Bezogen auf die Konjunktur häufen sich derzeit die schlechten Nachrichten. Indikatoren werden nach unten angepasst, der Handelskrieg zwischen den USA und China belastet die Ertragslage vieler Unternehmen. Schon macht das böse Wort Rezession die Runde. Eine Rezession beschreibt den Zyklus, wenn sich die Wirtschaftstätigkeit verlangsamt und makroökonomische Indikatoren – etwa das BIP, Investitionsausgaben oder Kapazitätsauslastungen – sinken.

Eine besondere Dramatik in diesem Thema sieht John Greenwood derzeit allerdings nicht. Der Chefökonom von Invesco weist darauf hin, dass sich die USA als wichtigste Volkswirtschaft im neunten Jahr des Aufschwungs befinden. Greenwood zufolge wird dieser Trend weitergehen, denn die ersten vier bis fünf Jahre des laufenden Aufwärtstrends seien für wichtige Maßnahmen aufgewendet worden. So hätten Unternehmen etwa an ihrer Entschuldung gearbeitet und ihre Hausaufgaben erledigt. In Summe stünde die Wirtschaft damit auf gesünderen Beinen. Banken hätten an ihrer Rekapitalisierung gearbeitet, auch Haushalte hätten in den vergangenen Jahren Schulden abgebaut.

Normalisierung der Wirtschaft

Mit den Zinserhöhungen, die von der US-Notenbank Fed vorgenommen worden sind, werde eine weitere Normalisierung der Wirtschaft herbeigeführt. Die Inflation stelle ebenso noch kein Problem dar. Gefahr für eine Rezession sieht Greenwood daher aktuell nicht. Die Konjunktur sei ein Zyklus, der von Ausweitungen und Kontraktionen lebe. Das sei der normale Verlauf.

Nicht nur am Black Friday zeigen sich US-Konsumenten in Kauflaune. Die US-Konjunktur läuft seit neun Jahren rund.
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Dass die vergangene Rezession so hart ausgefallen war, lag laut Greenwood vor allem an der hohen Verschuldung. Unternehmen wie Banken und Haushalte hatten zu viel Fremdkapital eingesetzt und auf ewig steigende Marktpreise gewettet. "Das ist heute nicht mehr der Fall", erklärt Greenwood. Seit der Finanzkrise, die 2008 ausgebrochen ist, habe eben eine starke Entschuldung eingesetzt. So sei der Grad der Verschuldung in privaten US-Haushalten (Schulden im Vergleich zum BIP) von 296 auf 226 Prozent gesunken. Damit sei der Sektor wieder auf dem Niveau von 2001. Denn die ganze Verschuldung sei aufgebaut worden in den Jahren 2001 bis 2008. Wenn es also jetzt zu einer Rezession kommen sollte, "sollte diese ziemlich mild" ausfallen. "Denn", so fasst Greenwood zusammen, "die Verschuldung hat den hohen Schaden angerichtet".

Unruhe wegen Zinsen

Die Korrekturen an der Börse, die in den vergangenen Monaten die Märkte immer wieder in Angst versetzt haben, ordnet der Ökonom auch nicht als besonders dramatisch ein. Vieles davon sei den Zinsanhebungen geschuldet gewesen. Sobald die Investmentcommunity sieht, dass sich die Zinsen einpendeln, werden die Kurse laut Greenwood sich wieder stabilisieren und steigen.

Das habe man auch 1995 so gesehen. Als damals die Zinsanhebungen gestoppt waren, haben die Kurse zugelegt, bis im Jahr 2001 die Techblase geplatzt ist. In der Zeit von 2005 bis 2007 sei es ähnlich gewesen. Auch da haben die Aktienpreise deutlich angezogen. Jetzt sei man in einer ganz ähnlichen Situation. Laut Greenwood stecke die Börse derzeit in der Mitte eines Zyklus. Solange die US-Zinsen steigen und der Normalisierungsprozess fortschreitet, werden aber auch die Aktienkurse volatil bleiben. Ein Ende des Börsenzyklus sehe er nicht. Im Gegenteil: An der Börse gebe es noch viel Potenzial.

Aber Greenwood schließt nicht aus, dass es auf dem Markt weitere Turbulenzen geben könnte. Wenn die Zinsanhebungen einem Ende zugehen und es heißt, dass nun nur noch ein oder zwei Zinsschritte folgen werden, werde sich das Mindset der Anleger drehen. Das ist laut Greenwood dann auch die Zeit, "in der wir wieder in ein ruhigeres Fahrwasser kommen". Der Ökonom geht davon aus, dass das in der zweiten Hälfte kommenden Jahres so weit sein wird. Bis dahin will die Fed die Zinsen auf 3,25 Prozent angehoben haben. (Bettina Pfluger, 16.12.2018)