Mit dem Stichtag 1. Mai 2018 waren 1.267 Personen in Österreich als vermisst gemeldet. 746 sind Kinder und Jugendliche, die Mehrheit davon männlich.

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Wien – 2017 sind in Österreich 10.000 Vermisstenanzeigen erstattet worden – rund 27 pro Tag. Mit Stichtag 1. Mai 2018 waren 1.267 Personen abgängig gemeldet, davon 746 Kinder und Jugendliche. Der Großteil war männlich, mehr als die Hälfte (762) stammten aus Nicht-EU-Staaten, hieß es am Mittwoch bei einem Pressegespräch im Bundeskriminalamt.

"Fast drei Viertel der als vermisst gemeldeten Personen sind Minderjährige, die aus Betreuungseinrichtungen abhauen", sagt Stefan Mayer, Leiter des Kompetenzzentrums für abgängige Personen (KAP). Die Abgängigen werden im Elektronischen Kriminalpolizeilichen Informationssystem (Ekis) gespeichert, nach ihnen wird Schengen-weit gefahndet. "Wir finden sie fast alle wieder, ungefähr zehn Fälle pro Jahr bleiben ungelöst", so Mayer. Dabei handle es sich großteils um Unfälle, etwa am Berg oder in Flüssen und Seen, aber auch Suizide. Demenzfälle führen laut Mayer jährlich zu ungefähr 300 Anzeigen. Viele der Senioren sind dabei auch "schnell unterwegs, mit dem Zug oder mit einem Auto". Von den im Vorjahr als vermisst gemeldeten Personen wurden rund 100 tot aufgefunden – darunter waren viele Suizide und Unfälle.

Keine 24-Stunden-Frist

Am 1. Mai waren 521 Erwachsene als vermisst gemeldet. Hier kommt es auch vor, dass Menschen freiwillig verschwinden. Mayer schildert den Fall eines jungen Mannes, der "unter der Fuchtel seiner dominanten Mutter stand" und in Großbritannien untertauchte. "Manche gehen weg und kommen erst dann drauf, was es für die Verwandten eigentlich bedeutet." Werden als vermisst gemeldete Erwachsene gefunden, wird ihr Aufenthaltsort nur mit ihrem Einverständnis an die Verwandten weitergegeben. Prinzipiell gilt: "Die Polizei ist verpflichtet, jemanden zu suchen, der abgängig ist", so Mayer. "Dass dafür 24 Stunden vergangen sein müssen, stimmt nicht", ergänzt sein Kollege Gerhard Brunner.

Von den abgängigen Minderjährigen waren 183 unter 14 Jahre alt und damit unmündig, 563 waren 14 bis 18 Jahre alt. Die meisten von ihnen tauchen nach wenigen Tagen wieder auf oder werden gefunden, 90 bis 95 Prozent innerhalb eines Monats. Rund drei Viertel der Kinder und Jugendlichen waren bereits mehr als dreimal abgängig, einige bis zu 50-mal. "Ein Bub war bereits 100-mal als vermisst gemeldet", sagt Brunner. Bei Heimkindern ist oftmals "ein starkes Motiv, dass sie zu den Eltern zurückwollen", so Mayer. Viele hätten auch kein Verständnis dafür, dass sie fremduntergebracht sind, dazu kommen laut Brunner Langeweile und Neugierde.

Pilotprojekt "Heimvorteil"

Um die Zahl der aus Betreuungseinrichtungen abgängigen Jugendlichen zu senken, begann das Bundeskriminalamt im Vorjahr das Präventionsprojekt "Heimvorteil". Fünf Einrichtungen in Wien, Kärnten, Niederösterreich und Oberösterreich wurde ausgewählt, Polizisten arbeiteten dort mit den Pädagogen zusammen und machten Workshops mit den Jugendlichen, um sie zu sensibilisieren. In drei Einrichtungen – dort, wo mit den zuständigen Betreuern ein vertrauensvoller Kontakt hergestellt wurde und wo die Minderjährigen noch zugänglich waren – wurde die Zahl der Abgängigkeitsanzeigen um bis zu 50 Prozent gesenkt. Im sozialpädagogischen und therapeutischen Zentrum Josefinum in Kärnten gab es sogar eine Reduktion um 80 Prozent, berichtet Brunner.

Die Jugendlichen hätten in den Projekten durchwegs positiv reagiert, viele hatten erstmals Kontakt mit der Polizei, wenn sie "nicht mit erhobenem Zeigefinger kommt", sagt Brunner. Eine weitere Erkenntnis des Pilotprojekts war, dass bei tatsächlich verhaltensauffälligen Minderjährigen Präventionsarbeit nichts mehr bringt. "Es gibt ein paar hoffnungslose Fälle", sagt Mayer. An ihnen scheitern oft auch Sozialpädagogen. Das Pilotprojekt habe jedenfalls gut funktioniert, nun soll bis Jahresende ein Plan ausgearbeitet werden, um das Projekt auf ganz Österreich auszudehnen.

Das Kompetenzzentrum für abgängige Personen wurde 2013 geschaffen. Es unterstützt ermittelnde Polizisten als internationale und nationale Drehscheibe, ist für Ausbildungen zuständig und sammelt und bereitet Daten auf. In Einzelfällen werden auch Ermittlungen durchgeführt.

Rasche Unterstützung gibt es bei der Hotline für vermisste Kinder. Unter der Rufnummer 116-000 wird kostenlos und rund um die Uhr vertrauliche Hilfe für Jugendliche, die von zu Hause ausgerissen sind, und auch für ihre Angehörigen und Bezugspersonen angeboten. (APA, 24.5.2018)