Erstklässlerin Linde muss gerade viele Blätter mit Einsen füllen. Noten gibt's (noch) nicht, sondern motivierende Stempel. Der hier ist allerdings von ihrer Mama, STANDARD-Layouterin Ivonne Stark.

Illustration: Ivonne Stark

Ich habe eine Vision für die Kinder, Eltern und Lehrkräfte dieses Landes, ich habe einen Traum für Österreich: Kein Kind, keine Mutter und kein Vater muss mehr Angst haben vor der Schule und keine Angst vor den Noten, denn es gibt keine Noten mehr. Wie in anderen Ländern auch, werden bis ans Ende der Pflichtschulausbildung keine Ziffernnoten vergeben. Es gibt Lernziele und Lernstandsfeststellungen, es gibt Rückmeldungen und individuelle Förderpläne, es gibt ein differenziertes und abwechslungsreiches Unterrichten: Frontalunterricht wechselt mit Kleingruppenarbeit und Austausch in der Großgruppe ab, es gibt Teamarbeit zu zweit und Einzelarbeit. All das wird mit Reflexion begleitet, wird besprochen, angepasst und weiterentwickelt.

Gartenarbeit und Kochen

Das kognitive, das soziale und das emotionale Lernen sind miteinander verknüpft, wie auch das politische und das kulturell-künstlerische, Ethik und Religion. Was den Körper betrifft, Sport und Medizin, Gartenarbeit und Kochen – all das hat Platz in einer Ganztagsschule, auf die sich die Kinder freuen, weil so viele unterschiedliche Inhalte ausgewählt werden können, und auf die sich die Lehrerinnen und Lehrer freuen, weil sie so viele verschiedene Inhalte und Fertigkeiten anbieten können. Österreich kann das, Österreich kann das auch.

Nicht nur die Kinder und Jugendlichen, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, auch die Betriebe und der gesamte Arbeitsmarkt bemerken einen deutlichen Wandel. Schulkinder kommen nicht mehr gelangweilt aus der Schule, in der sie Sachen lernen, die sie nicht verstehen und sofort wieder vergessen, sondern erleben sich selbst als wirksam im Lösen realer Probleme, prozessorientiert und reflexiv, teamfähig und kreativ.

Während der ganzen Schullaufbahn gibt es Pensenbücher, in denen Kinder und ihre Lernbegleiter ihre Lernfortschritte dokumentieren, und es gibt auch Pensenbücher für die Lehrkräfte, die wiederum ihre eigenen Entwicklungsaufgaben dokumentieren und reflektieren. Denn das Unterrichten wird als dynamisches Lernfeld verstanden, in dem man sich inhaltlich, didaktisch und technologisch weiterentwickelt. Man nimmt interkulturelle Kompetenz, Mehrsprachigkeit und sprachbewussten Fachunterricht als neue Facetten auf, in denen sich Lehrkräfte so selbstverständlich professionalisieren wie bei digitalen Kompetenzen.

Offene Klassenzimmertüren

Lehrende beforschen ihren Unterricht mit Wissenschaftern und anderen Professionisten, die je nach Entwicklungsaufgabe dazugeholt werden. Kein Lehrer und keine Lehrerin sieht und fühlt als Einzelkämpfer, die Türen der Klassenzimmer sind offen, die Lehrkräfte hospitieren gegenseitig, lernen voneinander und entwickeln miteinander. Schulleitung ist eine gemeinsame Aufgabe, die Schulaufsicht zur Qualitätssicherung und Unterstützung da.

Und Eltern haben Abschied davon genommen, dass sie ihre Kinder anhand von Ziffernnoten bewerten wollen, und haben verstanden, dass ein Kind-Eltern-LehrerIn-Gespräch sehr viel mehr bringt als ein Blatt voller Ziffern, von denen sie nicht wissen, welche Inhalte sie bezeichnen. Niemand behauptet mehr, dass Versagen und Sitzenbleiben wichtige Erfahrungen für Kinder sind, weil alle wissen, dass dies mehr negative als positive Auswirkungen hat.

Da es im Gesamtschulsystem keine Gymnasien, Sonderschulen und Klassenwiederholung mehr gibt, hören die Erwachsenen auf, den Bildungsprozess der Kinder und Jugendlichen als Selektionsprozess zu verstehen. Es wird schüler- und lernzentriert geplant, und es werden die Mittel an den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler ausgerichtet.

Dort, wo Eltern ihren Kindern weniger Unterstützung zur Verfügung stellen können, gibt es mehr Unterstützung durch die Schule und andern Akteure. Besonders kompetente Lehrkräfte sehen sich gerade an Standorten mit höheren Herausforderungen gebraucht. Ihr Einsatz wird als eine gesellschaftliche Notwendigkeit verstanden, da Lehrkraft als Berufung gilt und daher auch eine hohe gesellschaftliche Wertschätzung erfährt. Ebenso ist es mit den Pädagoginnen und Pädagogen in den Kindergärten und Kinderkrippen.

Die hohe pädagogische Qualität in den Gegenden, in denen dies am meisten gebraucht wird, und der hohe Einsatz an Mitteln haben dazu geführt, dass sich Eltern nicht lange den Kopf darüber zerbrechen, wo sie ihr Kind unterbringen. Denn alle Bildungseinrichtungen sind gut. Und das Schönste am Ganzen: Diese positiven Erfahrungen in der Schule stellen sich als beste Basis gegen die Verführungen von Sektiererei, Verschwörungstheorien und Radikalisierung in jede Richtung heraus.

Österreich kann das! (Barbara Herzog-Punzenberger, 19.10.2018)