Rekonstruktion von Teilhardina.

Illustration: REUTERS/Mark A. Klingler/Carnegie Museum of Natural History
Kieferknochen des urtümlichen Affen Teilhardina brandti.
Foto: Paul Morse/Florida Museum

Gainesville – Soweit man weiß, hat es vor dem Menschen nur einen Primaten gegeben, der es schaffte, sich über weite Teile des Erdballs auszubreiten – und der hätte kaum unterschiedlicher zu uns sein können: Teilhardina war ein etwa mausgroßes Tier mit langem Schwanz und Segelohren und noch ganz an ein Leben in den Bäumen angepasst. Zu seinem Glück waren die Landmassen zu seinen Lebzeiten großteils von dichten Wäldern bedeckt.

Etwa 55 Millionen Jahre alte Fossilien der Gattung hat man in Nordamerika ebenso gefunden wie in Europa und Asien. Aber wo hat sich das Tier ursprünglich entwickelt? Dazu gibt es ganz verschiedene Hypothesen, und laut einer neuen Studie, die im "Journal of Human Evolution" veröffentlicht wurde, ist das Rennen offener denn je.

Evolutionsbiologisch ist Teilhardina deshalb besonders interessant, weil das Tier nah an der Wurzel des Affen-Stammbaums steht. Die Primaten als Ganzes entwickelten sich bereits in der Kreidezeit. Sie gliederten sich allerdings später in die vormals "Halbaffen" genannten Feuchtnasenprimaten (mit den Lemuren Madagaskars als bekanntestem Beispiel) und die Trockennasenprimaten auf. Zu Letzteren gehören alle eigentlichen Affen und damit auch wir Menschen. Teilhardina gilt als ältestes Tier, das man eindeutig dieser Gruppe zuordnen kann.

Teilhardina und Harley Davidson

Ein Team um Paul Morse von der University of Florida analysierte hunderte Zähne und Kieferknochenteile von Teilhardina – manche Fragmente hatten nur die Größe eines Flohs. Laien würden verzweifeln, wenn sie diese winzigen Überreste auf morphologische Unterschiede hin untersuchen müssten. Morses Kollege Jonathan Bloch verweist allerdings darauf, dass derartige Expertise nach entsprechender Ausbildung und gelebter Praxis nichts Besonderes mehr sei. Er vergleicht sie mit der von Bikern, die auch keine Probleme damit haben, eine Harley von einem Motorroller zu unterscheiden, oder der eines Kunstkritikers, jederzeit einen Picasso und einen Banksy auseinanderhalten zu können.

Paläontologe Paul Morse durchforstet Fossilienlagerstätten in Wyoming nach Knochenfragmenten in Flohgröße.
Foto: Please credit Natalie van Hoose/Florida Museum

Die Ergebnisse der Analyse laufen jedenfalls darauf hinaus, dass man den Ast des Stammbaums, auf dem Teilhardina saß, ein wenig zuschneiden wird müssen. Die Forscher aus Florida plädieren dafür, einige vermeintlich verschiedene Teilhardina-Spezies zusammenzulegen und andere überhaupt einer anderen Gattung zuzuordnen.

Das Alter des Affen

Wichtiger noch sei aber, dass bei der nordamerikanischen Spezies Teilhardina brandti Merkmale festgestellt wurden, die genauso "primitiv" waren wie die beim chinesischen Verwandten Teilhardina asiatica. Die asiatische Art wurde bisher für die älteste gehalten und die amerikanische für die jüngste – es könnte allerdings auch umgekehrt sein, schließt Bloch aus seinen Ergebnissen. Damit sind wieder alle Varianten offen, von wo aus der Uraffe um die Welt zog.

Eine Altersbestimmung der verschiedenen Fossilien kann laut den US-Forschern kaum helfen: Die Funde aus Nordamerika – genauer gesagt aus Wyoming – seien nämlich die einzigen, die sich geologisch präzise datieren ließen. Bei den Fossilien aus der Alten Welt sei die Schwankungsbreite hingegen zu groß. Das Tier muss damals binnen weniger Jahrtausende bemerkenswert weit herumgekommen sein, doch so genau ist zumindest derzeit noch keine Messung.

Ein Kind des PETM

Basis für solche Altersbestimmungen ist die Verteilung von Kohlenstoff-Isotopen in den Zähnen der Tiere. Teilhardina entstammt einer Phase, in der enorme Mengen an Kohlenstoff in die Atmosphäre gelangten: Im sogenannten Paläozän/Eozän-Temperaturmaximum (PETM) vor etwa 55,5 Millionen Jahren erreichten die globalen Temperaturen daher deutlich höhere Werte als heute. Am Polarkreis wuchsen Palmen, der Meeresspiegel stieg um 67 Meter an und Europa war bloß ein Archipel kleinerer und größerer Inseln – via Grönland aber noch lose mit Nordamerika verbunden.

Und überall auf der Nordhalbkugel wuchs der üppige Wald, der für Teilhardina den idealen Lebensraum bereitstellte. Der kleine Affe war ein Produkt des PETM und breitete sich – in welcher Richtung auch immer – sukzessive aus. Dies war keine eigentliche Migration, bei der Teilhardina "sein Gepäck schulterte und losmarschierte", betont Bloch. Der Affe blieb auf seinen Bäumen, dafür bewegte sich der Wald selbst mit der Klimaveränderung weiter. Es brauche nur etwa 2.000 bis 3.000 Jahre, bis auf diese Weise transkontinentale Distanzen überbrückt werden können, bilanziert Bloch.

Zwei Affen, zweimal Klimawandel

Als das PETM nach etwa 200.000 Jahren endete, stabilisierte sich ein Klima, das zwar immer noch bedeutend wärmer als heute war, aber nicht mehr so extrem wie in der kurzen Phase zuvor. Für Teilhardina begann damit ein allmählicher Abstieg, bis die Spezies schließlich von anderen Affenarten mit neuen Anpassungen abgelöst wurde.

Die Forscher können sich den Hinweis nicht verkneifen, dass der erste annähernd globale Affe einem Treibhausklima entstammte und verschwand, als sich dieses abkühlte. Der zweite globale Affe hingegen – also wir – hat sich im Eiszeitalter entwickelt, das vor etwa 2,7 Millionen Jahren begann. Wie es uns ergehen wird, wenn die Welt zurück ins Treibhausklima schwenkt, sei dementsprechend unsicher. (jdo, 26. 12. 2018)