DER STANDARD

Die Revolte in Frankreich, dieser Aufstand der "Gilets Jaunes", ist eine erstaunliche Sache. Erstens ist es die Rückkehr einer Revolte, die in unseren Breiten schon beinahe ausgestorben war – der Teuerungsrevolte. Brotpreisrevolten und Ähnliches, das kannte man – aber vor Jahrzehnten. Und jetzt die Benzinpreisrevolte.

Es ist auch, zweitens, eine wirklich populare Revolte, also eine Revolte, deren Gravitationszentrum in den Provinzen liegt, den kleinen Städten, den Ausfahrten der Landstraßen, in den Dörfern, in der Normandie, der Bretagne, im Landesinneren. Sie ist widersprüchlich und ohne Programm, aber sie hat einen Klasseninstinkt – den Klasseninstinkt der unteren Klassen, die das Prassen und die Arroganz der metropolitanen Oberschichten als Provokation erleben und die Abwertung ihres eigenen Lebensstils als Verletzung. Die sich als Vergessene erleben, auf denen man herumtrampelt.

Es sind die, die mit Recht die Schnauze voll haben, sagt die wunderbare Schriftstellerin Annie Ernaux, und der Starautor Edouard Louis fügt hinzu: "Wer das Beschmieren von Denkmälern für etwas Schlimmeres hält als die Unmöglichkeit, sich selbst und die eigene Familie zu ernähren oder einfach nur zu überleben, der muss wirklich überhaupt keine Ahnung davon haben, was soziales Elend ist." (Robert Misik, 9.12.2018)