Es ist eine spannende Volksabstimmung, zu der 800 Millionen Europäer im Oktober 2048 aufgerufen sind: Soll in der gesamten EU ein bedingungsloses Grundeinkommen eingeführt werden? Das Europaparlament und die EU-Regierung konnten sich nicht einigen und wenden sich deshalb an das Volk. Im ärmeren Osten und Süden gibt es Widerstand, doch in Österreich ist die Mehrheit laut Umfragen klar dafür. Hier wurde das Grundeinkommen schon seit 2040 schrittweise verwirklicht: Jedes Jahr stiegen die Beträge leicht an und senkten den Druck, einen Erwerbsjob zu suchen. Die Kosten würden durch die Ausweitung auf ganz Europa zwar weiter steigen, aber der Zustrom an Zuwanderern, so hoffen viele, etwas gebremst.

Illustration: Der Standard

Die Europäische Teilrepublik Österreich (ETÖ) kann sich das jedenfalls leisten. Das Pro-Kopf-Einkommen ist dank florierender Unternehmen und durchgehender Technologisierung im vergangenen Jahrzehnt stark gewachsen; selbst in der Altenpflege – die Zahl der über Hundertjährigen steigt rasant – kommen immer mehr Roboter zum Zug. Die 30-Stunden-Woche ist längst die Norm, wobei manche Menschen immer noch doppelt so viel arbeiten. Aber reguläre Jobs bleiben weiterhin knapp. Dafür steigt die Bereitschaft für ehrenamtliche Tätigkeiten: So kann fast jeder Schüler auf einen Tutor zählen. An dutzenden neuen digitalen Hochschulen geben Experten ihr Fachwissen an andere Menschen weiter, die sich einfach weiterbilden wollen. Und viele lesen täglich den STANDARD.

Die Ukrainer in Bratiswien

Dies geschieht in acht oder neun verschiedenen Sprachen, die jeder dank der modernen Übersetzungssoftware sofort versteht. Deutschlernen bleibt ein wichtiges Anliegen der vielen Zuwanderer, doch notwendig für das tägliche Leben oder die Arbeitswelt ist es nicht mehr. Als die am höchsten geschätzten intellektuellen Fähigkeiten gelten heute Kreativität und logisches Kombinieren, bei dem sich auch viele Ukrainer hervortun, die sich in Bratiswien, wie der Großraum zwischen Bratislava und Wien genannt wird. Die beiden Stadtzentren verbindet einer der unterirdischen Hyperloops in nur zehn Minuten. In einer halben Stunde gelangt man nach Budapest, in einer Stunde nach München oder Prag. Mitteleuropa ist klein geworden.

Privatautos sind in den Städten fast keine mehr zu sehen, höchstens ein paar Oldtimer wie etwa der 2018 BMW 8er Cabrio. Die meisten Menschen sind mit der neuen Generation selbstfahrender E-Bikes unterwegs, bei denen man überhaupt nicht mehr treten muss. Bei Regen und Kälte stülpt sich automatisch eine Haut über sie. Lasten werden fast nur mit Drohnen transportiert.

Widerstand

Die Kriminalität ist fast auf null gesunken, auch dank der flächendeckenden Videoüberwachung und Gedankenvernetzung. Doch gerade dagegen regt sich Widerstand. Immer mehr junge Menschen sind in dünn besiedelte Land- und Gebirgsregionen gezogen und haben jeden elektronischen Kontakt zur Gesellschaft abgebrochen, um der Dauerkontrolle zu entkommen. Diese sanften Rebellen bewohnen meist verlassene Bauernhöfe. Landwirtschaft wird nämlich nur noch völlig klimaneutral und sauber in industriellen Silos betrieben. Und seit dem Fastkollaps der Alpenregion durch exzessiven Tourismus ist der Fremdenverkehr auf ganz bestimmte Gebiete beschränkt. Abseits der Städte kann man in Österreich auch wirklich allein sein.

In Wien hat sich rund um den Weltkonzern Happy eine ganze Industrie angesiedelt, die bemüht ist, Menschen Glück zu verkaufen. Psychische Probleme nehmen bei vielen dennoch zu, was wiederum neue Betätigungsfelder eröffnet. Jeder dritte Uniabsolvent wählt inzwischen einen therapeutischen Beruf.

Wer ist EU-Finanzministerin?

Regiert – wenn man das überhaupt so nennen kann – wird die ETÖ von einer breiten Koalition, der Bundespräsident Tom ("Mir ist niemand Wurst") Neuwirth vorsitzt. Das Kanzleramt hat man wegen Irrelevanz abgeschafft, ebenso die Landtage. Die Auflösung der Bundesländer bleibt ein Tabu, doch die Landeshauptleute haben nur noch folkloristische Aufgaben. Die mächtigsten Österreicher sitzen in Brüssel: Dort ist Julia Herr von den Neuen Sozialdemokraten EU-Finanzministerin und der Industrielle Andreas Wimmer für Innovation verantwortlich.

Der Weg zum europäischen Bundesstaat war steinig. Nach dem Brexit im März 2019 und dem Sieg der Rechtspopulisten bei den EU-Wahlen im gleichen Jahr machte die Integration einmal Pause. Aber die tiefe Wirtschaftskrise in Großbritannien löste ein Umdenken aus, ebenso die wachsende Konkurrenz aus Ostasien, wo die Asiatische Union mit Singapur an der Spitze zur reichsten Weltregion aufstieg. 2030 kehrten die Briten in die EU zurück und kämpften dort entschlossen gegen nationale Eigenbrötlerei. 2037 – 80 Jahre nach den Römischen Verträgen – gelang der Durchbruch; den Namen Europäische Union behielt man bei. Seither hat Europa wirtschaftlich aufgeholt, vor allem dank seiner Klimaindustrie.

Es waren europäische Innovationen, die die katastrophale Erderwärmung gebremst haben. Und da waren Ingenieure aus Österreich führend. Seit 2040 wird in der EU kein Treibhausgas mehr ausgestoßen, und dank der Entwicklung CO2-entziehender Technologien sinken die globalen Temperaturen wieder. Heute weiß man, wie knapp die Welt der Katastrophe nach 2020 entkommen ist, als es rasant heißer wurde. Das war nur durch internationale Zusammenarbeit möglich, auch mit dem neu gewählten US-Präsidenten Cory Booker, der sich radikal von der Politik seines Vorgängers abwandte. Auch deshalb ist Nationalismus in Europa so verpönt. (Eric Frey, 19.10.2018)