Markus Gandler (links) ist sich wie ÖSV-Sportdirektor Hans Pum (rechts) sicher, mit Ricco Groß den idealen Biathlontrainer gefunden zu haben.

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Markus Gandler ist zufrieden: "Für unser Flaggschiff, die Herrenmannschaft, ist Ricco natürlich eine große Bereicherung", sagte der Sportliche Leiter für Langlauf und Biathlon im ÖSV nach der Verpflichtung von Groß. "Er war als Athlet unglaublich erfolgreich und hat in den vergangenen Jahren als Trainer gute Arbeit geleistet." Tatsächlich zählte Groß zu den erfolgreichsten bewaffneten Langläufern seiner Zeit. Der Sachse gewann mit der deutschen Staffel viermal Olympiagold. Er selbst war dreimal Weltmeister, den Gesamtweltcup 1997/98 schloss er als Zweiter hinter Ole Einar Björndalen ab.

Als Trainer arbeitete Groß zunächst mit den deutschen Frauen, im August 2015 wurde er Cheftrainer der russischen Herren und gelobte eine "Null-Toleranz-Politik" in Sachen Doping, zumal in den Jahren davor zahlreiche russische Biathleten der illegalen Leistungssteigerung überführt worden waren. In der Folge hatte Groß, der Trainingsblöcke auch sicherheitshalber nach Mitteleuropa verlegte, mit dem schlechten Ruf der russischen Athleten, aber auch mit den Eigenheiten seines Arbeitgebers zu kämpfen. So wurde gegen den Willen des Cheftrainers und trotz heftiger Proteste der Konkurrenz mit Alexander Loginow ein ehemaliger Doper nach dessen Sperre in der Mixedstaffel der WM 2017 in Hochfilzen an den Start gebracht. "Wir wollten eigentlich eine komplett andere Mannschaft laufen lassen. Aber der Verband hat sich dann für diese Aufstellung entschieden", sagte Groß damals.

Vor Olympia in Pyeongchang wurde Anton Schipulin, der größte Hoffnungsträger im Team von Groß, vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ausgeladen. Groß, der seit Jänner mit den Österreichern im Gespräch war, kritisierte die Olympier scharf, zumal Schipulin im Weltcup startberechtigt ist. Inzwischen laufen allerdings Ermittlungen der österreichischen Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft – nicht nur gegen den norwegischen Weltverbandspräsidenten Anders Besseberg und die Generalsekretärin Nicole Resch, sondern dem Vernehmen nach auch gegen russische Athleten und Betreuer. Die Vorwürfe betreffen auch den Zeitraum der WM 2017 in Hochfilzen.

Gandler ficht das nicht an. Man habe das Thema mit Groß intensiv besprochen, der neue Cheftrainer wisse von nichts, es gebe keinen Grund, von der Verpflichtung dieses Fachmanns abzusehen. Dass sie ein gewisses Risiko berge, liege auf der Hand: "Das hast du mit jedem in diesem Geschäft."

Vorschnelle Urteile, das hat Ricco Groß gelernt, bergen die Gefahr, falsch zu sein. Nach dem Turiner Olympiaskandal 2006 war er einer der ersten Athletenkollegen, der glauben wollte, dass Österreichs Biathleten quasi schon immer der illegalen Leistungssteigerungen gefrönt hatten. "Wenn er einen Funken Anstand hat, kommt er nach Ruhpolding und bringt mir meine Medaille vorbei", sagte Groß über den überstürzt aus Turin abgereisten Wolfgang Perner, der ihn vier Jahren zuvor in Salt Lake City im Ringen um olympisches Sprintbronze um zwei Zehntelsekunden abgehängt hatte. Als die Turiner Dopingtests im Fall Perner negativ, also positiv für den Steirer, ausfielen, stand Groß nicht an, sich bei Perner zu entschuldigen: "Bei meiner Aussage hat mich wohl der olympische Geist kurzfristig etwas im Stich gelassen." (Sigi Lützow, 10.5.2018)