Migranten, die für einen Hungerlohn auf Spaniens Feldern Gemüse pflücken, junge Rumäninnen, die in heimischen Bordellen landen: 40 Millionen Menschen leben laut Schätzungen als Opfer moderner Sklaverei. Heute begehen die UN den Tag gegen Menschenhandel.

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Eine Arbeiterin auf einer Plantage in der Nähe von Almería in Spanien.
Foto: Reuters/Nazca
  • Auf Spaniens Plantagen

Woche für Woche flattern uns Sonderangebote ins Haus. Es gibt Obst und Gemüse zu niedrigsten Preisen. Wie diese zustande kommen, fragen sich die wenigsten Konsumenten.

Der Grund für die niedrigen Preise sind meist die geringen Löhne der Arbeiterinnen und Arbeiter auf den spanischen Feldern. In der Landwirtschaft gibt es besonders viele Fälle schwerer Ausbeutung in Arbeitsverhältnissen. Warum das so ist, weiß die Expertengruppe Menschenhandel des Europarats (Greta), die dem Land seit Jahren Empfehlungen mit auf den Weg gibt: "Spanien ist weiterhin eines der wichtigsten Ziele für Menschenhandel."

Die Arbeitsbedingungen in der spanischen Landwirtschaft sorgen immer wieder für Schlagzeilen, zuletzt in diesem Frühsommer, als die Nachrichtenwebsite "Buzzfeed" zusammen mit der Gewerkschaft der andalusischen Arbeiter (SAT) bei der Erdbeerernte im südspanischen Huelva recherchierte. Das Ergebnis: ewig lange Arbeitstage, schlechte Bezahlung, Unterkünfte und Verpflegung, die mehr als zu wünschen übrig lassen. Was aber am meisten schockierte, war, dass die marokkanischen Erntearbeiterinnen ständigen sexuellen Übergriffen durch ihre Vorarbeiter und Chefs ausgesetzt waren.

Essensreste der Cheffamilie

In anderen Landesteilen Spaniens sieht es nicht viel besser aus. Im Rahmen der Orangenernte an der spanischen Mittelmeerküste wurde ein Fall bekannt, in dem die litauische Mafia Arbeiter vermietete, die weniger als 40 Euro im Monat verdienten. In Aragón vermitteln osteuropäische Banden Jobs und Unterkünfte in der Landwirtschaft. Sie kassieren dafür so viel, dass den Arbeitern kaum etwas zum Leben übrig bleibt.

30.000 bis 150.000 Menschen arbeiten in der intensiven Landwirtschaft und den Folienzelten Südspaniens. "30 Prozent von ihnen leben in Unterkünften, die kein Wasser oder keinen Strom haben", sagt der Sprecher der SAT, José Cuevas. Allein in Nijar, einer der Zonen mit den meisten Folienzelten für Gemüsebau, leben 4.000 Arbeiter in Slums. Cuevas: "Das passiert, weil die politisch Verantwortlichen wegschauen und weil das wirtschaftlich so gewollt ist."

Nicht nur die Landwirtschaft

Betroffen sind aber auch andere Branchen. In einem Dorf nahe Sevilla stieß die Polizei auf rumänische Haushaltshilfen, die in einem Raum ohne Fenster und Heizung lebten und nur Essensreste ihrer Cheffamilie erhielten. In illegalen Fabriken und Schneidereien am Rande der Großstädte arbeiten Asiaten in sklavenähnlichen Verhältnissen den Preis ihrer Schlepper für die Reise nach Europa ab. In Südspanien hob die Polizei einen Ring aus, der mit 50 extrem ausgebeuteten Arbeitern ohne Papiere Kebabbuden unterhielt.

87.000 Arbeiter ohne ordentlichen Vertrag, ohne Sozialversicherung und im Falle der Immigranten ohne Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung zählten die Inspekteure des Arbeitsministeriums 2016. Davon arbeiteten zwischen 2012 und 2016 knapp 5.700 zu so schlechten Bedingungen, dass die spanische Presse sie als Sklaven einstuft.

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In Rumänien nutzen Menschenhändler die schwachen sozialen Beziehungen der Opfer aus.
Foto: picturedesk/Hepta Srl
  • Rumänien als Quellenland für Menschenhandel zu sexueller Ausbeutung

Manche suchen Hilfe bei ihren Freiern. Andere greifen zu einem herumliegenden Telefon, sprechen Menschen auf der Straße an oder versuchen ein vorbeifahrendes Auto anzuhalten. Rumänische Frauen versuchen sich auf verschiedenste Art und Weise aus ihrer Zwangssituation zu befreien. "Wir hatten auch Mädchen, die aus dem dritten Stock gesprungen sind", erzählt eine Mitarbeiterin der rumänischen Nichtregierungsorganisation Adept. Ihren Namen will sie nicht in der Zeitung lesen, um ihre Schützlinge nicht zu gefährden. Sie kümmert sich um Frauen, die den Weg aus der Zwangsprostitution schaffen wollen.

Von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ist Rumänien vor allem als Quellenland besonders stark betroffen. Dabei ist die Gesetzeslage vergleichsweise abschreckend – es drohen bis zu zehn, bei minderjährigen Opfern bis zu zwölf Jahre Haft. Zielländer sind neben Rumänien selbst vor allem Italien, Frankreich, Deutschland, Spanien und Großbritannien. Österreich befand sich 2017 laut Angaben der Nationalagentur zur Bekämpfung des Menschenhandels (Antip) mit 31 dorthin verschleppten Opfern auf Platz sechs.

Eltern im Ausland

Was den Opfern oft gemeinsam ist, sind defizitäre Beziehungen zu den Eltern, chaotische Familienverhältnisse, Missbrauchs- und Gewalterfahrungen sowie ein fehlendes soziales Bezugssystem. Viele Eltern verdienen auch im Ausland ihr Geld und müssen ihre Kinder in sehr prekären Betreuungsverhältnissen zurücklassen, was die Situation verschärft.

"Die Menschenhändler passen sich von Fall zu Fall an, spielen sich als Wohltäter, ja sogar als Retter des Opfers auf, als Geschäftsmänner oder Liebhaber", erklärt Maximilian Nicolae, Direktor von Antip.

"Loverboy-Methode"

Am weitesten verbreitet ist neben dem Versprechen eines Arbeitsvertrags die sogenannte "Loverboy"-Methode, bei der, maßgeschneidert auf die schwachen sozialen Bindungen der Opfer, eine Liebesgeschichte fingiert wird. Diese schlägt typischerweise bald in eine physische und psychische Gefangenschaft um. Den Mädchen werden nicht nur die Ausweisdokumente abgenommen, sie werden auch emotional erpresst.

"Die Drohung, dass Familie und Bekannte zu Hause erfahren, was die Mädchen gemacht haben, und das Stigma, mit dem Prostitution – auch erzwungene – in Rumänien behaftet ist, sind Konstanten in den Geschichten aller Opfer", berichtet die Adept-Vertreterin. In Fallberichten werden mittels Handys gefilmte Sexvideos als Druckmittel erwähnt. Frauen, deren Kinder in der Heimat zurückgeblieben sind, wird auch damit gedroht, dass diesen Schaden zugefügt wird.

Die Präventions-, Bekämpfungs- und Opferbetreuungsmaßnahmen lassen indes zu wünschen übrig. Von den 15 ursprünglich eingerichteten Betreuungszentren funktioniert faktisch nur noch eines, jenes im westrumänischen Temeswar, und dies auch nur, weil es abgesehen von den Betriebskosten nicht – wie eigentlich gesetzlich vorgesehen – von der Landeskreisverwaltung, sondern von einer NGO finanziert wird.

In Österreich sind vor allem Frauen betroffen, in den meisten Fällen werden sie zur Prostitution gezwungen.
Foto: Elmar Gubisch
  • Österreich Ziel- und Transitland

Unwissenheit der Bevölkerung, Ratlosigkeit der Behörden und Angst der Opfer – es sei diese Kombination, die das Aufspüren von Menschenhandel erschwere, sagt Elisabeth Tichy-Fisslberger, die österreichische Koordinatorin zur Bekämpfung des Menschenhandels. Spätestens seit 2004 – damals wurde eine Menschenhandel-Taskforce eingerichtet – arbeitet man hierzulande mit voller Kraft daran, dass zumindest der zweite Punkt in der Aufzählung ausgeschlossen werden kann. Im Bundeskriminalamt ist die Zentralstelle zur Bekämpfung der Schlepperkriminalität, des Menschenhandels und des grenzüberschreitenden Prostitutionshandels eingerichtet. Hier werden Schwerpunktaktionen und Kontrollen geplant.

Diese Aktionen bringen meist den dritten von Tichy-Fisslberger angesprochenen Punkt ans Licht: die enorme Angst, die die Opfer durchleben – mitunter in einer ganz normalen Nachbarschaft zwischen Supermarkt und Kindergarten. So wurden beispielsweise vor wenigen Wochen 13 Frauen aus Venezuela und Kolumbien von der Kriminalpolizei aus Wohnungen im Bezirk Mödling befreit. Durch Drohungen eingeschüchtert, wurden die Frauen praktisch rund um die Uhr zur Prostitution gezwungen – in Wohnungen, Hotels, aber auch im Rahmen von Hausbesuchen. Das eingenommene Geld musste zur Gänze abgeliefert werden. Die Frauen hätten "keinen Handlungsspielraum" und "keinen Kontakt zur Außenwelt" gehabt, sagte Gerald Tatzgern nach der Befreiung. Er leitet das Büro im Bundeskriminalamt.

Wie Opfern geholfen wird

Tatzgern kann viel über Menschenhandel in Österreich erzählen – genaue Zahlen kann er allerdings nicht nennen, weil diese kaum erfasst werden können. Fest stehe allerdings, dass die meisten Betroffenen Frauen seien, die in Österreich zur Sexarbeit gezwungen werden – und dass diese Frauen immer jünger würden. Die 2015 und 2016 gestiegene Anzahl an Flüchtlingen im Land erhöhte auch die Zahl der potenziellen Opfer: Wer hohe Schulden hat, ist besonders gefährdet. Bei Kontrollaktionen geht das Bundeskriminalamt deswegen auch in Betreuungsstellen für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Es werde versucht, sie vor der Gefahr zu schützen, in Abhängigkeiten zu geraten.

All jene, die nicht vor Ausbeutung bewahrt werden können, finden unter anderem beim Verein Lefö Hilfe. Seit mittlerweile 21 Jahren wird hier Opfern von Frauenhandel geholfen. Der aktuelle Jahresbericht zeigt, dass diese Arbeit dringend notwendig ist: Letztes Jahr habe man mit 327 Frauen so viele wie niemals zuvor betreut. (Rainer Wandler, Laura Balomiri, Lara Hagen, 30.7.2018)