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Martin Stranzl (links) im Jahr 2007 im Dress von Spartak Moskau. "Es war ein Geben und ein Nehmen, eine Herausforderung."

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Martin Stranzl betreute zuletzt die U19 von Borussia Mönchengladbach. Den Vertrag hat er einvernehmlich gelöst, der 37-jährige Burgenländer kehrt im Sommer mit seiner Familie (zwei Kinder) nach Österreich zurück. "Ich weiß noch nicht, was ich beruflich mache, ich lasse die Dinge auf mich zukommen." Von Anfang 2006 bis Ende 2010 verteidigte er für Spartak Moskau, 2009 trat er nach 56 Länderspielen (drei Tore) aus der Nationalmannschaft zurück, 2016 beendete er bei Gladbach seine aktive Karriere.

STANDARD: Finden Sie es in Ordnung, dass die Fußball-WM in Russland stattfindet? Wladimir Putin investierte mehr als zehn Milliarden Euro. Wird auch diese Sportveranstaltung für politische Zwecke missbraucht, es wäre ja nicht das erste Mal?

Stranzl: Ich verstehe das Trara nicht. Ich habe fünf Jahre lang in Russland gespielt. Die Leute freuen sich darauf, es wird nicht anders sein als bei anderen Weltmeisterschaften. Es gab immer und überall Probleme, man soll da nichts dramatisieren. Es ist total übertrieben, nur weil das Ereignis in Russland stattfindet, ein Fass aufzumachen.

STANDARD: Sie waren von 2006 bis 2010 bei Spartak Moskau engagiert. Was war für den Wechsel, vom Geld einmal abgesehen, ausschlaggebend? Es war und ist doch ungewöhnlich, Legionär in Russland zu werden?

Stranzl: In Stuttgart spielte ich immer an verschiedenen Positionen – Innenverteidiger, Außenverteidiger, rechts im Mittelfeld, Sechser. Von Spartak ist ein Angebot gekommen, sie garantierten mir, dass ich als Innenverteidiger eingesetzt werde. Außerdem spielte die Mannschaft Qualifikation für die Champions League. Die sportliche Perspektive passte also, und natürlich war die Bezahlung gut.

STANDARD: Wie haben Sie das Land erlebt? Oder ist man als Fußballprofi derart abgeschottet, dass man nur wenig mitbekommt, quasi in einem goldenen Käfig residiert?

Stranzl: Überhaupt nicht. Bei den Trainings durften weder Fans noch Journalisten zuschauen, man schrieb keine Autogramme, besuchte keine Fanklubs. Man konnte in Ruhe arbeiten. Es ist schon anders als in Deutschland oder Österreich. Aber die Leute sind fußballverrückt, es war immer angenehm und nett. Wir waren einmal Kaffeetrinken in der Stadt, der Kellner hat in den Schaum meines Cappuccinos das Wappen von Spartak gemalt und den Daumen hoch gezeigt. Man muss in Russland keine Berührungsängste haben. Die Leute sind am Anfang zurückhaltend, aber dann blühen sie auf.

STANDARD: Ein Klischee besagt, dass Russen schwermütig sind. Haben Sie das so empfunden?

Stranzl: Nicht unbedingt, das ist ein falsches Bild. Man müsste in die Geschichte eintauchen, dann kann man gewisse Verhaltensweisen nachvollziehen. Mit dem Kippen der Sowjetunion sind einige Menschen innerhalb kürzester Zeit zu viel Geld gekommen. Reichtum schlägt aufs Gemüt, aber Neureiche gibt es auch in anderen Ländern. Als ich dort war, hatte ich das Gefühl, dass viel Leute etwas aufbauen wollen.

STANDARD: Was hat Sie fasziniert? War es die Größe des Landes?

Stranzl: Es war auf alle Fälle eine Herausforderung, ich habe die Sprache gelernt, versuchte, mich zu integrieren. Es ist nicht einfach, die Schrift ist eine andere. Aber es war eine überragende Lebenserfahrung, die Dimensionen sind gewaltig. Die Flugzeit zum Meisterschaftsspiel nach Wladiwostok betrug neun oder zehn Stunden. Anderseits war man sehr oft daheim, denn sieben oder acht Vereine kamen aus Moskau.

STANDARD: Wurden an Legionäre höhere Ansprüche gestellt?

Stranzl: Es kommt immer auf einen selber an, es war bei mir total entspannt, genauso wie bei den einheimischen Spielern. Wenn ein Legionär nach Deutschland oder England kommt und er die Sprache nicht lernen will, dann bekommt er Probleme innerhalb der Mannschaft. Es ist immer ein Geben und Nehmen. Spartak hat darauf Wert gelegt, dass man zumindest die fußballerischen Fachbegriffe beherrscht. Die Teamsitzung und Besprechungen wurden selbverständlich auf Russisch geführt.

STANDARD: Warum gelingt es dem russischen Fußball nicht, an die Spitze zu kommen? In anderen Bereichen ist das Land ja auch top. Liegt es daran, dass keine Kicker im Ausland spielen. Oder an den unberechenbaren Oligarchen?

Stranzl: Das ist schwierig. Schaut man sich die Nachwuchsakademien an, die sind top, es gibt ausreichend Talente. Mindestens sechs Einheimische müssen der Startelf angehören. Die Vereine zahlen sehr gut, der Anreiz, ins Ausland zu gehen, ist deshalb nicht so groß. Die meisten Russen sind sehr heimatverbunden, sie wollen in ihrer Umgebung bleiben. Russland ist kein EU-Land, das erschwert Transfers zusätzlich. Spieler unter 18 Jahren dürfen gar nicht weg. Im Eishockey, dem Nationalsport Nummer eins, ist es anderes. Die richtig Guten sind in der NHL.

STANDARD: Es soll eine große, gewaltbereite Hooliganszene geben. Habe Sie davon etwas gemerkt?

Stranzl: In den fünf Jahren gab es kein Spiel, wo ich gesagt hätte, das war gefährlich. Kein Platzsturm, keine Ausschreitungen. Bengalos wurden gezündet, es gab schöne Choreografien, das war es. Die Hooliganszene war möglicherweise im Umfeld der Stadien aktiv.

STANDARD: Sie trainierten unter dem aktuellen Teamchef Stanislaw Tschertschessow. Wie war er, trauten Sie ihm so eine Karriere zu?

Stranzl: Soweit denkt man nicht. Wir haben gut zusammengearbeitet. Es gab dann schlechte Ergebnisse, also wurde er gefeuert, die Mechanismen sind in Russland dieselben. Als Nationaltrainer hat er es gewiss nicht leicht.

STANDARD: Inwieweit verfolgen Sie die österreichische Nationalmannschaft? Welche Perspektiven hat sie? Was ist von den Testspielen gegen Russland, Deutschland und Brasilien zu erwarten?

Stranzl: Ich kriege gar nichts mit, ich sehe keine Spiele, bin zu weit weg. Mir steht kein Urteil zu.

STANDARD: Ist Österreich am Mittwoch in Innsbruck gegen Russland sogar Favorit?

Stranzl: Ich weiß es nicht, ich habe ja auch keine Spiele des russischen Nationalteams gesehen. Eine Aussage wäre vermessen. (Christian Hackl, 30.5.2018)