Seit 1901 der erste Nobelpreis vergeben worden ist, gilt die Auszeichnung jedenfalls in der Öffentlichkeit als höchste Anerkennung in der Wissenschaft. Um keine anderen Wissenschafter herrscht ein ähnlicher Rummel wie um Nobelpreisträger. Laut dem Testament des Stifters der Preise, Alfred Nobel, soll die Auszeichnung jenen zugesprochen werden, "die im verflossenen Jahr der Menschheit den größten Nutzen geleistet haben".

Eine der großen Stärken von Wissenschaft ist es, ihre eigenen Fehler zu korrigieren. So darf es nicht weiter überraschen, dass sich in der Liste der Laureaten einige Personen finden, deren Entdeckungen sich später als falsch herausgestellt haben. Weiters gibt es Preisträger, bei denen das Prädikat des "größten Nutzens für die Menschheit" einen bitteren Beigeschmack hinterlässt. Zudem hat sich in einigen Fällen gezeigt, dass dort, wo schlichte wissenschaftliche Fakten zählen sollten, mächtige Männerbunde das ihre dazu beitragen, Frauen um den prestigeträchtigen Preis zu bringen.

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Fadenwurm unter Verdacht

Ein prominentes Beispiel dafür, wie schlampiges Arbeiten zu einer falschen Entdeckung führte, hat mit dem Fadenwurm Gongylonema neoplasticum zu tun. Entdeckt wurde dieser vom dänischen Mediziner Johannes Fibiger. Ein Fadenwurm allein bringt freilich noch keinen Nobelpreis ein. Fibiger zeigte aber einen Zusammenhang auf zwischen den Parasiten und dem Auftreten von Krebs bei Ratten. 1926 zeichnete ihn das Karolinska-Institut für diese Entdeckung mit dem Medizinnobelpreis aus.

Einige Jahre später stellte sich jedoch heraus, dass Fibiger die Fadenwürmer zu Unrecht verdächtigt hatte. Zwar sind seinen Versuchsratten Tumore gewachsen, diese waren aber nicht bösartig. Zudem hatten sie nichts mit Gongylonema neoplasticum zu tun, sondern waren eine Folge der nicht gerade artgerechten Haltung: Fibiger fütterte seine Versuchstiere mit Weißbrot und Wasser. Da er keine nicht-infizierte Kontrollgruppe hielt, führte er die Geschwülste auf den Fadenwurm zurück. 2010 bezeichnete Erling Norrby, Professor für Virologie und Sekretär der Königlich Schwedischen Akademie der Wissenschaften, den Nobelpreis für Johannes Fibiger als "einen der größten Fehler, die dem Karolinska-Institut je unterlaufen sind".

Schädliche Behandlung

Im Falle von Fibiger ist der Medizinnobelpreis an eine schlicht falsche Entdeckung vergeben worden. In einem anderen Fall ging die Auszeichnung an eine medizinisch äußerst fragwürdige Therapie. So entwickelte der portugiesische Mediziner Antonio Egas Moniz einen Eingriff, bei dem die Nervenverbindungen im Gehirn auf brachiale Weise durchtrennt werden. Bei dieser Methode, genannt Lobotomie, werden große Teile der weißen Hirnsubstanz zerstört. Die Therapie sollte gewisse Fälle von Psychosen lindern. Moniz wurde dafür 1949 mit dem Medizinnobelpreis geehrt.

Bis in die 1970er-Jahre hinein wurden tausende Patienten, vorwiegend Frauen, ohne deren Zustimmung einer Lobotomie unterzogen. Doch die Therapie war nicht nur nicht wirksam, sondern verursachte schwere Schäden: Zahlreiche Patienten trugen Persönlichkeitsveränderungen oder Störungen davon, viele wurden zu Pflegefällen, die nicht mehr in der Lage waren, ein selbstständiges Leben zu führen. Bis heute wird von Nachfahren gefordert, Moniz den Nobelpreis abzuerkennen.

Nazi als Nobelpreisträger

Kontroversen gab es auch um Adolf Butenandt. Das hat allerdings nichts mit seiner Forschung zu tun – ihm wurde 1939 der Chemienobelpreis für die Analyse von Sexualhormonen zugesprochen. Die Königlich Schwedische Akademie der Wissenschaften ehrte damit aber einen Forscher, der ein strammer Nazi war und bei seiner Forschung möglicherweise auch mit den NS-Rassenhygienikern kooperiert hat.

Für Aufsehen haben zudem zwei Nobel-Entscheidungen nach Ende des Ersten und nach Ende des Zweiten Weltkriegs gesorgt, die zwar bis heute als wissenschaftlich solide gelten, aber moralisch zumindest ambivalent betrachtet werden müssen.

Da wäre zum einen der Chemienobelpreis an Fritz Haber im Jahr 1918 zu nennen. Dem deutschen Chemiker gelang, woran zuvor viele seiner Kollegen gescheitert waren: die Synthese der chemischen Verbindung Ammoniak durch Stickstoff aus der Luft.

Kunstdünger und Sprengstoff

Die Bedeutung dieser Entdeckung kann kaum überschätzt werden, ermöglicht sie doch die Herstellung von Kunstdünger. Bis heute leistet Habers Forschung damit einen wesentlichen Beitrag zur Sicherung der Ernährung der Weltbevölkerung.

Während des Ersten Weltkriegs, und unmittelbar vor der Nobelpreis-Entscheidung, hat sich Haber aber mit kriegsdienlicher Forschung hervorgetan. Sein Verfahren kann auch zur Erzeugung von Sprengstoff genutzt werden. Ohne Haber wären die deutschen Truppen schon nach wenigen Monaten ohne Munition dagestanden.

Haber suchte sich sogar noch ein weiteres militärisches Betätigungsfeld und experimentierte mit Phosgen und Chlorgas. Unter seiner Leitung formierten sich die deutschen Gastruppen und Giftgas wurde erstmals als Massenvernichtungswaffe eingesetzt. Das brachte ihm die Zuschreibung "Vater des Gaskriegs" und internationale Ächtung ein. Um Habers Leistung als "größten Nutzen für die Menschheit" durchgehen zu lassen, muss man mindestens eineinhalb Augen zudrücken.

Revolutionäre Entdeckung

Zu einer ebenfalls fragwürdigen Nobel-Entscheidung kam es auch 1945, unmittelbar nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Entdeckung der Kernspaltung hat zweifellos einen Nobelpreis verdient. Der Nachweis, dass Atomkerne beim Beschuss mit Neutronen gespalten werden können und dabei enorme Energiemengen freiwerden, revolutionierte unser Verständnis der atomaren Welt.

Zudem wurde damit eine frühere Nobelpreis-Entdeckung korrigiert: Enrico Fermi hatte 1938 den Physiknobelpreis für den Nachweis neuer radioaktiver Elemente erhalten. Die Experimente von Otto Hahn, Lise Meitner und Fritz Straßmann in Berlin zeigten aber schließlich, dass Fermi keine neuen Elemente gefunden hatte, sondern – ohne sein Wissen – die Spaltung von Atomkernen.

Das Prinzip der Kernspaltung wurde ab Mitte der 1950er-Jahre dafür genutzt, in großem Stil Energie zu erzeugen. Über 400 Kernkraftwerke sind aktuell weltweit in Betrieb. Während des Kriegs fand es in einem ganz anderen Gebiet Anwendung: Nuklearwaffen.

Persönliche Intrigen

So hinterlässt die Auszeichnung Otto Hahns für die Entdeckung der Kernspaltung mit dem Chemienobelpreis bis heute einige Fragezeichen. Warum erfolgte die Wahl für Hahn ausgerechnet im Herbst 1945, nur Wochen nach den US-Atombombenabwürfen? Warum wurde Hahn allein ausgezeichnet und seine langjährige Forschungspartnerin Lise Meitner, die das entscheidende Experiment angestoßen hatte und die erste theoretische Erklärung geliefert hatte, ging leer aus?

Nach akribischer Aufarbeitung des Falls Meitner kam der Wissenschaftshistoriker Robert Friedman zum Schluss, dass die Nobelpreise in den 1940er-Jahren "nicht auf der Basis der Anerkennung wissenschaftlicher Leistung vergeben" wurden, sondern ein Instrument der Wissenschaftspolitik und persönlicher Intrigen waren.

Lise Meitner ist nicht der einzige Fall, wo ein Mann mit einem Nobelpreis geehrt wurde, während die maßgeblich an der Entdeckung beteiligte Frau durch die Finger schaute. Jocelyn Bell Burnell spürte 1967 als Studentin am Mullard Radio Astronomy Observatory überraschende Signale auf. Ihr Betreuer Antony Hewish war zunächst skeptisch, doch gemeinsam gelang ihnen die Charakterisierung der mysteriösen Quelle. Es handelte sich um einen schnell rotierenden Neutronenstern. Der erste Pulsar war entdeckt.

Preis für Männer

Keine zehn Jahre später wurde Hewish für diese Entdeckung mit dem Physiknobelpreis ausgezeichnet – gemeinsam mit dem Radioastronomen Martin Ryle, der ein neuartiges Radioteleskopsystem am Mullard Radio Astronomy Observatory entwickelt hatte. Burnell dagegen blieb unbedacht.

Trotzdem legte die Astrophysikerin eine beachtliche internationale Karriere hin. Erst vor wenigen Wochen wurde sie mit dem Special Breakthrough Prize ausgezeichnet. Mit 2,58 Millionen Euro ist dieser wesentlich besser dotiert als der Nobelpreis – die Gewinnsumme für Letzteren beträgt heuer 870.000 Euro, die auf bis zu drei Personen aufgeteilt werden können.

Angesicht fragwürdiger Entscheidungen, die durch den hierarchischen, seit Jahrzehnten unveränderten Nominierungsprozess zustande kommen, wird in der Fachwelt zunehmend die Frage laut: Ist der Nobelpreis tatsächlich der gewichtige Gradmesser für wissenschaftliche Exzellenz, als der er in der Öffentlichkeit gesehen wird? (Tanja Traxler, 27.9.2018)