Überstunden bis weit in die Nacht hinein – haben Sie das auch schon gemacht?

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Meine ersten persönlichen Berührungspunkte mit der Gewerkschaft waren eher verstörend. Ich wurde sehr ruppig aufgefordert, endlich aufzuhören zu arbeiten, da meine Arbeitszeit überschritten sei. Als junger Arbeitnehmerin in der Probezeit war mir aber auch klar, dass deutlich mehr von mir erwartet wurde, als ich in dieser kurzen Zeit bewältigen konnte. So verinnerlichte ich schon an meinem ersten Arbeitsplatz: Ich leiste zu wenig für die normale Arbeitszeit und muss länger arbeiten, um das erwünschte Soll zu erzielen.

Damit war ich perfekt vorbereitet auf eine Karriere in der Wirtschaft, und es war fortan Teil meines Credos, "die Extrameile" zu gehen, um damit das "Werkzeug meines eigenen Erfolges" zu sein. Ich ärgerte mich, wenn auch nur im Stillen, dass ich als Angestellte in der IT-Industrie nicht nach IT-Kollektivvertrag bezahlt wurde, sondern nach Handels-KV, aber ich war ja Teil einer "schicken" Firma mit einer schicken Adresse, und für eine weibliche österreichische Handelsangestellte wurde ich nahezu fürstlich bezahlt – gegenüber männlichen Kollegen allerdings eher ärmlich, von den Außendienstmitarbeitern ganz zu schweigen, die natürlich ausschließlich männlich waren.

Wir sitzen alle im selben Boot

Die Arbeitszeit war mit einem All-in-Vertrag geregelt, und natürlich braucht so eine schicke Firma ja keinen Betriebsrat, obwohl sie weltweit übe 50.000 Mitarbeiter hat. Diese Firma ist quartalsgetrieben, und deshalb betrug meine Arbeitszeit jeden dritten Monat teilweise weit über zwölf Stunden pro Tag. Ich wurde selten direkt zu solchen Arbeitszeiten angewiesen, jede Woche beim Meeting eine Viertelstunde angeschrien zu werden reichte mir als Motivation, und ich hatte ja auch Verantwortung fürs Team. Jede und jeder wusste, wenn wir die Verdoppelung der Umsätze nicht hinkriegen, muss jemand von uns gehen.

Also beschwerte ich mich nicht und tat mein Bestes. Ich verdoppelte drei Jahre in Reihe meine Umsätze. In diesem Zeitraum stieg mein Grundgehalt um vier Prozent. Ich nahm niemals Zeitausgleich, weil das für Innendienstmitarbeiter nicht vorgesehen war. Als ich versuchte, meine Kollegen auf diesen Missstand anzusprechen, wurde mir erklärt, ich solle doch froh sein, dass ich hier arbeiten kann, und sie würden einen Betriebsrat nicht brauchen. Als ich das Arbeitszeitgesetz erwähnte und den Umstand, dass es uns zusteht, acht Stunden Nachtruhe zu haben, sagte eine Kollegin, es komme eh nur selten vor und sei halt eben so.

Ich verzichtete auf die vierte Verdoppelung und wechselte die Firma – und in den Außendienst. Damit war das Arbeitszeitgesetz insofern wertvoll, als nach zwölf Stunden Außendienst der volle Spesensatz zum Tragen kam – und ich theoretisch verweigern konnte, nach Abfahrt um sieben Uhr und dem letzten Termin um 15 Uhr noch heimzufahren. Auch hier verbrachte ich viele Arbeitstage jenseits von Zwölfstundentagen, nahm jedoch zumindest viel Zeitausgleich, eins zu eins, auch für Sonntage. Es war eine kleine Firma, kein Betriebsrat, aber zumindest über weite Strecken ein halbwegs faires Familienunternehmen, und wir sitzen ja alle im selben Boot – wir kennen das.

Auch in dem letzten Unternehmen arbeitete ich ganz nach den Bedürfnissen des Unternehmens, aber immerhin mit ordentlicher Zeitabrechnung, und Zwölfstundentage waren eher die Ausnahme als die Regel – außer im vierten Quartal, aber das ist eine andere Geschichte.

It's us, stupid!

Alle diese Kompromisse und Gesetzesbrüche machte ich, weil ich Erfolg haben wollte und die Firma vorwärts bringen wollte, wissend, dass es die Konkurrenz gleich macht. Nun will die Regierung das zum Gesetz machen. Und hier müssen wir einen Punkt machen und aufhören, uns gegenseitig das Wasser abzugraben.

Wir Angestellten in allen Branchen, die wir All-in-Verträge haben und alle unbezahlte Überstunden machen und eh länger bleiben, weil der Auftrag noch nicht fertig ist, und alle trotz verpflichtender Ruhezeit kommen, weil die Kollegin krank wurde, und alle die Fahrzeit nicht aufschreiben, weil es sonst über die zehn Stunden ginge – wir Streikbrecher müssen endlich aufhören, unsere eigenen Rechte und Gesetze, für die wir Arbeitnehmer gekämpft haben, selbst zu untergraben!

Es gibt einen Grund, warum es nie aufhört und es immer mehr Arbeit als Arbeitszeit gibt: In den letzten 20 Jahren sind die Umsätze und Gewinne kräftig gewachsen, die Zahl der Arbeitsstellen aber nicht! Eines muss uns klar sein: Das persönliche Gehalt ist ganz sicher weniger gestiegen als die Gewinne der Firma, in der man arbeitet. Daher ist jetzt der Zeitpunkt gekommen, sich an die kollektivvertraglich geregelten Arbeitszeiten zu halten, und zwar wörtlich. Gehen Sie zur Gewerkschaft, noch ist sie nicht verboten! Bestehen Sie darauf, Ihre Arbeitszeit korrekt zu absolvieren, auch wenn es kurz ein bisserl ungemütlich wird. Bestehen Sie vor allem auf Ihrer Freizeit. Und zwar korrekt abgerechnet – 1:1,25, 1:1,50 oder 1:2.

Solidarität konkret

Wir Arbeiterverräter leisteten laut Statistik Austria im letzten Jahr 250 Millionen Überstunden, 45 Millionen davon unbezahlt. Das sind 26.000 Vollzeitjobs, die nicht besetzt wurden, weil wir zu ängstlich und zu faul sind, unsere eigenen Interessen zu vertreten. Das ist der Kollege, der vor einigen Jahren eingespart wurde, wissen Sie noch? Der Ihre Urlaubsvertretung gemacht hat? Jetzt ist die Urlaubszeit da: Wird der Stapel auf Ihrem Tisch wohl gleich groß, größer oder kleiner sein, wenn Sie zurückkehren? (Von Ihrem E-Mail-Postfach will ich jetzt gar nicht erst anfangen.) Nehmen Sie Ihr Handy mit in den Urlaub? Melden Sie sich regelmäßig im Büro, ob eh alles klar ist?

Machen Sie das nur, wenn Sie echter Anteilseigner der Firma sind, der Sie so aufopfernd dienen, und damit meine ich nicht Optionen, mit denen mittlere Angestellte so gerne abgespeist werden. Das, und nur das, ist der Grund, der Sie vor einer Kündigung bewahren kann, wenn Sie auch ein (Familien-)Leben jenseits der Arbeit wollen. Wenn Sie kein Anteilseigner sind, sind Sie eine Arbeitnehmerin – auch wenn die Firma Ihrer Frau oder Ihrem Mann gehört, sind Sie angestellt –, und heute ist der Tag, an dem Sie beginnen sollten, sich wie ein Arbeitnehmer zu benehmen – im Namen unserer Vorfahren, die den Achtstundentag erkämpft haben! Und weil wir Arbeitnehmer die progressive Kraft in diesem Land sind und nicht zu Zuständen wie vor 100 Jahren zurückwollen, soll unsere Forderung heute heißen: 30 Stunden bei vollem Lohnausgleich als Normalarbeitszeit!

Und auf dieser Basis können wir dann gerne darüber reden, ob wir ausnahmsweise auch einige Zeit bis zu 60 Stunden arbeiten würden, weil wir am Ende das Team sind, das hier die Arbeit macht. (Lydia Croce, 24.7.2018)