Heuer ist es wieder passiert: Peek & Cloppenburg warb in einem seiner Kataloge für Herrenhemden mit einer Überschrift: "Jedem das Seine". In dem Sinne, dass man dort eben genau das richtige Teil für sich finden könne.

Der Prospekt ist neutral gehalten. Der Satz ist eine Überschrift, aber in einer Groteske-Schriftart. Natürlich gibt es eine Assoziation mit diesem Satz. Ja, er stand auf dem Eingangstor des KZ Buchenwald. Doch wie sollte man darauf reagieren?

"Spiegel Online" titelt "Peek & Cloppenburg warb mit Nazi-Spruch", "'Jedem das Seine' zum blütenweißen Herrenhemd" hämt die Sächsische Zeitung, das Hamburger Abendblatt prophezeit "Weiter Wirbel um Nazi-Spruch in Prospekt" und "Diese zwei Seiten in einem neuen Peek&Cloppenburg-Prospekt sind ein Skandal" echauffiert sich die Huffington Post. Ist das jetzt nur sensationsheischender Journalismus?

Streit- und Debattenkultur im Netz

Für die App von Peek & Cloppenburg wirbt das Unternehmen auch damit, dass unter anderem ein "Barcode Scanner" integriert ist. Hätte der fehlende Bindestrich vor knapp zehn Jahren, als der Dativ dem Genitiv sein Tod war, mit der heutigen Streitkultur auch schon einen Shitstorm ausgelöst? Vielleicht, möglicherweise aber auch nicht. Klar ist, seien es nun Diskussionen um die Farbe von Kleidern oder ob – wie erst kürzlich – in einer Audiodatei nun "Laurel" oder "Yanny" zu hören ist: Das Internet liebt es, über alles zu diskutieren und diese Diskussionen mit einer teils erschreckenden Ernsthaftigkeit zu führen. 

Doch leider bleibt es nicht immer bei einer Diskussion – schon gar nicht bei einer sachlichen.

Leben wir in einer Empörungsgesellschaft?

Natürlich verkauft sich Dummheit besser. Der Vorfall war ein Fauxpas. Doch genauso ist es beim Verfolgen der Schuldigen. Denn die Internetkultur und speziell Social Media haben ein Problem: Quellen-Check. Im Fall Peek & Cloppenburg kann es sogar einen Unschuldigen treffen, denn es gibt zwei unabhängige Unternehmen dieses Namens. Eines mit dem Hauptsitz in Düsseldorf und eines in Hamburg.

Das Hamburger Peek & Cloppenburg war für den Fauxpas verantwortlich, doch mindestens in der Berichterstattung wird nicht einmal erwähnt, dass es zwei Unternehmen dieses Namens gibt. Ähnliche Probleme haben auch Opfer von Fake-News. Selbst (oder gerade) Bundespolitiker wie Claudia Roth von den deutschen Bündnis 90/Die Grünen wurden bereits mit falschen Zitaten im Netz diffamiert.

Dieses Beispiel stammt aus dem Jahr 2012 als der Süßwarenhersteller Kitkat versehentlich in einem Beitrag auf Instagram das obige Foto postete. Peinlicherweise ähnelt das Kostüm im Bild dem Meme Pedobear – einem Comicbären, der in der Netzkultur symbolisch für Pädophilie steht.

Die Fehler anderer

Leider erfreut (oder vermag man auch manchmal sagen ergötzt) sich insbesondere die Netzgesellschaft gern an den Fehlern anderer. Dadurch unterscheiden sich Onliner nicht von Offlinern. Das Internet ermöglicht allerdings, andere und für manche enthemmendere Möglichkeiten, die eigene Meinung Kund zu tun.

Hohn, Rassismus, Sexismus und Diskriminierung jeglicher Art ist keine erstrebenswerte Handlung. Sie sind stark emotional gefärbt und ihr Ziel ist das Zufügen von Leid. Doch genauso können wir uns auch selbst Leid und Schmerz zufügen, und damit ein schlechteres Bild dieser Welt zeichnen als nötig, wenn wir hinter jeder unbedachten (wenngleich schlecht gewählten) Formulierung eine Absicht erkennen.

Hochgradig manipulierbare Nutzer

Das menschliche Gehirn versucht hinter allem ein Muster zu erkennen. So entstehen auch Déjà-vu-Situationen: Unser Gehirn versucht, eine Situation mit einer ähnlichen Situation zu verknüpfen.

Diese Systematiken, durch die wir denken und mit denen wir arbeiten, gibt es auch online. Dass es gleichgültig ist ob wir Face-to-Face oder Face-to-Facebook kommunizieren, haben unter anderem Forschungen nachgewiesen wie von Kramer (2014) zur Beeinflussung von Massen durch soziale Netzwerke.

Wir sind online hochgradig manipulierbar und genauso affektiv und emotional handelnd.

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Sind am Ende wir die Bösen?

Ich selbst bin in der Generation Internet aufgewachsen, die noch naiv und gutgläubig diese Technologie betrachtet hat. Doch das Internet ist weder Himmel noch Hölle, sondern ein Abbild der menschlichen Gesellschaft. Es finden sich humanitäre Hilfsorganisationen genauso wie rassistische oder pädophile Zirkel in den Weiten des Netzes.

Doch wie stark lassen wir uns als einzelner Nutzer hier beeinflussen? Es lohnt auf jeden Fall am Beispiel von Peek & Cloppenburg die Kommentarzeilen durchzulesen. Vielfach wird von Nutzern um Mäßigung gebeten und darum, den Sensationalismus etwas zu dämpfen.

Wir sind Menschen und haben erstrebenswerte und abstoßende Eigenschaften in uns. Sie als Leser entscheiden selbst, wie Sie diese Zeilen interpretieren. Ob Sie dies kommentieren oder es sein lassen. Meine einzige Bitte: Bleiben Sie menschlich miteinander. (Christian Allner, 30.5.2018)