Gut und einfach zu gewinnen: So bezeichnete US-Präsident Donald Trump nicht etwa eine Golfpartie mit einem Lobbyisten, sondern den Handelskrieg. Als die USA in diesem Frühjahr begannen, Strafzölle gegen Verbündete wie Rivalen einzuführen, rechnete man im Weißen Haus mit raschen Resultaten.

Stattdessen stecken die USA in einem massiven Schlagabtausch in erster Linie mit China fest, ohne größere Erfolge vorzuweisen. Bisher wurden zwölf Prozent aller US-Einfuhren mit neuen Strafzöllen belegt, und acht Prozent aller US-Ausfuhren unterliegen Gegenzöllen von Peking bis Brüssel – von Sojabohnen bis Motorrädern. Im schlimmsten Fall können Handelskonflikte zu echten, blutigen Kriegen eskaliert, wie auch die Geschichte der USA und Chinas zeigt.

Zollunabhängigkeitskrieg

Die Geburtsstunde der Vereinigten Staaten von Amerika war ein Handelskonflikt. Dieser wird in den Schulen des Landes in patriotischer Manier gelehrt, inszeniert und gefeiert. Verkleidete Kinder stellen auf der Bühne ein Schlüsselereignis der Unabhängigkeitsbewegung der 13 Kolonien gegen die britische Herrschaft dar, die "Boston Tea Party" aus dem Jahr 1773.

Erzürnte Revolutionäre warfen damals aus Protest gegen Steuern auf diverse Waren wie Tee, Zucker, Papier mehrere Schiffsladungen Tee im Bostoner Hafen über Bord. Diese britischen Steuern waren de facto Zölle, weil die betroffenen Waren nach Amerika importiert werden mussten. Alternative Quellen dafür gab es nicht.

London hatte die Auflage, dass Kolonialwaren aus dem gesamten Empire nur über den Umweg der Britischen Inseln reexportiert werden durften. Die amerikanischen Kolonien waren auf diese Importe angewiesen. Die Briten, so die Wahrnehmung, drehten die Daumenschrauben an. Auch wenn Historiker davon ausgehen, dass die Kosten begrenzt waren, ging es doch um Symbolik.

Schauspieler gedenken auf einem Bostoner Friedhof anlässlich des 245. Jahrestags der Tea Party ihrer aufmüpfigen Vorfahren.
Foto: AP / Elise Amendola

Die Zeit für eine Revolution war reif, da mit dem vorangegangen Sieg der Briten über die Franzosen im Siebenjährigen Krieg 1763 der Kontinent frei von mächtigen Rivalen war. Der Slogan der Patrioten lautete "keine Steuern ohne politische Vertretung". Dass sich die Briten gegen solche Mitspracherechte aus einer Kolonie vehement sträubten, war für die amerikanischen Revolutionäre keine Überraschung. Ihr Slogan hätte allein lauten können "Keine Steuern mehr" bzw. "Keine Zölle mehr".

Der erste Handelskrieg der USA mündete in einen echten Krieg, aus dem Washington – Metapher sowie der Mann – siegreich hervorging. Die Eskalation hatte zwei Ursachen, die heute nachhallen: Erstens hatte ein Hegemon in Form des Kolonialherrn seine Vormacht genutzt, um über Handelsschranken die Wirtschaft der Gegenseite in die Mangel zu nehmen. Zweitens waren die Leidtragenden, die Kolonisten, aufgrund globaler Machtverschiebungen nicht mehr hilflos. Mit Unterstützung Frankreichs setzten sie sich erfolgreich zur Wehr.

Die Situation ist heute freilich eine andere. Der internationale Handel läuft viel freier ab. Nicht einzelne Waren, sondern komplexe Lieferketten prägen das Bild. Die Welthandelsorganisation agiert als Vermittler. All das ist auch der Vorherrschaft Amerikas seit dem Zweiten Weltkrieg zu verdanken.

Darin liegt vermutlich der größte Unterschied zum ersten Handelskrieg der jungen USA: Heute sind sie der etablierte Hegemon und China der Herausforderer. Doch die historische Erfahrung des Reichs der Mitte mit Handelskriegen steht im Kontrast zum Pioniergeist der dreizehn Kolonien.

Opium für das Volk

1793 unternahmen die Briten einen Versuch, den Markt der damals größten und ziemlich unzugänglichen Volkswirtschaft für seine Händler weiter zu öffnen: China. Im Namen der Krone reiste Lord Macartney an den Hof des chinesischen Kaisers Qiánlóng. Dieser erklärte dem Gesandten jedoch, dass sein Reich alles habe, was es brauche. Die "Tribute" des britischen Königs seien lediglich amüsantes Kinderspielzeug.

Der Appetit in Europa auf Seide, Porzellan und Tee war jedoch ungebrochen. Die Briten waren besorgt, dass sich die Abflüsse von Silber fortsetzen würden, solange die Chinesen nicht mehr westliche Waren importieren: Das Einzige, was rege Abnahme fand, war Opium.

Doch Peking griff schließlich im Jahr 1838 gegen den Opiumhandel durch. Die britischen Händler fühlten sich vor den Kopf gestoßen und nutzten die Gelegenheit, um mit Kanonenbooten den chinesischen Markt aufzuschießen.

Die Pagode von Whampoa: Der Ort war namensgebend für einen der "ungleichen Verträge" in den Opiumkriegen.
Foto: imago / United Archives International

Damit begann eine Serie von echten Handelskriegen, die Chinas Herrscher allesamt verloren. Die Europäer erlangen die Kontrolle über die Wirtschaft. In China spricht man nach wie vor von den "ungleichen Verträgen" als Symbol für eine nationale Schande. Das Reich der Mitte, dem alles unter dem Himmel untertan war, wurde von den Europäern und später Japanern gedemütigt.

Nach mehr als zweitausend Jahren fiel das Kaiserreich im Jahr 1912. Die darauffolgende kurzlebige Republik versank bald im Chaos des Zweiten Weltkriegs. Eine Erfahrung, die den Gründern der kommunistischen Volksrepublik als Lehre diente, sich nicht vom Westen drangsalieren zu lassen.

Comeback der Handelskrieger

Doch warum kehrt die kämpferische Rhetorik im Handelskonflikt heute zurück? Der amerikanische Gründungsgedanke, das koloniale Handelsjoch abzuschütteln, erfährt in Trumps "America First"-Diplomatie Widerhall. Der Patriotismus wird geschürt mit einem neuen Feinbild. "China nutzt uns im Handel seit vielen Jahren aus", wiederholt Trump regelmäßig.

Dabei bemüht er eine wirtschaftliche Ideologie, die auch das Vorgehen der Briten im 18. Jahrhundert leitete. Dahinter steckt die Vorstellung, dass Abflüsse von Edelmetallen einer Nation schaden, während ein Exportüberschuss wertvolle Devisen ins Land holt. Anstelle von Silber steht heute der Dollar. Darum sagt Trump, dass die USA Milliarden Dollar verlieren, wenn er vom Handelsdefizit mit China spricht.

Dem Weißen Haus geht es um mehr als ökonomische Nachteile. Wie Trumps Wirtschaftsberater Peter Navarro in diesen Sommer in einem Zeitungsbeitrag schreibt: China versuche, wirtschaftliche und militärische Dominanz zu erlangen, indem es sich die beste amerikanische Technologie und geistiges Eigentum schnappt.

Donald Trump und Xi Jinping einigten sich im Dezember auf weitere Verhandlungen im Handelsstreit. Doch bereits die jeweilige Auslegung der gegenseitigen Zugeständnisse am nächsten Tag zeigte, wie unterschiedlich die Wahrnehmung der Großmächte ist.
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Als hegemoniale Großmacht sind die USA heute in der Rolle der Briten um 1800, die auf einen wirtschaftlichen Shootingstar abwehrend reagieren. Gleich geblieben ist die amerikanische Vorstellung, jeden Handelskrieg gewinnen zu können. Washingtons historische Erfahrung rechtfertigt die Kampfeslust.

China hat aus seiner Vergangenheit vor allem eines gelernt: Kontrolle über die Wirtschaft ist für seine Machthaber überlebenswichtig. Obwohl Peking Großkonzerne lenkt, die Börsen dirigiert, seine Währung strategisch bewertet und den Marktzugang penibel regelt, reagiert es empfindlich auf Strafmaßnahmen durch US-Zölle.

Wieder versucht eine westliche Großmacht, das Reich der Mitte zu dominieren, warnen die Staatsmedien. Kein Wunder: Der historische Schock sitzt tief in den Knochen. Die Führung in Peking betont: In diesem Kampf gibt es nichts zu gewinnen – auf keinen Fall einfach. (Leopold Stefan, Portfolio, 27.12.2018)