Ein Szenenausschnitt aus Trajal Harrells Performance "In the mood for Frankie": US-Kritik als verunglückte Modenschau.

Foto: Paula Court

Wien – Der New Yorker Choreograf Trajal Harrell liefert seit 2011 Stücke nach Wien, die oft wie verunglückte Modenschauen aussehen. Wie viel dabei über die Kultur der USA zu lernen ist, zeigt der 45-Jährige jetzt bei Impulstanz mit zwei Arbeiten, Caen Amour und In the Mood for Frankie.

In seinen Gastspielen erinnert er Europäer, die sich an die Produkte der US-Kulturwirtschaft wie Apple oder Facebook gewöhnt haben, daran, dass das ein bisserl gefährlich sein kann.

Harrells auf dilettantische Wirkung getrimmte Show Caen Amour zielt auf zartschwingende Empathieanreize.

Große Momente der Kleiderschau

Gefühlvoll tanzt der Choreograf zu Beginn vor schlichter Kulisse, einem stilisierten orientalischen Haus. Es folgt eine Kleiderschau, als Models treten die Tänzer Thibault Lac, Ondrej Vidlar und Perle Palombe auf. Das Publikum kann deren große Momente auch backstage sehen: Der Akt des Umkleidens wird zur eigenen Performance erweitert. Im Hinterzimmer tanzt Palombe sogar nackt. Hier evoziert Harrell den Druck auf Geringgeschätzte, der in den USA herrscht, ebenso wie das gespaltene Verhältnis der Amerikaner zur Sexualität, ihren zähen Exotismus oder eine als großen Horizont vermarktete Gier.

All das färbt ja auch auf Europa ab oder hat hier seine Pendants. Obwohl im inhomogenen "Hüben" vieles anders ist als zwischen Wall Street und Silicon Valley, rühren die Notsignale von "drüben" an. Das Wiener Publikum zeigte Respekt vor den Dringlichkeiten, wie sie in Harrells zwischen Leid und Lust eingeklemmter Performance zum Ausdruck kommen.

Fundstück aus Mauthausen

Wer in den letzten Tagen bei Impulstanz künstlerisch stärkere Arbeiten gesucht hat, bekam sie von Dorothée Munyaneza, Anne Juren und Clara Furey geliefert.

Munyaneza, 1994 aus Ruanda geflüchtet, befasst sich in ihrer Performance Unwanted mit den entsetzlichen Erlebnissen von Frauen während des großen Mordens an der Bevölkerung der Tutsi. Zusammen mit Sängerin Holland Andrews rekonstruiert sie die kulturelle Atmosphäre ihres Geburtslandes und gibt dokumentarisch wieder, welche Folgen das Trauma nach sich zieht.

Die Kanadierin Clara Furey tritt in ihrem Solo When Even The im Mumok als halbentblößte Frauenfigur auf, die um eine Skulptur aus dem Bestand des Museums tanzt. Das Objekt des Künstlers Heimrad Bäcker ist ein "Fundstück" aus dem KZ Mauthausen. So verbindet sich Fureys dunkle Arbeit mit Munyanezas Unwanted.

In den Private Anatomy Lessons der Wienerin Anne Juren wird das Publikum in die psychischen Tiefen des Körpers geführt. Bereits im Jahr 2015 hat sie mit diesem heiklen Projekt begonnen. Jetzt ist es ausgereift – als imaginäre Trips in die Welt der Sprache und der unterschiedlichsten Begierden. (Helmut Ploebst, 30.7.2018)