Moskau – Vor vier Jahren bargen französische Forscher auf der Tschuktschen-Halbinsel ein Virus, das 30.000 Jahre lang im ostsibirischen Permafrost eingefroren war. Im Labor gelang es dem Team um Mathieu Legendre schließlich, das erstaunliche 1,5 Mikrometer große Virus mithilfe von Amöben wiederauferstehen zu lassen. Es entpuppte sich dabei als ferner Verwandter einer vor wenigen Jahren erst entdeckten Gruppe von Riesenviren.

Viren "wiederzubeleben" ist eine Sache, zumal sie auch nicht als Lebewesen im engeren Sinn gelten. Einen komplexen mehrzelligen Organismus aufzuwecken, ist dagegen eine ganz andere Angelegenheit – einem russisch-US-amerikanischen Team soll aber genau das nun mit Würmern aus der Eiszeit gelungen sein.

Würmer aus dem Permafrost

Die Forscher um Anastasia Schatilowitsch holten mehrer Hundert Proben bei Bohrungen im Permafrost von Jakutien aus bis zu 30 Metern Tiefe. Als die Wissenschafter die Mischung aus Erde und Eis von den Ufern der Flüsse Kolyma und Alaseya in einem Moskauer Labor langsam auftauten und mit Nährlösung anreicherten, begann sich in zwei Petrischalen nach einigen Wochen bei 20 Grad Celsius plötzlich etwas zu rühren: Fadenwürmer zweier unterschiedlicher Gruppen erfreuten sich offenbar bester Gesundheit – trotz ihres zehntausende Jahre währenden Winterschlafs.

Die wiederbelebten Nematoden aus dem sibirischen Permafrost könnten bis zu 42.000 Jahre im "Winterschlaf" verbracht haben.
Fotos: Shatilovich et al. / Doklady Biological Sciences

Konkret identifizerten Schatilowitsch und ihre Kollegen Nematoden vom Typ Panagrolaimus, die vor rund 32.000 Jahren eingefroren wurden, und Würmer vom Typ Plectus, die womöglich sogar 42.000 Jahre alt sein könnten. Die Altersbestimmung stützt sich dabei vor allem auf die C14-Methode und stratigraphische Analysen.

Rekordwinterschlaf

"Wir sind überzeugt, dass diese Würmer tatsächlich aus einem sehr, sehr langen Schlaf erwacht sind," meint Schatilowitsch. Sollten sich die Ergebnisse bestätigen, handelt es sich um die längste Zeit, die ein höherer Organismen im Kälteschlaf überdauern hat, schreiben die Wissenschafter im Fachjournal "Doklady Biological Sciences."

Völlig zweifelsfrei ist die Datierung allerdings nicht. Laut nicht an der Studie beteiligten Wissenschaftern besteht die Chance, dass die Würmer zu einem späteren Zeitpunkt während Warmphasen in angetaute tiefere Bodenschichten gelangt sind, oder die Proben bei der Bergung kontaminiert wurden.

Widerstandsfähige Nematoden

Ganz unwahrscheinlich ist das festgestellte Alter der Fadenwürmer freilich nicht. Bereits frühere Untersuchungen haben gezeigt, dass die maximal wenige Millimeter langen Nematoden in Form von unverwüstlichen Zysten sehr lange Zeiträume unter widrigen Umständen überdauern können.

Rekordhalter unter den wiederbelebten Lebewesen sind sie dennoch nicht: Im Jahr 2000 haben Wissenschafter Bakterien der Gattung Bacillus, die sie aus Salzkristallen isolieren konnten, nach einem 250 Millionen Jahre dauernden "Winterschlaf" erneut zum Leben erweckt. (tberg, 31.7.2018)