Demonstranten in Barcelona fordern die Freilassung der katalanischen Unabhängigkeitsaktivisten Jordi Cuixart und Jordi Sànchez.

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Jordi Cuixart kämpft weiter für die katalanische Unabhängigkeit.

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STANDARD: Wie geht es Ihnen in der Untersuchungshaft?

Cuixart: Dafür, dass ich eingesperrt bin, gut.

STANDARD: Was vermissen Sie?

Cuixart: Meinen Sohn Amat. Ich frage mich, was für ein schweres Verbrechen ich begangen habe, dass mein Sohn so etwas durchmachen muss ...

STANDARD: Ganz einfach: "Aufstand und Rebellion".

Cuixart: Ja, so steht es in der Anklageschrift. Aber das Gericht in Schleswig-Holstein hat mit den spanischen Akten in der Hand im Auslieferungsverfahren gegen Kataloniens Ex-Präsident Carles Puigdemont keine Indizien dafür gesehen. Wir haben am 20. September 2017 friedlich gegen die Durchsuchung von Regierungsgebäuden demonstriert. Für Rebellion ist Waffengewalt notwendig, und auch für Aufstand braucht es gewalttätiges Vorgehen. Es gab keine Gewalt, wir haben auch nie zur Gewalt gerufen. Wir haben nur das Recht auf Meinungs- und Demonstrationsfreiheit verteidigt. Wenn überhaupt, können sie uns zivilen Ungehorsam vorwerfen, aber darauf steht keine Gefängnisstrafe oder Untersuchungshaft.

STANDARD: Sie plädieren also auf unschuldig?

Cuixart: Wir fordern Freispruch. Die Haltung der großen Parteien und der (spanischen) Monarchie besorgt mich am meisten. Sie unterstützen dieses juristisch fragwürdige Konstrukt. Wir sollen um jeden Preis zu langen Haftstrafen verurteilt werden. Die Forderung nach dem Recht, über die Zukunft Kataloniens zu entscheiden, soll kriminalisiert werden.

STANDARD: Sie glauben an einen Schuldspruch?

Cuixart: Unsere Rechte wurden während des gesamten Untersuchungsverfahrens verletzt, war um soll das jetzt anders sein? Was hier in Spanien geschieht, ist das Gleiche wie in der Türkei. Hier werden mittlerweile 20.000 Menschen verfolgt: Rapper für ihre Texte, Twitter-Aktivisten für ihre Nachrichten. Die Freiheiten in Spanien haben schweren Schaden erlitten.

STANDARD: Ist es ziviler Ungehorsam, trotz Verbots ein Unabhängigkeitsreferendum abzuhalten?

Cuixart: Es gibt kein Gesetz, das die Organisation eines Referendums oder die Teilnahme daran unter Strafe stellen würde. Das Verfassungsgericht kann eine solche Befragung untersagen – eine Straftat ist es aber nicht. Außerdem haben wir von Òmnium das Referendum nicht organisiert. Wir haben zu Demonstrationen aufgerufen. Die Gewalt bei der Abstimmung am 1. Oktober 2017 ging von der Polizei aus. Die Menschen leisteten nur passiven Widerstand. Vergleichen Sie den 1. Oktober 2017 mit dem, was jetzt gerade in Frankreich geschieht – selbst das ist weder Rebellion noch Aufstand.

STANDARD: Neun Inhaftierte, sieben im Ausland, 18 Angeklagte, hunderte Ermittlungsverfahren wegen Durchführung der Abstimmung ... War es das wert?

Cuixart: Würden Sie das Gleiche die Widerstandskämpfer gegen den Faschismus fragen? Das Verfahren gegen uns wird Auswirkungen auf die Rechte und Freiheiten für alle Bürger in Spanien haben.

STANDARD: Nach dem Regierungswechsel im Juni sah alles nach Tauwetter aus. Jetzt fallen wieder harte Worte auf beiden Seiten. Was ist schiefgelaufen?

Cuixart: Schöne Worte reichen nicht. Ich bin mir sicher, dass es bei den regierenden Sozialisten viele gibt, die eine politische Lösung wollen. Aber es gibt auch andere, die das torpedieren. Zum Beispiel Außenminister Josep Borrell, der auf den Demonstrationen für die Einheit Spaniens sprach. Dort waren auch Faschisten mit ihren Fahnen anwesend.

STANDARD: Was wird die Zukunft für Katalonien bringen?

Cuixart: Kurzfristig bin ich wenig optimistisch. Die Pattsituation wird weiter bestehen. Mittelfristig werden wir uns zusammensetzen müssen. Und langfristig wird sich zeigen, dass sich im 21. Jahrhundert niemand über den anderen stellen kann. Der Feudalismus im Mittelalter wurde bezwungen, ebenso die autoritären Regime in Europa im vergangenen Jahrhundert. Spanien wird die Monarchie bezwingen. Dann wird Katalonien das sein, was die Katalanen wollen. (Reiner Wandler, 21.12.2018)