Was unsere Zeit ausmacht, ist wahrscheinlich, dass wir immer öfters auf Grenzen stoßen. Noch im neunzehnten Jahrhundert machten sich Seefahrer auf die Reise, um unerschlossene Gebiete zu entdecken und erschließen. Das kollektive Bewusstsein hielt an dieser Einstellung bis tief ins zwanzigste Jahrhundert fest. Auch wenn die Welt schon lange vermessen war, hieß es im Intro der Fernsehserie Star Trek noch, dass die Besatzung des Raumschiffs Enterprise "unterwegs ist, um fremde Galaxien zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen. Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat". Weil es auf der Erde damals kaum mehr unerforschte Flecken gab, wurde das Narrativ vom Unbekannten und Fremden in den Weltraum verlegt, der ja bekanntlich unendlich ist (oder eben auch nicht, wie der jüngst verstorbene Stephen Hawkins in seiner letzten Arbeit mutmaßte).

Am Ozeangrund sammelt sich der Müll an

Auch der Ozean galt lange Zeit als Terra incognita. Das wiederum nahm der Meeresforscher Jacques Cousteau in den 1960er Jahren zum Anlass, in der anderen Richtung nach neuen Welten zu suchen, nämlich auf dem Meeresgrund. Das könnte auch heute noch ein schönes Abenteuer sein. Mittlerweile findet sich auch dort der Müll, den der Mensch an Land produziert. So wie das Plastiksackerl, das jüngst an einem Tauchroboter in elf Kilometer Tiefe vor die Kamera geschwebt ist.

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Die Podersdorfer haben keinen Zugang zum See mehr

Den Dreck vermieden haben ja – wie gestern hier berichtet – die mutigen Parndorfer im nördlichen, die der Regierung eine Abfuhr zum Endbahnhof für die russische Breitspurbahn erteilt haben. Jetzt sucht die Regierung einen Ersatzstandort im benachbarten Niederösterreich. Die Einwohner rund um den Neusiedler See haben in letzter Zeit überhaupt etwas Rebellisches an sich. Etwa 20 Kilometer südlich, in Podersdorf, regen sich die Bewohner der "Wüste" (so nennt man dort eine Siedlung, in der es im Sommer so heiß wird wie in Afrika) auf, dass sie keinen freien Zugang zum See mehr haben. Das ist dort neu, denn der rund 50 Meter breite Streifen, den sie bisher nutzen konnte, ist nun exklusiv den Seglern vorbehalten.

Das Ufer des Neusiedler Sees wird immer mehr privatisiert

Nicht so neu ist der restriktive Seezugang für die andern Orte. Der Zugang zum Neusiedler See ist ja von Natur aus sehr beschränkt, da das Ufer großenteils mit Schilf bewachsen ist. Und dort, wo man zum See kommt, wird das Ufer immer mehr verbaut. Das führt dazu, dass die einheimische Bevölkerung immer weniger vom See hat. In Jois wurde kürzlich die (private) Inselwelt erweitert und in Neusiedl und Rust bauen sie auch neue Seehotels und Privathäuser (die in der Regel als Zweitwohnsitz verwendet werden). Naja, für schöne, kitschige Bilder vom Neusiedler See reicht es allemal. Das freut die Wirtschaft. Und wenn's der gut geht, dann geht es bekanntlich uns allen gut. Auch den (Hauptwohnsitz-)Anrainern am Neusiedler See, die den See bald nur noch dem Namen nach kennen werden. Die wissen nämlich auch, wie begrenzt der Raum auf der Erde geworden ist. Und im Schilf rund um den Neusiedler See finden sich ja auch schon genug Plastiksackerl und anderer Müll, der von den Menschen achtlos weggeschmissen wird. (Markus A. Gaßner, 18. Mai 2018)