Entdecker Ron Clarke mit dem Schädelabguss von "Little Foot".
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London – Es ist das mit Abstand am besten erhaltene Fossil eines menschlichen Verwandten aus so frühen Zeiten. Um das Fossil freizulegen, brauchte es nicht nur viel handwerkliches Können, sondern auch jede Menge Geduld: Das Anthropologenteam aus Südafrika arbeitete über zehn Jahre lang, ehe es das mehr als drei Millionen Jahre alte Skelett vollständig aus dem Stein befreit hatte.

Warum dieser Prozess so aufreibend war, ist leicht erklärt: Die versteinerten Knochen sind sehr fragil und weicher als die betonharte Brekzie aus Dolomit und Radiolarit, in der sie eingeschlossen waren. Hatten die Forscher die Oberseite eines Knochens freigelegt, mussten sie den Rest in Blöcken ausschneiden und den "natürlichen Beton" dann im Labor entfernen.

Der seltsame Fuß von Little Foot

Gefunden wurde Little Foot in den Sterkfontein-Höhlen rund 40 Kilometer nordwestlich von Johannesburg – und zwar auf zwei Etappen: Erste Fußgelenkknochen waren bereits 1980 entdeckt worden, doch mehr als zehn Jahre lang unbeachtet geblieben. Dann erst wandte sich Ron Clarke (Universität Witwatersrand in Johannesburg) dem Fund zu.

Ron Clarke und seine Kollegen erklären den Fund und seine komplizierte Freilegung.
Wits University OFFICIAL

1995 verfasste er den ersten Aufsatz über die Knochen, die einige anatomische Besonderheiten aufwiesen: Sie waren nämlich nicht nur sehr klein (daher der Name Little Foot), sondern wiesen auch darauf hin, dass der dazugehörige Vormensch – vermutlich ein Australopithecus – zum aufrechten Gang befähigt war. Die große Zehe konnte aber noch abgespreizt werden, was darauf hindeutet, dass der Besitzer auch auf Bäumen unterwegs war.

Die lange erwarteten Publikationen

Bei Grabungsarbeiten in der Höhle fand man nach 1995 dann auch den Rest von Little Foot, dessen Knochen Ende des Vorjahrs in Johannesburg stolz der Öffentlichkeit präsentiert wurden. Damals gab man das Versprechen ab, dass 2018 erste wissenschaftliche Publikationen darüber erscheinen würden.

Diese Woche wird es damit nun endlich ernst. Und wie so oft in der Paläoanthropologie sind diese vier Veröffentlichungen, die seit kurzem auf dem Preprint-Server bioRxiv verfügbar sind und offiziell in einem Spezialheft des "Journal of Human Evolution" erscheinen werden, von einigen Kontroversen überschattet. Einigermaßen einig sind sich die Forscher immerhin darüber, dass Little Foot tatsächlich ein Australopithecus und weiblichen Geschlechts ist.

Detailansicht der oberen Hälfte der Vormenschenfrau.

Doch schon bei der Datierung auf 3,67 Millionen Jahre und der geschätzten Größe von 130 Zentimetern werden Zweifel angemeldet. Während Clarke und sein Team behaupten, dass Little Foot also nur rund zehn Zentimeter kleiner als ursprüngliche Vertreterinnen von Homo sapiens war, zweifelt ihr Fachkollege Lee Berger daran. Der renommierte US-Paläoanthropologe zeigt sich in einem Konkurrenzaufsatz im "American Journal of Physical Anthropology" enttäuscht darüber, dass die ersten publizierten Daten noch unvollständig seien und keine definitiven Beweise für das Alter und die Größe des Fossils liefern würden.

Völlig neue Frühmenschenspezies?

Laut den Analysen von Clarkes Team waren bei Little Foot zudem die Beine länger als die Arme, was bedeutet, dass die Vormenschenfrau besser aufrecht gehen konnte und vermutlich weniger Zeit auf den Bäumen verbrachte als andere Australopithecinen. Aus diesem Grund gehen die Forscher davon aus, dass Little Foot nicht der Art Australopithecus africanus angehört, wie angenommen, sondern eine völlig neue Frühmenschenart begründet, die sie Australopithecus prometheus nennen.

Little Foot schneewittchengleich im Glassarg: Vor einem Jahr wurde das einzigartige Fossil von Ron Clarke (Mitte) erstmals der Öffentlichkeit präsentiert.
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Auch in dieser Frage meldete Lee Berger Einspruch an – nicht zuletzt deshalb, weil die Bezeichnung Australopithecus prometheus bereits bei ihrer Einführung im Jahr 1948 irrtümlich für einen Australopithecus africanus verwendet wurde. Falls Little Foot tatsächlich eine neue Art sei, würde es auch einen ganz neuen Namen brauchen. (Klaus Taschwer, 11.12.2018)