Hier lässt sich's (über)leben: Ein Hirschkalb verbringt die entscheidenden ersten Monate in einem landwirtschaftlich genutzten Gebiet.
Foto: Wisconsin Department of Natural Resources/flicker

State College – In jüngerer Vergangenheit haben Biologen in den USA festgestellt, dass der Weißwedelhirsch (Odocoileus virginianus) gewisse Ansätze zum Kulturfolger zu zeigen beginnt. Dabei handelt es sich übrigens um jene Hirschart, zu der das "Bambi" aus der Disney-Verfilmung von Felix Saltens Roman gehört. Im Buch war es noch ein europäisches Reh gewesen.

Die in fast ganz Nordamerika und Teilen Südamerikas vorkommende Hirschart ist vor allem in Wäldern zuhause, kommt aber auch mit Graslandschaften und sogar Halbwüsten zurecht. Und diese Flexibilität zahlt sich aus – immer öfter, so berichtet die Penn State University, ziehen nordamerikanische Weißwedelhirschkühe aus den Wäldern in landwirtschaftlich genutzte Gebiete, um dort ihre Jungen zur Welt zu bringen. Die Überlebenschancen der Kälber sind dort nämlich deutlich höher.

Nüchterne Zahlen

Für ihre im "Journal of Wildlife Management" veröffentlichte Studie versahen Forscher um Tess Gingery in vier verschiedenen Regionen des Bundesstaats Pennsylvania neugeborene Hirschkälber mit Sendern, die einige Monate lang telemetrische Daten übermittelten – bis zum Tod des Tiers oder dem Ausfall des Senders. Die Daten wurden mit den Erkenntnissen aus früheren Studien kombiniert, die andere Hirschpopulationen untersucht hatten.

Starb ein Kalb, konnten die Forscher rasch genug zur Stelle sein, um den Kadaver zu untersuchen respektive Spuren eines möglichen Raubtierangriffs zu finden. Die Todesursachen teilten sie in drei Gruppen: Menschliche Aktivität (etwa wenn ein Kalb von einer landwirtschaftlichen Maschine zerstückelt worden war), Tod durch ein Raubtier und schließlich andere natürliche Todesursachen, etwa Verhungern.

Außerdem verglichen die Forscher die Todesraten anhand der Umwelt: vom naturbelassenen Wald bis zu Farmland über verschiedene Zwischenstufen mit gemischter Nutzung. Dabei zeigte sich ein recht klarer Zusammenhang: Im Wald überlebten nur etwa 41 Prozent der Hirschkälber die ersten sechs Monate. Je mehr Kulturland es in einer Region gab, desto höher stieg diese Rate: Im Schnitt erhöhte sich je zehn Prozent der Zunahme an Landwirtschaftsflächen die Überlebensrate um fünf Prozent.

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Nur eine Minderheit unter den Weißwedelhirschen erreicht das Erwachsenenalter.
Foto:Al Goldis/AP/dapd

Der Grund dafür ist höchst simpel: Vieles kann ein Weißwedelhirschkalb zu Tode bringen – aber Raubtiere sind offenbar der mit Abstand wichtigste Faktor. Vor allem Kojoten, Schwarzbären und Luchse schlagen viele Kälber. Selbst in stark landwirtschaftlich genutzten Gebieten sind Raubtiere die Todesursache Nummer 1. Nur gibt es dort ganz einfach weniger von ihnen, weshalb mehr Kälber überleben. Die Hirschkühe scheinen dies inzwischen registriert zu haben und ziehen zur Zeit der Geburt zunehmend auf Kulturflächen.

Ein Ergebnis am Rande, das in erfreulichem Kontrast zu dem Bild steht, das zoologische Studien sonst so häufig ergeben: Menschliche Aktivität ist die geringste Bedrohung für die Hirschkälber. (jdo, 10. 5. 2018)