Dora Philippine Kallmus (hier auf einem Selbstbildnis 1929) wird 1881 als zweite Tochter des Rechtsanwalts Philipp Kallmus geboren. Ihre Mutter stirbt früh, die Großeltern und Gouvernanten übernehmen die Erziehung und fördern ihr Interesse für Musik.
Nach einer unglücklichen Liebe entschließt sie sich, einen Beruf zu ergreifen. 1903 beginnt sie zu fotografieren, arbeitet 1904 im Atelier des Malers Hans Makart, belegt aber Fotografieklassen an der Wiener Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt. 1906 erhält sie die Gewerbeberechtigung als Fotografin, 1907 eröffnet sie das Atelier d'Ora in der Wipplingerstraße 24-26. Danach nimmt ihre Karriere rasch Fahrt auf.

Foto: Madame d’Ora – ullstein bild collection

Monika Faber, Esther Ruelf, Magdalena Vukovic (Hg.), "Machen Sie mich schön, Madame d'Ora. Dora Kallmus, 1907-1957". € 50,- / 348 Seiten. Christian-Brandstätter-Verlag, Wien 2018

Zum Weiterlesen: Ein Fixstern im Wiener Fin de Siècle

Cover: Brandstätter Verlag

"Die Perlenschnüre lagen zehnfach um den Hals, der kleidsame ungarische Mantel war an der Schulter festgehalten mit unwahrscheinlich großen Diamanten und Edelsteinen (… ) Agraffen, Diademe, Armbänder, Kolliers funkelten in den echten Brokaten und alten Spitzen bei hellem Tageslicht so blödsinnig wie heute der Diamantglanz eines Revuebildes oder die Lichtreklamen der Boulevards."

Leiser Spott angesichts der Dekadenz der Noblessen schwingt in Dora Kallmus' 1931 notierten Erinnerungen mit. 1916 hatte die ungarische Aristokratie die unter dem Künstlernamen Madame d'Ora Arbeitende nach Budapest kommen lassen, um sich in ihrem Krönungsstaat ablichten zu lassen. Mit dem Schmuck wollte man nicht nach Wien reisen, was die Fotografin angesichts der Kriegszeiten und der schwer behängten Adelsdamen verstand. Dennoch war der Glamour und der Sexappeal, den die d'Ora nicht nur bei weiblichen Modellen zu beschwören vermochte, nicht jener von echten Klunkern. Aber dazu später.

War ein großer Fan von Madame d'Ora: Elsie Altmann-Loos (1922).
Foto: Photoarchiv Setzer-Tschiedel/IMAGNO/picturedesk.com

Schon früh verstand sich die 1881 geborene Fotografin auf den Zauber fürs Auge, der Objekte anders erscheinen lässt, als sie wirklich sind. Eine Meisterschaft, die sie, Pionierin in einer Männerdomäne, rasch zur gefragtesten Fotografin der Wiener Gesellschaft – von Musikern, Malern, Ärzten, Rechtsanwälten, Bankiers und insbesondere von deren Angetrauten und Töchtern werden ließ. "Männer haben etwas von Austern, Frauen etwas von Pfauen", sinnierte sie 1942 über die Schwierigkeit, auch Männern im Por trät gerecht zu werden.

Hübscher als vorm eigenen Spiegel empfand sich insbesondere die weibliche Klientel auf den Porträts. Dora Kallmus' Geheimnis lag darin, in ihrem Atelier eine herzliche, entspannte und vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen: Zwischen Plauderei und Anprobe verschiedener Kleider, löste sie oft unbemerkt den Auslöser. Einen "Operettenerfolg" dank Fotos, die zu "Schlagern" wurden, nannte Dora Kallmus ihre Wiener Zeit später.

Fotos von Madame d'Ora – um 1936: Modistin Madame Agnès mit einer eigenen Hutkreation – 1933: Tamara de Lempicka mit einem Hut von Rose Descat – 1909: Helene Jamrich mit einem Hut des Modehauses Zwieback
Fotos: Photoinstitut Bonartes, Wien (2), Privatsammlung, Wien

Machen Sie mich schön, Madame d'Ora! heißt denn auch die Ausstellung im Leopold-Museum – eine Anspielung auf den von Alma Mahler übermittelten Wunsch, der eigenen Schönheit mit Retuschen nachzuhelfen. Dem aufgespannten Bogen wird der leichtfüßige Titel jedoch nicht ganz gerecht. Die Schau, eine für Wien adaptierte Kooperation mit dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe und dem Photoinstitut Bonartes, reicht weit hinter die Zäsur, die die Verfolgung durch die Nazis und die Ermordung ihrer Schwester Anna in die Karriere der jüdischen Fotografin riss. Nach dem Krieg, während dem sie sich in einem französischen Bergdorf südlich von Lyon versteckte, nahm sie – inzwischen schon über 60 – die Porträtfotografie zwar wieder auf, aber ihre Bildsprache hatte sich, nicht nur vom Surrealismus beeinflusst, verändert.

Abgetrennter Kalbskopf, den Madame d'Ora um 1954 in einem Pariser Schlachthaus fotografierte; andere Tierkadaver lichtete sie in ihrem Atelier ab.
Foto: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Berührend sind die Fotos, die d'Ora von Flüchtlingslagern in Wien und Salzburg anfertigt. Von verstörender Eindringlichkeit sind hingegen die in Pariser Schlachthöfen entstandenen, teils in Farbe geschossenen Bilder: gehäutete Tierleiber, ein Haufen voller nasser, blutdurchtränkter Felle von abstrakter Grausamkeit oder sich in der brutalen Szenerie zart berührende Rinderschädel. Der Philosoph Siegfried Kracauer hatte die NS-Tötungsmaschinerie mit der Automatisierung moderner Schlachthäuser verglichen. Menschliche Abgründe stehen zwischen diesem kaum bekannten, nicht minder starkem und bis 1958 reichenden Spätwerk und der Verführungskraft jener fotografischen Ikonen, der Dora Kallmus ihren Ruhm verdankt.

Verführerischer Glamour

Fotos, die zu Ikonen wurden: Josephine Baker, im Jahr 1928 von Madame d'Ora inszeniert.
Foto: © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Es ist nicht nur die Kunst, mit der sie als Madame d'Ora die Protagonisten der Wiener Salons und die Akteurinnen von Theater und Mode in Szene zu setzen vermochte, die sich in der Ausstellung erzählt (Kuratorinnen: Monika Faber, Magdalena Vukovic). Spürbar wird auch das Selbstbewusstsein einer Frau aus bürgerlichem Haus, der eine künstlerische Laufbahn verwehrt blieb, die nach einer enttäuschten Liebe zu einem verheirateten Mann nie heiratete und schließlich den Weg zur wichtigsten Modefotografin von Paris beschritt.

Maurice Chevalier auf Fotos seiner langjährigen Freundin Madame d'Ora: der Mann als Sexsymbol und Objekt der Begierde.
Fotos: Brandstätter-Verlag

Dass Dora Kallmus den Glamour, die mit Weichzeichner und Hell-dunkel-Effekten geschaffenen verführerische Oberflächen, allerdings auch für den Mann etablierte, dem ist ein kleines, aber spannendes Kapitel gewidmet: Anders als Clark Gable oder Gary Cooper, die einst als Individualisten des Typs Abenteurer oder Denker dargestellt wurden, setzte sie Chansonnier und Schauspieler Maurice Chevalier als Sexobjekt mit einem Glanzlicht auf seiner berühmten Unterlippe in Szene.

So wie die Damen ließ sie den Star, mit dem sie eine lange Freundschaft verband, mit der Kamera kokettieren, betörend mit gesenktem Kopf in die Kamera lächeln oder Gesten vollführen, die eigentlich weiblichen Porträts vorbehalten waren: 1925 titelte eine seiner Bühnenshows suggestiv Pour vous Mesdames. Aus männlicher Unnahbarkeit wurde ein Mann zum Anfassen. (Anne Katrin Feßler, 18.7.2018)

Der französische Chansonnier und Schauspieler Maurice Chevalier um 1927 mit Smoking und der sogenannten Kreissäge (Hut): Die damals gewagte Kombination wurde zu seinem Markenzeichen.
© Photoinstitut Bonartes, Wien | Foto: Photoinstitut Bonartes, Wien