Gregg Popovich kann sehr schlecht gelaunt sein. Wie sich das Trainergeschäft und er verändert haben? "Hat jemand eine Frage, die ich in 20 Sekunden beantworten kann? Ich mach hier keine Sozialstudie", antwortet der Cheftrainer der San Antonio Spurs, der im weißen Poloshirt in der Umkleidekabine steht, umringt von Mikrofonen. Auf die Frage, wie eine Briefbombenserie die USA erschüttert hat reagiert er mit einer weiteren Gegenfrage: "Bin ich der Präsident der Vereinigten Staaten?" Das Thema Trump kann Popovich nicht aufheitern, er nannte den 45. Präsidenten einen "seelenlosen Feigling" und einen Mann, "der die dunkle Seite des Menschen hervorbringt".

Jakob Pöltl ist bei einem ungewöhnlichen Verein in der National Basketball Association (NBA) gelandet, mit einem sehr ungewöhnlichen Trainer. Gregg Popovich ist eine Konstante im Profibasketball. Seit der Mann aus Indiana vor 22 Jahren bei den Spurs übernahm, sind mehr als 200 Headcoaches in der NBA entlassen worden. Keiner hat sich länger als ein Jahrzehnt auf einer Trainerbank gehalten. Der Erfolg gibt Popovich recht. Fünf NBA-Meistertitel (1999, 2003, 2005, 2007, 2014) hat er gewonnen.

Popovich zu seinen Spielern in einer Auszeit: "The next player who misses a free throw, is going to buy me a new car".
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Ein Mann mit seinen Meriten müsste eigentlich längst Motivationsbücher zum Thema Führung und Erfolg herausgebracht haben. Popovich ist aber im Gegensatz zum vielleicht erfolgreichsten Basketballtrainer aller Zeiten, Phil Jackson, der elf NBA-Titel geholt hat, keine Rampensau. Popovich wechselte nie zu erfolgreicheren Vereinen, hatte mit Ausnahme von Tim Duncan nie die besten Spieler der Liga in seinem Team und ist nicht eitel.

Größe als Nachteil

Exklusive Interviews mit Gregg Popovich sind eine Seltenheit. Wie er Jakob Pöltl einschätzt, durfte ihn der STANDARD in der Umkleidekabine des AT&T Center in San Antonio aber trotzdem fragen. "Jakob ist ein hochintelligenter Mann, was für alle offensichtlich ist. Er arbeitet hart, und er hat einen großartigen Humor, das ist sehr wichtig hier bei uns. Wir wollen schließlich miteinander Spaß haben."

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Dass Pöltls Start in die Saison zunächst unbefriedigend verlief, hat auch mit dem modernen Spielstil in der NBA zu tun. Generell spielen Teams nur mehr mit einem Großen in der Aufstellung, das Spiel wird von Flügeln und Spielmachern dominiert. Popovich fordert Geduld ein vom 2,13 Meter großen Wiener. "Er muss unser System verinnerlichen, es ist eine sehr harte Zeit für große Spieler in der Liga, weil alle Teams so kleine Line-ups spielen. Ich weiß, dass es manchmal frustrierend für ihn ist, wenn er wenige Einsatzminuten bekommt. Aber ich möchte, dass er bereit bleibt. Gegen manche Teams wird er mehr spielen, gegen andere weniger", sagt Popovich.

Zuletzt war Pöltl bereit. Auch wenn die Spurs verloren. Gegen die Minnesota Timberwolves war er mit 14 Punkten bester Werfer seines Teams, gegen die Utah Jazz schaffte er mit 20 Punkten gar einen persönlichen NBA-Karriererekord.

Lernen von den Russen

Das Spiel hat sich in den letzten zehn Jahren rasant weiterentwickelt. Aber die Philosophie, nach der die San Antonio Spurs ihre Mannschaft von talentierten Individualisten zusammenstellen, hat sich nicht verändert. "Für uns ist Charakter wichtig. Aber was zum Teufel heißt das? Wir suchen nach Leuten, die sich selbst nicht so wichtig nehmen", sagt der Trainer, der 1949 als Sohn eines serbischen Vaters und einer kroatischen Mutter in der Kleinstadt East Chicago geboren wurde. Er machte bei der US Air Force seinen Abschluss in "Soviet Studies". Danach diente Popovich noch fünf Jahre und begab sich zu Zeiten des Eisernen Vorhangs als Mitglied des Basketballteams der US-Armee auch nach Osteuropa und in die damalige Sowjetunion.

Ein legendäres Foto während der NBA Finals 2005. Zwei Trainer Legenden im Gespräch, der damalige Detroit Pistons Headcoach Larry Brown und Pop.
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Zu Gast auf dem alten Kontinent wurden ihm die Augen geöffnet, durch smarte Basketballspieler, die den Teamgedanken und das Passspiel anders als die Amerikaner in den Vordergrund stellten. Popovich hatte gar eine Karriere beim Geheimdienst CIA im Auge, entschied sich aber dann doch für die Lederkugel. "Jetzt ist die Zeit, wo das Spiel in der NBA von Dreipunktewürfen, Dunkings und Duellen der Superstars dominiert wird. Aber gewonnen wird das Spiel noch immer im Kollektiv." Das klingt nicht nur oldschool, das ist es auch.

Mozart auf dem Parkett

Popovich legt strenge Maßstäbe an seine Spieler, aber auch an sich selbst an. Er ist manchmal eher Lehrer als Trainer, im Rahmen einer Reise nach Berlin besuchte Popovich mit seinen Spielern Museen, Denkmäler und gab an historischen Orten Geschichtsunterricht. Auf dem Parkett fordert er Präzision. In ihren besten Phasen gleichen die Angriffe der San Antonio Spurs einer perfekt abgestimmten Filmsequenz. "San Antonio läuft jeden Angriff mit Augenmerk auf Details. Es ist, als ob man Mozart zuhört – es stimmt einfach alles", sagte einmal Marcin Gortat, polnischer Center bei den Los Angeles Clippers.

Davon sind die Spurs momentan mit 13 Siegen, 14 Niederlagen und Platz zwölf in der Western Conference meilenweit entfernt. Perfektion werden die Texaner brauchen, wollen sie den Sprung unter die ersten acht und ins Playoff schaffen. Noch sind also 55 Spiele offen. (Florian Vetter aus San Antonio, 11.12.2018)