Der Konsumkredit stürzt laut Einschätzung der Experten so manchen in das Verderben. Vielfach sei er zu leicht zu haben.

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Wien – Noch nie sind so viele Menschen in Privatkonkurs gegangen wie in den ersten drei Monaten dieses Jahres. Die Zahl der angemeldeten Fälle ist laut aktuellen Zahlen der heimischen Schuldnerberatungen um 63 Prozent auf 2.711 gestiegen. Clemens Mitterlehner, Geschäftsführer der ASB Schuldnerberatungen (Dachorganisation der staatlich anerkannten Schuldenberatungen), wertet das als Erfolg, "weil nun auch Menschen mit sehr niedrigen Einkommen oder mit sehr hohen Schulden Privatkonkurs anmelden können und dies auch nutzen".

Unerwartet kam der Anstieg nicht, da viele auf die vereinfachten Regeln für den Privatkonkurs gewartet hatten, die mit 1. November 2017 in Kraft getreten sind. Wie viele Kreditschützer erwartet auch Mitterlehner, dass der Boom im zweiten Quartal anhalten und die Lage sich dann beruhigen wird. Für das Gesamtjahr 2018 rechnet er mit 10.000 Fällen – nach 6.790 im Vorjahr. Der bisherige Rekord lag im Jahr 2011 bei 9.951 Fällen. Was die überschuldeten Haushalte betrifft, gebe es zwar keine Daten für Österreich; würde man aber jene aus Deutschland auf Österreich umlegen, käme man mit jenen, die nicht Privatkonkurs anmelden, auf rund doppelt so viele Fälle.

Konsumkredite und Kontoüberziehung

Die Sorge mancher Kritiker der Reform, dass die Banken vor dem Hintergrund einer leichteren Entschuldung weniger Kredite an Konsumenten vergeben würden, hat sich nicht bewahrheitet, sagt Mitterlehner. "Im Weihnachtsgeschäft war davon nichts zu bemerken. Da wurde die Ratenzahlung für die Playstation oder den Fernsehapparat angeboten wie schon davor. Die Leute zahlen das dann auf drei Jahre ab." Dabei sei evident, dass Konsumkredite und Kontoüberziehung "die Einstiegsdroge" seien. Mitterlehner würde sich wünschen, dass die Kreditgeber dort genauer hinschauen würden.

Durchschnittlich 64.000 Euro haben die Betroffenen an Schulden angehäuft – bereinigt um Extremwerte über 700.000 Euro und unter 1.000 Euro. Bei ehemaligen Selbstständigen lag die Summe bei 118.0000 Euro. Wobei Mitterlehner zu den ehemaligen Selbstständigen folgende Theorie (die aktuellen Zahlen werden in den kommenden Wochen publiziert) hat: Sehr viele machen sich aus der Not heraus selbstständig. Bei den Schuldnerberatungen landen dann viele aus der Gastronomie oder dem Transportgewerbe. 2017 gingen 60.197 Personen zu einer der zehn staatlich anerkannten Schuldenberatungen in Österreich. Zum Vergleich: 2011 waren es noch rund 52.000

Extrem gestiegene Wohnkosten

Grundsätzlich sei der häufigste Grund für Menschen, in die Schuldenfalle zu tappen, ein Rückgang des Einkommens etwa durch Arbeitslosigkeit. So waren 38 Prozent der Klienten arbeitslos. Nicht überraschend ist die Gefahr der Überschuldung für Menschen mit geringer Bildung höher: 42 Prozent hatten nur einen Pflichtschulabschluss. Ein Viertel derjenigen, die 2018 Rat suchten, hatte weniger Einkommen als das Existenzminium von 889 Euro zur Verfügung, bei jungen Menschen bis 30 Jahre war es ein Drittel.

Zahlen hat er dafür nicht, doch was sich in den letzten Jahren nach Mitterlehners Einschätzung deutlich geändert hat: "Immer öfter kommen Menschen, die eigentlich arbeiten, trotzdem geht es sich nicht aus." Vor allem die immer höher werdenden Wohnkosten würden das Budget der Klienten belasten. (rebu, 3.5.2018)