Graz/Wien – Beschimpfungen, Demütigungen, eine Patientin musste ins Bett urinieren, eine weitere wurde bei der "Pflege" grob verletzt: Der Pflegeskandal in der Alterspsychiatrie im LKH Süd-West in Graz offenbart aber ein noch viel weiterreichendes Systemproblem.

Im LKH Süd-West herrschen laut Erhebungen der Volksanwaltschaft, die seit Jahren auch diese Klinik prüft, erhebliche strukturelle Mängel vor. Mängel, die nach Meinung des Volksanwaltes Günther Kräuter unmittelbar mit dem Skandal, in dessen Folge nun drei Pfleger entlassen worden sind, in Zusammenhang stehen.

Auch Gabriele Fischer, Leiterin der Kommission zum Präventiven Menschenrechtsschutz der Volksanwaltschaft, untermauert Kräuters Aussagen.

Fischer, Universitätsprofessorin für Psychiatrie in Wien, berichtet von 17 Besuchen in den Abteilungen des LKH Süd-West seit 2012. Ihr Fazit: "Seit Jahren betonen wir die strukturellen Defizite, aber diese blieben im Wesentlichen unerledigt." Man habe daraufhin, so Fischer, Folgebesuche in den einzelnen Primariaten gemacht – geändert habe sich dennoch kaum etwas.

Die wesentlichen Kritikpunkte: zu wenig ärztliches Personal, die Ärzte seien mit vielen Nebenjobs beschäftigt, Defizite und Mängel in der Weiterbildung des Pflegepersonals, speziell in Hinsicht auf Gewaltprävention, bauliche Mängel (z. B. keine Klimaanlagen).

"Das Kernproblem betrifft nach wie vor den Mangel an Personal", sagt Kräuter. Aber daran dürfte sich auch in Hinkunft nichts ändern. Der ärztliche Leiter Michael Lehofer merkte in der "ZiB 2" an: "Wir haben die Empfehlungen der Volksanwaltschaft stets umgesetzt, abgesehen von jenen, die kostenintensiv sind und länger dauern."

Volksanwalt ist "empört"

Volksanwalt Kräuter ist empört. Auch darüber, dass sich Klinik und Land bei Parlamentspräsidenten Wolfgang Sobotka, der für die Volksanwaltschaft zuständig ist, über die Untersuchung beschwert hatten – namentlich über die Prüfungsweise von Kommissionsleiterin Fischer, die "emotional und fordernd" aufgetreten sei, wie es in dem Schreiben heißt. Fischer sagt nur, dies seien "antiquierte stereotype Zuschreibungen, statt Einsicht zu zeigen".

"Natürlich kostet Personal, aber man muss sich die Frage stellen, ob wir ein würdevolles Altern wollen oder nicht. Hier geht es um eine sensible Pflege alter, kranker, dementer Menschen. Diese brauchen unseren besonderen Schutz und Betreuung. Und dazu braucht es fachlich ausgebildete Personal."

Als "besonders besorgniserregend" werte die Kommission auch die Tatsache, dass laufend Minderjährige in der Erwachsenenpsychiatrie untergebracht werden, sagt Gabriele Fischer. Die Expertin spielt damit auf einen kürzlich aufgebrachten Fall im Wiener Otto-Wagner-Spital an: Dort soll eine 13-Jährige in der Erwachsenenpsychiatrie missbraucht worden sein. Kräuter ergänzt, dass in Kinder- und Jugendeinrichtungen Betreuungspersonen im Einsatz seien, die früher in ganz anderen Berufszweigen gearbeitet hätten, und dann mit "Schellsiedekurse" für die Pflege umgeschult wurden.

Montagnachmittag lud Gesundheitslandesrat Christopher Drexler (ÖVP) gemeinsam mit dem Vorstand der Krankenanstaltengesellschaft Karlheinz Tscheliessnigg und dem Ärztlichen Direktor Michael Lehofer kurzfristig zu einer Pressekonferenz. Er entschuldige sich bei "Patienten und Angehörigen", "man kann von Quälen und Misshandeln sprechen", sagte Drexler. Dies dürfe "nie wieder vorkommen". Das Land Steiermark werde als Konsequenz eine Kommission einsetzen, um sie Vorfälle zu prüfen. (Walter Müller, Petra Stuiber, 18.7.2018)