Wir schreiben das Jahr vier, in dem eine Nation quasi kollektiv maturiert, dabei aufgeregt hyperventiliert – und über die Zentralmatura lamentiert. Dieses Empörungsritual wiederholt sich seit dem ersten Durchgang der "standardisierten kompetenzorientierten Reifeprüfung" im Frühjahr 2015. Was ist passiert?

Überraschung, nicht alle haben bestanden, auch diesmal nicht. Ja, und? Es haben nie alle die Matura bestanden in den 169 Jahren, die es diese große Abschlussprüfung am Ende einer höheren Schule in Österreich gibt. Oft spielen dabei bildungsferne Kategorien wie die Finanzkraft der Eltern zum Erwerb der nötigen Schmiermittel für die soziale Distinktionsmaschinerie namens Schule – Beispiel Nachhilfe – eine entscheidende Rolle. Ein Hort der Gerechtigkeit war die Matura jedenfalls noch nie.

Abgesehen davon, dass es für viele, die durchfallen, ein individuelles Lebensdrama ist – verlorene Zeit, zerstörtes Selbstbewusstsein, verdunkelte Zukunft -, ist die Matura auch Symptomträgerin des Schulsystems. Wenn an der Pforte zur Uni die größte Hürde in Mathematik der, wie es heißt, zu lange, komplexe Text der Aufgaben – also das Lesen – ist, dann läuft etwas schief. Davor. Die Zentralmatura macht nur transparent, wie vielen es nicht gelingt, einen harten, vergleichbaren Kern an Wissen, den alle haben sollten, zu erfüllen. Wer meint, das ist die Schuld der Zentralmatura, der sollte sie vielleicht gleich ganz abschaffen. (Lisa Nimmervoll, 26.6.2018)