Oberstdorf – Die aktuelle Vierschanzentournee könnte sich doch nicht zu dem auswachsen, was der geeichte Trekkie, also der Star-Trek-Adorant, schlicht den Kobayashi Maru nennt. Freilich geht es im Jahreswechselzeitvertreib durch Skispringen nicht darum, übungshalber ein Raumschiff aus der Klingonischen Neutralen Zone zu retten, ohne einen interstellaren Vorfall zu provozieren.

Doch die selbstverständliche Überlegenheit, mit der Ryoyu Kobayashi bisher die Saison beherrscht hatte, war am Sonntagabend in Oberstdorf beim Tourneeauftakt nicht zu sehen. Nur um 0,4 Punkte setzte sich der 22-jährige Japaner gegen den deutschen Lokalmatador Markus Eisenbichler durch, 1,4 Zähler dahinter folgte Stefan Kraft als bester Österreicher. Nicht das Ergebnis, das die Konkurrenz auf die Idee bringen könnte, dass sich die Sache also zu einem aus Science-Fiction-Filmen erinnerlichen Kobayashi Maru auswachsen könnte.

Ryoyu Kobayashi brachte die Halbzeit-Führung ins Ziel.
Foto: REUTERS/Michael Dalder

Vom Luftikus zum entschlossenen Flieger

Der erste japanische Oberstdorf-Sieg seit jenem von Kazuyoshi Funaki, der dann auch die Tournee 1997/98 gewann, kam immerhin folgerichtig. Schließlich hatte der jüngere der beiden Kobayashi-Brüder – der um fünf Jahre ältere Junshiro wurde übrigens Tagesletzter – vier der davor sieben Weltcupspringen gewonnen und war nur einmal nicht auf das Podest gesegelt. Chefcoach Hideharu Miyahira konnte sich schon nach dem ersten Satz seines Vorfliegers auf 138,5 Meter eine Entspannungszigarette gönnen. Ryoyu Kobayashi, der gewichtsmäßig nicht an der untersten Grenze wandelt, also verhältnismäßig lange Fluggeräte verwenden kann, ließ 126,5 Meter folgen, die nur ganz knapp ausreichten, um den an der Schattenbergschanze so inbrünstig ersehnten deutschen Sieg zu verhindern.

Sein Heimtrainer in Sapporo, der Finne Janne Väätäinen, hatte Kobayashis Einstellungswechsel vom Luftikus hin zum entschlossenen Flieger als eines der Geheimnisse des neuen Szenedominators genannt. Dem zu Ernsthaften kann aber auch die Lockerheit verloren gehen. Kobayashi ging sie im Finale bei etwas schlechteren Bedingungen als bei seinem ersten Sprung jedenfalls deutlich ab.

Lebenszeichen

Die Österreicher hatten die Tournee mannschaftlich besser begonnen als erwartet, aber zunächst nicht ganz so gut, wie der überraschende Qualifikationssieg von Stefan Kraft erhoffen ließ. Vier von sechs Mann erreichten das Finale, allen voran Daniel Huber als Sechster. Dessen 129 Meter überbot Kraft als letzter Springer des ersten Durchganges zwar, die 131 Meter des Pongauers waren aber aufgrund der Windverhältnisse nicht ganz so viel wert – Zwischenrang acht. Dazu hatten sich unter die letzten Qualifizierten noch Michael Hayböck und Markus Schiffner geschoben, der sein Duell gegen den völlig abgestürzten deutschen Normalschanzenolympiasieger Andreas Wellinger gewonnen hatte – sehr zum Verdruss der Mehrzahl der 25.500 Zuseher in der ausverkauften Arena in Oberstdorf.

Manuel Fettner und Philipp Aschenwald, wie Schiffner erst am Tag vor der Qualifikation von Österreichs Chefcoach Andreas Felder für die Tournee genannt, schmierten gleich zum Auftakt ab.

Stefan Kraft sprang nach Rang acht im ersten Durchgang noch aufs Stockerl.
Foto: APA/AFP/CHRISTOF STACHE

Stoch hinkte nach

Der Auftakt des zweiten Durchganges sah schwache Versuche von Schiffner und Hayböck und etwas später eine Niederlage für Kamil Stoch. Der Pole, der den dritten Tourneegesamtsieg en suite anstrebt, konnte nach 127 Metern nicht mehr entscheidend zulegen, landete bei 131,5 Metern und hat als Achter 14,7 Zähler Rückstand auf den Sieger.

Ganz anders Kraft, der mit 134,5 Metern gar den weitesten Sprung des Finales stand. Den neuen Negativrekord von 30 Weltcupspringen ohne österreichischen Erfolg konnte er nicht verhindern, weil sich Eisenbichler (129 m) um 1,4 und Kobayashi um 1,8 Punkte vorbeiquetschten. Bei Kraft überwog die Freude: "Das tut extrem gut, der zweite Sprung war mein bester in dieser Saison. Das macht hungrig auf mehr, ich möchte um dieses Stockerl bei der Tournee kämpfen. Ich freue mich auf die Schanzen, die kommen, vor allem die in Österreich."

Zunächst kommt allerdings das Neujahrsspringen im Garmisch-Partenkirchen. Schon heute steigt auf der Großen Olympiaschanze die Qualifikation. Und Kobayashi, auch so ein Test, muss die Kuh vom Eis holen. (Sigi Lützow aus Oberstdorf, 30.12.2018)

Ergebnisse von Oberstdorf

1. Ryoyu Kobayashi (JPN) 282,3 (138,5/126,5)
2. Markus Eisenbichler (GER) 281,9 (133,0/129,0)
3. Stefan Kraft (AUT) 280,5 (131,0/134,5)
4. Andreas Stjernen (NOR) 278,2 (132,5/131,0)
5. Dawid Kubacki (POL) 269,8 (128,5/133,5)
6. Piotr Zyla (POL) 268,3 (133,0/126,5)
7. Robert Johansson (NOR) 268,0 (129,0/125,0)
8. Kamil Stoch (POL) 267,6 (127,0/131,0)
9. Timi Zajc (SLO) 266,0 (127,0/125,5)
10. Daniel Huber (AUT) 265,2 (129,0/124,0)
11. Roman Koudelka (CZE) 264,4 (126,0/129,0)
12. Karl Geiger (GER) 262,9 (129,0/128,0)
13. Stephan Leyhe (GER) 260,0 (125,5/125,0)
14. Simon Ammann (SUI) 258,3 (125,0/126,0)
15. Yukiya Sato (JPN) 255,0 (130,0/124,5)
16. Richard Freitag (GER) 251,0 (123,5/122,5)
17. David Siegel (GER) 250,2 (121,5/122,0)
18. Peter Prevc (SLO) 247,5 (120,5/122,5)
19. Killian Peier (SUI) 241,2 (123,0/119,0)
20. Jewgenij Klimow (RUS) 240,6 (124,0/117,0)
21. Pius Paschke (GER) 240,3 (120,0/116,5)
22. Antti Aalto (FIN) 240,0 (120,0/118,0)
23. Wladimir Zografski (BUL) 239,1 (125,0/118,0)
24. Constantin Schmid (GER) 226,6 (119,0/113,0)
25. Johann Andre Forfang (NOR) 226,3 (125,0/110,0)
26. Jakub Wolny (POL) 225,4 (116,0/117,0)
27. Michael Hayböck (AUT) 214,6 (118,5/109,0)
28. Viktor Polasek (CZE) 210,8 (119,0/109,0)
29. Naoki Nakamura (JPN) 208,8 (118,0/108,0)
30. Markus Schiffner (AUT) 208,4 (119,5/107,0)

U.a. nicht für den 2. Durchgang qualifiziert: 35. Philipp Aschenwald (AUT) 122,5 m/114,2 Punkte – 39. Andreas Wellinger (GER) 114,5 m/109,6 Punkte – 48. Manuel Fettner (AUT) 104,5/92,1

Skisprung-Weltcup:

1. Ryoyu Kobayashi (JPN) 656
2. Piotr Zyla (POL) 485
3. Kamil Stoch (POL) 397
4. Karl Geiger (GER) 349
5. Johann Andre Forfang (NOR) 327
6. Stephan Leyhe (GER) 275
7. Jewgenij Klimow (RUS) 249
8. Robert Johansson (NOR) 238
9. Stefan Kraft (AUT) 211
10. Timi Zajc (SLO) 208
11. Dawid Kubacki (POL) 199
12. Andreas Wellinger (GER) 198
13. Markus Eisenbichler (GER) 184
14. Domen Prevc (SLO) 160
15. Antti Aalto (FIN) 149

Weiter: 17. Daniel Huber (AUT) 127 29. Manuel Fettner (AUT) 47 31. Michael Hayböck (AUT) 30 36. Gregor Schlierenzauer (AUT) 22 42. Philipp Aschenwald (AUT) 15 47. Clemens Aigner (AUT) 11 59. Markus Schiffner (AUT) 1

Nationencup:

1. Deutschland 1538
2. Polen 1529
3. Japan 1064
4. Norwegen 801
5. Österreich 764
6. Slowenien 600
7. Russland 418
8. Schweiz 301
9. Tschechien 238
10. Finnland 151
11. Bulgarien 97
12. USA 18
13. Estland 12
14. Kanada 9
15. Italien 7
16. Kasachstan 0