Nuuk/Washington – Es sind nur drei Zeichen, mit denen Nuklearwaffenexperte Jon Wolfsthal auf Twitter die am Donnerstag bekanntgewordene Meldung kommentiert, und doch zeigen sie seinen Schock: "!!!". Es ist einer jener Fälle, wie sie im Kalten Krieg häufiger vorkamen und von denen es im Nachhinein heißt, die Menschheit habe noch einmal Glück gehabt: Am Mittwoch vergangener Woche, am 25. Juli, explodierte über Grönland ein Meteor mit einer Sprengkraft von 2,1 Kilotonnen – etwas weniger als sie kleine Atombomben haben. Das allein ist aber nicht der Grund des nachträglichen Schauderns, das Wolfsthal nun zum Ausdruck bringt – vielmehr ist es der Ort der Explosion.

Sie ereignete sich in 43 Kilometer Höhe und ungefähr 21 Kilometer westlich der Halbinsel Avanersuaq. Dort ist der amerikanische Luftwaffenstützpunkt Thule untergebracht, auf dem sich ausgerechnet die vielleicht wichtigste Basis des amerikanischen Frühwarnsystems für Atomangriffe befindet. Rund 2.000 Nuklearsprengkörper sind immer noch einsatzbereit und in Alarmbereitschaft. Sie können binnen kürzester Zeit gestartet werden, wenn die USA oder Russland zur Auffassung gelangen, auf einen auf sie zukommenden nuklearen Erstschlag reagieren zu müssen.

Entscheidung über Zweitschlag

Meteore gelten als eine der Hauptquellen für mögliche Verwechslungen – wäre das Frühwarnsystem zur Auffassung gelangt, dass es sich bei der Explosion über Thule um einen beginnenden Atomschlag handelt, hätte es binnen kürzester Zeit eine Entscheidung zu einer nuklearen Reaktion geben müssen, womöglich durch Präsident Donald Trump. Dazu, ob die Angelegenheit tatsächlich bis zum Staatschef durchgedrungen ist, gibt es freilich keine Angaben.

"Wir sind noch hier, also müssen die USA den Eindruck gehabt haben, dass es sich nicht um einen russischen Angriff handelt", kommentiert – ebenfalls auf Twitter – der Atomwaffenforscher Hans Kristensen vom Friedensforschungsinstitut Sipri den Vorfall. Er sieht den Fall als Erinnerung daran, die weitere Abrüstung der in Alarmbereitschaft befindlichen Nuklearwaffen zu überdenken.

Minuten zur Rettung der Welt

Fehlalarme gab es im Kalten Krieg immer wieder, sie gelten als eines der wichtigsten Argumente gegen die ständige nukleare Alarmbereitschaft. 1960 hielt ein Computer der US-Armee in Grönland eine Spiegelung des Mondlichts für Raketenspuren, weil dieser wegen eines Bugs zwei Nullen aus der Entfernungsmessung gestrichen hatte. 1979 und 1980 gab es ebenfalls amerikanische Fehlalarme.

Umgekehrt rettete der sowjetische Offizier Stanislaw Petrow 1983 die Erde vor einem Nuklearkrieg, indem er eine Fehlmeldung des Computersystems über einen angeblichen US-Angriff mit fünf aufeinanderfolgenden Raketen nicht an seine Vorgesetzten weitergeleitet hatte.

Die Vorwarnzeiten, die bleiben, um über einen atomaren Gegenschlag zu entscheiden, sind mittlerweile noch kürzer geworden, als sie es während des Kalten Krieges waren. Die jüngsten russischen Entwicklungen von Hyperschallwaffen haben sie weiter verkürzt. Die Gefahr eines Atomkriegs aus Versehen ist daher seit dem Ende der Sowjetunion 1989 kaum gesunken, sondern in gewisser Weise eher gestiegen, meinen Experten.

Im Jänner 2018 sorgte eine Fehlmeldung über einen Atomschlag auf Hawaii für Panik.
Foto: AP / Caleb Jones

Zuletzt meldete ein Warnsystem im Jänner 2018 auf Hawaii eine herannahende Atomrakete – in diesem Fall handelte es sich allerdings nicht um eine Fehlinformation aufseiten des Militärs, sondern um eine Übung des SMS-Frühwarnsystems, die Hawaiis Bevölkerung fälschlicherweise für mehrere Minuten an einen nordkoreanischen Atomangriff glauben ließ. Der Fall versetzte zwar viele Hawaiianerinnen und Hawaiianer in Angst, hatte aber nicht das Potenzial, das US-Militär zu einem Atomschlag zu verleiten.

Schon 2001 demonstrierte die NGO Greenpeace auf Grönland gegen das US-Atomwarnsystem. Die Silhouetten im Schnee sollen an jene Menschen erinnern, die beim US-Atomangriff auf Hiroshima so vollständig verbrannten, dass nur ihre Schatten übrig blieben.
Foto: Reuters

Die Thule Air Force Base ist indes wegen eines anderen Atomwaffenvorfalls aus dem Kalten Krieg bekannt. Beim Absturz eines Langstreckenbombers vom Typ B-52 fielen im Jahr 1968 vier Wasserstoffbomben ins Eismeer. Weil ihre konventionellen Sprengladungen dabei ausgelöst wurden, kam es zur Kontamination eines Gebietes von acht Quadratkilometern.

Mehr als 2.400 Menschen, die in der Umgebung wohnten oder an der anschließenden Aufräumaktion beteiligt waren, erhielten erst nach Ende des Kalten Kriegs eine "freiwillige Zahlung", die sie für deutlich steigende Zahlen von Krebserkrankungen entschädigen sollte. Anfangs war zudem vom Verlust einer kompletten Wasserstoffbombe die Rede, die sich demnach noch auf dem Meeresboden befinden würde. Eine dänische Untersuchung aus dem Jahr 2009 widerspricht diesen Meldungen allerdings. (Manuel Escher, 2.8.2018)