15,9 Mrd. Pfund nahm der britische Hochschulsektor 2015/16 durch Studiengebühren ein.

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Hendrik Wortmann kann sich noch gut an die Gründe erinnern, die ihn von seinem Job als wissenschaftlicher Assistent an der Universität Bielefeld an die Fakultät einer Schweizer Hochschule verschlugen: "Das war einfach mal doppeltes Gehalt."

Die Bezahlung war so gut, auch dank gnädiger Wechselkurse, dass er sieben Jahre blieb und jede Woche nach Deutschland pendelte. "Es hat locker für eine Wohnung in der Schweiz, eine in Deutschland und die Flüge gereicht. Einer meiner Professorenkumpel macht das Modell bis heute", so Wortmann. Er gab das Doppelleben 2010 auf.

Heute ist nichts Ungewöhnliches mehr dabei, für Studium oder Job ins Ausland zu verschwinden. Ob sich das finanziell rechnet oder zum teuren Abenteuerurlaub wird, kommt ganz darauf an. Studiengebühren, Lebenshaltungskosten und eine teilweise atemberaubende Diskrepanz zwischen den Einstiegsgehältern stellen Schulabgänger vor die Qual der Wahl: studieren oder nicht studieren? Daheim oder im Ausland?

Britische Unis steigen ab

Beim Thema Studiengebühren denkt man fast automatisch an einen pittoresken Campus in Harvard oder Oxford. Bachelorstudiengänge in Großbritannien kosten mittlerweile zwischen 7500 Euro und 12.600 Euro im Jahr, Masterstudiengänge teilweise deutlich mehr.

Obgleich ein Hochschulstudium in allen anderen EU-Ländern entweder kostenlos oder wesentlich günstiger ist, zog es 2016 allein 134.835 EU-Studenten und 307.540 Studenten aus dem weiteren Ausland auf die Insel – ein Riesengeschäft: Im Jahr 2015/16 nahm der britische Hochschulsektor 15,9 Mrd. Pfund durch Studiengebühren ein. Doch lohnt die Investition für Studenten?

Ein bedeutendes Arbeitsmarktranking veranschaulichte jüngst den schroffen Abstieg britischer Universitäten im internationalen Vergleich und die deutlich verschlechterten Aussichten für deren Absolventen. Das "Global University Employability Ranking" wird jährlich von der Unternehmensberatung Emerging erstellt und von Times Higher Education veröffentlicht. Es listet die weltweit besten 150 Universitäten in Hinblick auf Beschäftigungsfähigkeit, basierend auf einer globalen Befragung von etwa 7000 Rekrutierungsmanagern in Großfirmen, auf.

Laut der Analyse gaben Firmen zunehmend deutsche und ostasiatische Universitäten als "Topproduzenten" von Hochschulabsolventen an, die fit sind für den Einstieg in den Arbeitsmarkt. Britische Unis, so das Ranking, waren im vergangenen Jahrzehnt die größten europäischen Verlierer: Ihre Performance fiel seit 2011 stetig. Nur US-Institutionen, obgleich weiterhin Anführer der Liste, verloren noch mehr an Wettbewerbsfähigkeit.

Dass britische Eliteunis wie Cambridge und Durham ihre astronomischen Studiengebühren ob der wachsenden globalen Konkurrenz zunehmend verteidigen müssen, scheint vielen trotzdem nichts auszumachen.

Nuria Quero (26) verließ 2015 das heimische Barcelona für ein einjähriges Masterstudium in Interaction Design und Computing in London. "Ich hatte geplant, nach dem Master zurück nach Spanien zu gehen, aber die Joboptionen in England waren einfach besser. Mein Master hat nichts gezählt in Spanien, weil ich keine Berufserfahrung hatte, mir wurden nur unbezahlte Praktika angeboten. In England wurde ich als 'Intern' eingestellt mit einem Gehalt, das besser war als in höherrangigen Stellen in Spanien", sagt Quero.

Gebühren als Investition

Ohne englisches Studium hätte Quero nie in England Arbeit gefunden, die hohen Gebühren sieht sie als Investition. Doch es ging nicht nur ums Geld. "In Großbritannien ist es leichter aufzusteigen als in Spanien. Firmen schätzen Uniabschlüsse mehr, weil sie den britischen Standard kennen. Die Lebenskosten sind hoch, aber die Zukunftsaussichten sind besser."

Queros Internship wurde zur Anstellung, in zwei Jahren wurde sie zweimal befördert, ihr Gehalt stieg von 21.000 auf 28.000 Pfund. "Der Karrierepfad ist hier viel klarer abgesteckt als zu Hause."

Ihr Fall lässt sich aber nicht pauschal anwenden. Wer in Großbritannien in der Krankenpflege arbeiten möchte, muss ein dreijähriges Hochschulstudium absolvieren. Kostenpunkt: etwa 27.000 Pfund.

Gehälter für britische Krankenpfleger fallen je nach Ort und Sektor sehr unterschiedlich aus, das Einstiegsgehalt bei Krankenhäusern des National Health Services liegt laut Karriereportal Prospects bei etwa 22.000 Pfund brutto: ein monatliches Nettogehalt von etwas mehr als 1500 Pfund, mit dem dann Ausbildungsschulden getilgt werden müssen. In Deutschland ist Krankenpflege ein Ausbildungsberuf, der lediglich die mittlere Reife zum Einstieg voraussetzt.

Im ersten Ausbildungsjahr wird, je nach Bundesland, im Schnitt ein Gehalt von 1040 Euro gezahlt, im dritten Jahr sind es im Schnitt 1200 Euro. Einstiegsbezüge für ausgebildete Krankenpfleger liegen laut "Ausbildung.de" zwischen 2400 und 2600 Euro brutto im Monat. Unterm Strich kommen angehende Pfleger in Deutschland also finanziell besser weg als beim englischen Nachbarn.

Es gilt also, sich zu informieren. Wer auf der Jagd nach dem goldenen Einstiegsgehalt ist, sollte sich vor allem in Nordeuropa umsehen. Die Schweiz, Dänemark und Norwegen locken seit Jahren mit eindrucksvollen Summen, die jedoch gegen stattliche Lebenshaltungskosten aufgewogen werden sollten. Arbeitnehmer in Deutschland, Belgien, den Niederlanden und Österreich genießen ebenfalls deutlich bessere Bezahlung als der EU-Durchschnitt.

Laut High Fliers Research liegt der Median bei Einstiegsgehältern für britische Hochschulabsolventen 2018 bei 30.000 Pfund (rund 33.700 Euro), eine Zahl, die nun seit vier Jahren statisch geblieben ist. Jedoch sollte man den Median nicht mit dem Durchschnitt verwechseln: Das Vergleichsportal "graduate-jobs.com" schätzt die durchschnittliche Vergütung im ersten Job nach dem Studium in Großbritannien auf zwischen 19.000 und 22.000 Pfund.

Doch Ausbildung?

High Fliers zufolge fangen Eintrittsbezüge für Hochschulabsolventen in der Medienbranche heuer bei 17.000 Pfund an, Besoldungen für graduierte Einsteiger in den britischen öffentlichen Dienst rangieren sogar nur zwischen 16.000 und 28.000 Pfund. Laut Lohnvergleichsplattform "Gehalt.de" verdient in Deutschland ein Kassierer unter Umständen mehr, in Österreich kommt zum Vergleich laut "karrierekompass.at" ein Facharbeiter im Gartenbau auf etwa 16.000 Euro. Durchschnittsgehälter von deutschen Akademikern in den ersten drei Jahren schätzt "Gehalt.de" aktuell auf rund 39.000 Euro jährlich.

Dem britischen Bildungsministerium zufolge verdienten Akademiker in Großbritannien zwischen 16 und 64 im Jahr 2016 im Schnitt 9500 Pfund mehr im Jahr als Briten in der gleichen Altersgruppe ohne Hochschulabschluss. Dennoch gibt es etliche Branchen, etwa den IT-Bereich, in denen sich Hochschulabschlüsse nicht immer zu lohnen scheinen: Makers, ein Londoner Anbieter für Training im Bereich Software-Engineering, gab im Oktober 32.000 Pfund als durchschnittliches Einstiegsgehalt für IT-Facharbeiter an, die im eigenen Betrieb in einem zwölfwöchigen Coding-Kurs ausgebildet wurden.

Freilich gibt es Studiengänge, die mit wesentlich besseren Chancen auf schnelle Einstellung wie auch ein ansehnliches Einstiegsgehalt daherkommen als andere. Wer Investmentbanking, Jus, Wirtschaft, Medizin oder Mint-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) studiert hat, wird sich wegen magerer finanzieller Aussichten in der Regel keine Sorgen machen müssen. Webseiten wie "totallymoney.com" oder "payscale.com" eignen sich, um Gehälter in bestimmten Branchen international miteinander vergleichen zu können.

Fazit: Eine ausführliche Karriereberatung kann durch den Dschungel an Möglichkeiten helfen. Manchmal macht auch die Zeit die Dinge plötzlich einfach: Hendrik Wortmann ging zurück nach Deutschland, obgleich Hochschulgehälter dort nicht mithalten konnten. "Ich bin in der Schweiz nie heimisch geworden, man bleibt dort schon Gastarbeiter", sagt der Soziologe, der nun Gastronomieunternehmer ist. Manchmal ist es zu Hause dann eben doch am schönsten, Geld hin oder her. (Jedidajah Otte, Portfolio, 2018)