Das Kopftuch gilt vielen als das beherrschende Symbol in vielen Brennpunktschulen Wiens.

Foto: Heribert CORN

Für Insider waren die Probleme bekannt, jetzt kommen sie endlich an die Öffentlichkeit. Die Onlineplattform Addendum hat unlängst einer mutigen sozialdemokratischen Lehrerin, Susanne Wiesinger, Platz gegeben. Sie sagt: Bei vielen muslimischen Kindern und deren Eltern stehe die Scharia über dem Lernen und den Werten der Mehrheitsgesellschaft. Es gebe eine Zunahme von Gewalt, Lehrkräfte würden beschimpft und körperlich bedrängt, religiös, kulturell oder ethnisch motivierte Konflikte nähmen zu, manche islamische Religionslehrerinnen und Religionslehrer würden ein sehr fragwürdiges Islamverständnis vermitteln. Die Situation in den Worten des Chefs der Pflichtschullehrergewerkschaft, Paul Kimberger: "An manchen Schulen ist ein geregelter Unterricht so gar nicht mehr möglich."

Parteipolitische Geiselhaft

Was tun? Frau Wiesinger hat es vorgezeigt. Vor allem und zunächst einmal sind Ehrlichkeit und ein Ende der Realitätsverweigerung angesagt. Bitte keine schönen Phrasen, Beschönigungen, Verharmlosungen und mehr oder weniger subtile Einschüchterungsversuche gegenüber Lehrkräften, die den Mut haben, ihre Meinung zu sagen. Ein Beispiel für hohle Phrasen: Es wird "Unterstützung zugesagt" oder ein "runder Tisch" organisiert etc.

Zweite Forderung: Verzicht auf parteipolitisches Hickhack und ideologische Blindheit. Stadtschulratspräsident Heinrich Himmer übt berechtigte Kritik an der fahrlässigen Kürzung des Schulintegrationspakets durch die schwarz-blaue Bundesregierung – aber von den jahrelangen Versäumnissen der rot-grünen Stadtregierung schweigt er. Laut Wiesinger triumphiert bei Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern die Parteipolitik zu häufig über die Realität, nämlich die vorhandenen Probleme.

Alle Beteiligten sollten weiters auf diverse gegenseitige Unterstellungen und Vorurteile verzichten. Ein paar Beispiele: Wer die Integrationspolitik des Wiener Stadtschulrates kritisiert, ist rechts und hilft der FPÖ; wer den Islam kritisiert, ist immer schon islamophob; ein gläubiger Muslim ist "gehirnamputiert"; die Immigranten werden sich nie integrieren – und so weiter und so fort.

Erfreulich wäre auch ein differenziertes Denken bei allen Beteiligten. "Die" Scharia gibt es etwa genauso wenig wie "den" Islam; sie steht nicht notwendigerweise im Gegensatz zu den Werten der Mehrheitsgesellschaft.

Sozialarbeiter, Psychologen

Laut Addendum gibt es im zehnten Wiener Gemeindebezirk für etwa 12.000 Pflichtschüler nur einen Sozialarbeiter; laut Stadtschulrat sei das Verhältnis in Wien insgesamt 1:1000. Auf eine Schulpsychologin kommen dem Stadtschulrat zufolge etwa 10.000 Wiener Schülerinnen und Schüler. Die Lehrkräfte an den Brennpunktschulen können bei dieser de facto nicht vorhandenen Unterstützung nur überfordert sein. Logische Forderung an die Bundesregierung: das Schulintegrationspaket nicht kürzen, sondern im Gegenteil erheblich aufstocken, damit es in den Brennpunktschulen das nötige Stützpersonal an Psychologinnen und Psychologen sowie Deutschförderlehrerinnen und -förderlehrern, vor allem aber an Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern geben kann.

Ziel muss es sein, den Kindern und Jugendlichen eine Ausbildung zu ermöglichen, die ihnen eine berufliche Perspektive und eine gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht – ansonsten landen sie in ihrer Desorientierung und Marginalisierung bei den modernen Rattenfängern.

Eine stärkere Kontrolle des islamischen Religionsunterrichts an manchen Schulen durch die Schulbehörde scheint angebracht. Es darf doch nicht sein, was der ehemalige Religionslehrer Aly El Ghoubashy feststellt: "Jeder Lehrer arbeitet nach seinem Gutdünken." Übergreifendes Ziel sollte ein modernitätsfähiger Islam europäischer Prägung sein, der mit Humanismus und demokratischem Rechtsstaat vereinbar ist – ein Ziel, an dem viele islamische Religionslehrerinnen und Religionslehrer offenbar schon arbeiten.

Ermordete Juden

In den letzten Monaten häufen sich Berichte über Ermordungen von französischen Juden durch radikalisierte Muslime. Vielleicht haben wir es hier in Österreich mit einer Zeitbombe zu tun. Es ist wenig sinnvoll, Diskussionen über das Thema "Gehört der Islam zu Österreich?" in regelmäßigen Abständen aufzuwärmen, statt sich diesem echten Problem zuzuwenden. Muslime, Musliminnen und damit der Islam in seinen verschiedenen Ausprägungen sind schon längst Teil der österreichischen Realität.

Chance auf Aufklärung

Alle in Österreich lebenden Menschen haben hier die Gelegenheit, jene Ideen der Aufklärung zu kultivieren, auf die sie häufig so stolz sind – nämlich den Kampf gegen Vorurteile, Ideologisierungen, jede Art von Fanatismus oder borniertes Denken. Eine fortgesetzte Realitätsverweigerung oder die stille Hoffnung, dass das Thema von anderen Themen bald verdrängt wird, wären grob fahrlässig. (Georg Cavallar, 3.4.2018)