ein dumpfes Klopfen zu hören. Während Thüringens Hauptstadt langsam erwacht, ist Hartmut Priemer schon emsig am Werk und der Grund dafür, dass der Duft von frischem Brot um die Häuser weht. In seiner historischen Backstube am westlichen Ende der Krämerbrücke knetet er einen großen Klumpen Brotteig. "Wir backen nach alten Rezepten, von Hand, mit Produkten aus der Region", erklärt der gebürtige Berliner, der seit 2012 seine Backstube führt. "Allerdings beginnen wir nicht wie andere Bäckereien mitten in der Nacht, sondern erst um sechs Uhr morgens", erklärt er und lächelt breit. "Sobald die ersten drei Sorten Brötchen fertig sind, öffnen wir."

Schon gewusst?
Die Brücke verdankt ihren Namen den Krämern, die ihre Ware – eben ihren "Kram" – an der Via Regia, der Handelsstraße von Ost nach West, an Reisende verkauften.

Traditionen von einst

Gebacken wird nur eine bestimmte Menge. Sind Brot und Brötchen ausverkauft, schließt der Laden: "So gibt es keinen Überschuss." Was ein bisschen oldschool klingt, ist Absicht, denn Priemer möchte den Laden führen, wie es einst üblich war. Deshalb hat er auch keine Homepage. "Wer etwas braucht oder bestellen möchte, kommt vorbei." Wer in den kleinen Laden kommt, kann den Bäckern beim Zubereiten der Brote zuschauen. Die Backstube ist zum Verkaufsraum geöffnet, wo sich auch ein kleines Café befindet. "Wir haben nur Brot und Butter hier, aber wer will, kann einen eigenen Aufschnitt mitbringen und bei uns frühstücken", erklärt Priemer sein Konzept. Und weil er bäckt, wie man es früher getan hat, ist sein Angebot auch begrenzt: Es gibt Roggen- und Weizenmischbrot, Brötchen – und "an den D-Tagen – dienstags und donnerstags – auch Dinkelbrot."

In den Lokalen der Erfurter Altstadt werden Thüringer Spezialitäten serviert.
Foto: Udo Bernhart / Thüringer Tourismus GmbH


#deinThueringen-Tipp
Von der Krämerbrücke über die Wartburg oder die Drachenschlucht bis weit ins Saaletal: In der neuen 360-Grad-Erlebniswelt der Tourist-Information in Erfurt können Besucher in bequemen Sesseln Platz nehmen und Thüringen dank eines Virtual-Reality-Films entdecken – im wahrsten Sinne "360 Grad"!
Foto: Marco Fischer / Thüringer Tourismus GmbH

Gelebtes Handwerk

Es sind Menschen wie Hartmut Priemer, die dafür sorgen, dass auf der Krämerbrücke in Erfurt Handwerk im wahrsten Sinne des Wortes gelebt wird – und das in einem ganz besonderen Rahmen. Auf der längsten bebauten und bewohnten Brücke Europas ist das Lebensgefühl der Menschen anders als anderswo. Hier landet nicht, wer am meisten bietet, sondern wer die besten Ideen hat. Der Mikrokosmos der Krämerbrücke besteht heute aus 32 Fachwerkhäusern, in denen sich Thüringer Traditionen mit der Kreativität der Einwohner vereinen. In den kleinen Geschäften wird Kunst zelebriert, egal ob in Cafés und Restaurants, in Galerien und Handwerksgeschäften, in Spezialitäten- oder Feinkostläden.

Qualität statt Quantität

Die Geschichte der Krämerbrücke reicht weit zurück: Schon im achten Jahrhundert sollen Händler auf einer Holzbrücke über dem Breitstrom, einem Seitenarm der Gera, allerlei Krimskrams verkauft haben. Weil die Brücke immer wieder abbrannte – sieben Brände sind verzeichnet – wurde sie 1325 durch eine Steinbrücke ersetzt, beiderseits gesäumt von Häusern. Wie einst die Kaufleute auf der Via Regia drängen sich die Läden hier eng aneinander. Der Trubel legte sich zu DDR-Zeiten: Es gab wenig Läden und das Treiben auf der Brücke stagnierte. Nach der Wende kamen Investoren, die das Potential erkannten und das große Geld witterten, doch eine Bürgerinitiative kämpfte dagegen an – und setzte sich durch. Noch heute entscheidet die Stiftung darüber, wer auf der Krämerbrücke einen Laden betreiben darf. Markengeschäfte, Ramsch oder internationale Coffeeshops sind tabu, denn das Konzept soll beibehalten werden: Was hier zählt, sind Traditionen, Kreativität und einzigartige Ideen.

Die Läden auf der Krämerbrücke vereinen Thüringer Traditionen mit der Kreativität der Einwohner.
Foto: Marco Fischer / Thüringer Tourismus GmbH
Schon gewusst?
Seit 1996 gibt es die "Stiftung Krämerbrücke". Die Bürgerinitiative sorgt dafür, dass die Ladenflächen auf der Brücke nur an heimische Kreative vermietet werden dürfen.

Hand und Fuß

Da gibt es den Puppenbauer Martin Gobsch, dem man in seiner Werkstatt an der Hausnummer 10 dabei zusehen kann, wie er seine Puppen zum Leben erweckt. Für ihn ist klar: "Die Brücke ist mein Leben!" Eine Ecke weiter arbeitet Ursula Reindel auch mit ihren Händen, allerdings nicht mit Holz, sondern mit Ton: Die Töpfermeisterin betreibt seit 1981 ihren Laden "Keram" an der Hausnummer 1 auf der Krämerbrücke. Beate Kister wiederum kam sprichwörtlich im Schlaf auf die Krämerbrücke: "Vor vielen, vielen Jahren hatte ich einen Traum. Ich träumte davon, einmal auf der Krämerbrücke zu leben." Heute führt die Malerin den Laden "Kleinformat" an der Nummer 25.

Thüringer Tischkultur

Keine Frage: Handwerk, Kunst und Kultur spielen seit jeher eine große Rolle im Land von Dichterfürsten wie Goethe und Schiller, aber auch die Kulinarik-Szene ist im Kommen. Da kommen dann Handwerk, Kunst und Kultur auf die Tische. Deshalb steht die Thüringer Tischkultur 2018 im thematischen Fokus des Freistaates. Es geht aber keinesfalls nur um die Dinge, die auf dem Teller landen: Im Mittelpunkt stehen auch jene Menschen, die Teller füllen, die Produkte darauf erzeugen, das Porzellan herstellen, auf dem das Essen angerichtet wird, das Glas, aus dem getrunken wird und die die Tischdecke bedrucken, damit die Tischkultur vollendet ist. Das Themenjahr verbindet den Genuss regionaler Spezialitäten mit der Thüringer Handwerkskunst und vereint so Kulinarik und Kultur auf dem Teller.

Die Thüringer Tischkultur beginnt beim Frühstück und reicht bis zur beliebten Hauptspeise "Schnippelsuppe mit Blutwurst". Genossen wird aus Porzellan aus Thüringen.
Foto: Guido Werner / Meeta K. Wolff / Gregor Lengler - Thüringer Tourismus GmbH
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Thüringen war Ende des 19. Jahrhunderts führender Porzellanhersteller auf dem Weltmarkt. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren 392 Betriebe der Porzellanbranche hier ansässig, heute sind es noch etwa 20.

Porzellan, Keramik & Glas

Es sind aber nicht nur die Teller und Tassen, auch viele Schalen oder Schüsseln stehen in Thüringen für Tischkultur und erzählen vor allem eine Geschichte, die weit ins 18. Jahrhundert zurückreicht. Damals entdeckte man, dass es in Thüringen die idealen Bedingungen gibt, um Porzellan herzustellen: Rohstoffe wie Kaolin, Quarzsand und Feldspat genauso wie Holz, Wasserkraft, technische Anlagen und gut ausgebildete Arbeitskräfte. Die ersten Stücke entstanden, doch anders als in vielen Teilen der Welt war Porzellan nicht nur Fürsten vorbehalten, sondern auch dem Bürgertum. Das hatte zur Folge, dass die Betriebe ohne Zuschüsse arbeiteten mussten und schon damals eine gewisse Eigenständigkeit brauchten, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Traditionell, edel, hipp

Mit der Industrialisierung war der Erfolg dann nicht mehr zu bremsen: Porzellan aus Thüringen war bis dato schon bekannt, doch als im 19. Jahrhundert das Schienennetz ausgebaut wurde, stieg das Interesse ins Unermessliche und die Thüringer Kreativen spielten fortan ganz vorne am Weltmarkt mit.

#deinThüringen-Tipp
Entlang der "Thüringer Porzellanstraße" laden Museen, Manufakturen, Geschäfte und Porzellanmaler dazu ein, das "Weiße Gold" zu entdecken. In der Leuchtenburg in Seitenroda staunt man in der Erlebnisausstellung "Porzellanwelten" über rund 350 kostbare Exponate – ganz nach dem Motto "Scherben bringen Glück".
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Kahla ist mit rund 300 Mitarbeitern der größte Hersteller für Gebrauchsporzellan in Deutschland. Bekannt wurde die Porzellanfabrik vor allem durch ihr kobaltfarbenes Blumenmuster.

Zu den besten Zeiten gab es 392 Betriebe der Porzellanbranche in Thüringen! Heute sind es zwar nur noch 20, die Herstellung von Produkten aus Porzellan, Keramik und Glas gilt aber noch immer als eine der regionaltypischsten Handwerkskünste des Landes. Ob Kahla Porzellan, die Porzellanmanufaktur Reichenbach, die Glasproduktion Lauscha, Bürgeler Keramik oder die Ältesten Volkstedter Porzellanmanufaktur: Die Palette der Stücke ist breit und reicht von zierlichen Porzellanfiguren über edles Tischgeschirr bis hin zur hippen Trinkflasche.

Erfurter Blau

Die Farbe Blau ist es auch, die von Thüringen aus in die Welt wanderte – und noch heute an der Krämerbrücke zu finden ist: das Erfurter Blau. Färberwaid – Isatis tinctoria – ist seit der Antike bekannt als Rohstoff für blaue Farbe. In Thüringen gab es zwischen dem 13. und 17. Jahrhundert ein großes Anbaugebiet. Über Handelsstraßen kam das Erfurter Blau nach ganz Europa und wurde so weltberühmt. Heute steht Rosanna Minelli in ihrem Laden an der Krämerbrücke Nummer 2 und arbeitet auf ihre Art mit der bekannten Farbe: Sie färbt Tücher und Schals mit selbst hergestellten Pigmenten.

Die Krämerbrücke ist beiderseits gesäumt von Häusern und gilt als beliebter Treffpunkt.
Foto: Marco Fischer / Thüringer Tourismus GmbH
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Der Begriff "stinkreich" hat in der Blaufärberei seinen Ursprung. Die Fermentation des Waids wurde immer wieder mit Urin wieder in Gang gesetzt, die gärenden Pflanzenpartikel rochen wirklich übel. Das tat dem Erfolg keinen Abbruch: Wer mit dem Farbstoff handelte, wurde sprichwörtlich "stinkreich".

Dabei ist das gar nicht so einfach: Ursprünglich wurden die blauen Pigmente nicht aus der frischen Pflanze extrahiert, sondern aus einem getrockneten Zwischenprodukt. Die Pflanzen wurden gewaschen und feucht in die Waidmühle gebracht, dann mit einem Mühlstein und Zugtieren zu einer Art Brei gestampft. Dieser musste wiederum ein paar Tage lagern, bis er zu gären begann und erneut im feuchten Zustand zu faustgroßen Bällchen geformt wurde, aus denen man schließlich den Farbstoff gewinnen konnte. Rosanna Minelli ist diese Prozedur aber zu aufwendig: Sie hat einen Weg gefunden, die blauen Pigmente aus frischen Pflanze zu extrahieren – und färbt mit dem Ergebnis geschmackvoll ihre Stücke. "Der ‚deutsche Indigo’ begleitet mich seit Jahrzehnten und fasziniert mich immer wieder!"

Schokolade made in Thüringen

Um Geschmack dreht sich auch alles bei Alex Kühn von "Goldhelm Schokolade". Unter der Adresse Krämerbrücke 12 zaubert der Chocolatier handgeschöpfte Schokolade – und das so gut, dass es ihm den Titel "Erfurter Unternehmer des Jahres 2017" einbrachte. Dabei fing alles ganz klein und vor allem chaotisch an: "Ich habe meine erste Schokolade einfach auf so einer Marmorplatte ausgezogen, wie so’n Klecks." Das war die Sorte "Rosa Pfeffer", die es heute noch im Sortiment gibt. Dass die ersten Schokoladen eine unregelmäßige Form hatten, hat sich bis heute nicht geändert: Kühn machte daraus einfach sein Markenzeichen. Wichtiger als das ist ihm aber immer der Geschmack seiner Kreationen: "Man sieht und schmeckt das, ob da hinten jemand in der Küche steht und mit Liebe und Leidenschaft etwas produziert, oder nicht", ist er überzeugt.


#deinThüringen-Tipp

An der Nummer 15 der Krämerbrücke eröffnet im Frühjahr wieder der "Eiskrämer", ebenfalls unter der Führung von Chocolatier Alex Kühn: Er kreiert kunstvoll Sorten wie "Cassis & Balsamico", "Winter-Bratapfel" oder "Ziegenfrischkäse und grüner Pfeffer" aus frischen Zutaten mit passenden Toppings und Soßen – und natürlich mit Goldhelm Schokolade.
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Foto: Meeta K. Wolff / Thüringer Tourismus GmbH

Thüringer Spezialitäten

An der Hausnummer 19 wirbelt indes Bettina Vick durch ihren Laden auf der Krämerbrücke, in dem sie seit vielen Jahren "Thüringer Köstlichkeiten" verkauft. Dies gelingt ihr, indem sie zu 100 Prozent auf original Thüringer Spezialitäten setzt. "Es macht mich unwahrscheinlich glücklich, andere Menschen zu begeistern." Ihr Kassenschlager? Neben ihren liebevoll verpackten Kisten, gefüllt mit Thüringer Feinkost, die sie rund um die Welt schickt, ist es vor allem eine kleine Sache, die Kunden anlockt: Eierlikör to go um 1,50 Euro, cremig, sämig und natürlich auch made in Thüringen. Manchmal, wenn Bettina Vick dann lächelnd beobachtet, wie ihre Kunden sich genießerisch die Lippen ablecken oder gar mit ihrem Schokoknusperbecher mit dem gelben Eierlikör für Selfies posieren, schenkt sie einfach nochmal nach. Und manchmal trinkt sie auch einen mit.

Schon gewusst?
Seit dem Jahr 1404 gibt es in Thüringen die berühmte Rostbratwurst. Eine alte Abschrift einer Propstei-Rechnung des Arnstädter Jungfrauenklosters ist der Beweis dafür, dass das kulinarische Markenzeichen des Freistaats schon seit Jahrhunderten leidenschaftlich gerne gefuttert wird.
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