Foto: AP/Paramount
Lakeshore Records
Wezl Z Wezl
Leo Tube
Milan Records USA

Auf Festivals für Freistilmusik und Grenzlandforschung ist man die Sounds seit Jahrzehnten gewohnt. Immer wenn es in dunklen Sälen schön grusleig werden soll, beginnne die Bassfrequenzen ordentlich zu dröhnen, werden die Mitten am Mischpult weggedreht und in den Höhen das Fensterglas zum Knirschen gebracht.

Bedrohlicher Ambient, irgendwo angesiedelt in der Mitte zwischen dröhnendem Zeitlupenmetal auf dem minutenlang im Raum stehenbleibenden Grundakkord in Grunz-Dur und irrlichternden Synthesizern, die heute wieder vorzugsweise analog zum Einsatz kommen, kennzeichnen im Verein mit klassischen Streichersätzen schon länger Soundtrackarbeiten, bei denen einem vor allem im Kino bei entsprechenden fetten Tonanlagen mitunter mulmig werden kann.

Der heuer verstorbene isländische Komponist Jóhann Jóhannson mit einem Background im Indie-Rock hinterliess mit seinem Soundtrack zum irren LSD-Horrortrip Mandy mit einem entfesselten Nicolas Cage in der Hauptrolle (Regie: Panos Cosmatos) eine eindrückliche Arbeit. Nach wuchtigen Soundtracks etwa für Denis Villeneuves Sicario und Arrival engagierte er für die Stücke von Mandy Mitglieder der Drone-Band SunnO))) und schloss Lärm mit klassischem Minimal kurz.

Für Herzschrittmacher ungeeignet

Den aus Wales stammenden Musiker Brian Williams alias Lustmord kennt man ansonsten aus der guten alten und grimmigen, ursprünglich streng antimusiklisch angelegten Industrialszene der späten 1970er- und vor allem frühen 1980er-Jahre. Paul Schraders düsterer Film First Reformed um einen von Ethan Hawke dargestellten Priester steht bezüglich klanglicher Gänsehautgestaltung Jóhannssons Mandy um nichts nach. Auch hier wird eine beständig bedrohliche Atmosphäre mittels Bassfrequenzen erzeugt. Nicht umsonst wird bei Konzerten von Vertretern besagter Genres am Eingang gern ein Warnhinweis angebracht, dass diese Kunst bei entsprechender Lautstärke für Schwangere und Träger von Herzschrittmachern eher nicht geeignet ist.

Im Trüben fischen

Von der jungen britischen Universalkomponistin Mica Levi, die 2013 den richtungsweisenden Soundtrack für den Low-Budget-Horrorfilm Under The Skin von Jonathan Glazer komponierte und ansonsten als Micachu irren Rappelkisten-Pop produziert, hat man heuer nur einen Ausflug in den R‘n‘B gehört. Sie produzierte mit Freundin Tirzah deren minimalistisches Album Devotion. 2019 sollte allerdings für Alejandro Landes‘ Film Monos wieder ein wenig Düsternis ins Haus stehen. Geoff Barrow hat in der Vergangeheit schon mit seiner alten Band Portishead gern im Trüben gefischt.

Gemeinsam mit Partner Ben Salisbury, mit dem er etwa auch schon für Ex Machina arbeitete, steuerte Barrow heuer die Musik für den Netflix-Horror Annihilation bei. In bester Tradition alter Soundtracks für ungute, in den Sümpfen der US-Südstaaten spielende Filme, für die gern auf der Bluesgitarre für Verstörung in Zeitlupe gesorgt wird, befeuert Barrow hier das Grauen, das da draußen in den Sümpfen wartet, mit Klängen aus dem Spukhaus-Instrument des "Waterphone" einer metallischen Rundharfe, bei deren Sounds sich die Nackenhaare aufstellen.Apropos akustischer Horror.

Das Geschäft mit der Angst

Absoluter Sieger im Geschäft mit der Angst ist 2018 US-Musiker Colin Stetson. Der hatte nicht nur das Glück, den Auftrag zur Untermalung des US-Horrorfilms Hereditary von Ari Aster zu ergattern. Mit seinen diversen Saxofonen sorgte der ehemalige Mitmusiker von Arcade Fire, Tom Waits oder Laurie Anderson tatsächlich für die heuer ungewöhnlichste Arbeit. Solo mit diversen Loop-Geräten und Zirkularatmungstechnik arbeitend, werden von Stetson, der stets live und ohne Overdubs einspielt, auch die Nebengeräusche verwendet. Atem- und Klappengeräusche werden so zu einem integralen Bestandteil der Musik.

Hereditary geht einem nicht zuletzt dadurch erheblich an die Nieren. Zwischendurch kann Colin Stetson aber auch zärtlich. Etwa im Stück Brother & Sister. Ebenfalls heuer vorne mit dabei, die zwei Köpfe von Radiohead. Thom Yorke reanimierte Goblins Horror-Soundtrack Suspiria, und auch Jonny Greenwood brachte für You Were Never Really Here alte Elektronik zum Einsatz. (Christian Schachinger, 28. 12. 2018)