Dieses unscharfe Bild, bereitgestellt von der französischen Navy, zeigt acht Migranten (darunter zwei Kinder), die am 25. Dezember von Frankreich nach Großbritannien gelangen wollten. Sie wurden von französischen Behörden abgefangen. Der Motor des Bootes hatte gestreikt.

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Bereits im August wurden einige Flüchtlinge zwischen Frankreich und Großbritannien aufgegriffen.

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Aufgeschreckt von Schlagzeilen über eine vermeintliche neue Flüchtlingskrise hat der britische Innenminister Sajid Javid seinen Weihnachtsurlaub abgebrochen. Am Wochenende telefonierte der oberste Grenzschützer mit seinem französischen Kollegen Christophe Castaner, der ihm Zusammenarbeit "im Kampf gegen Ärmelkanal-Überquerungen" zusagte.

Am Sonntag landeten sechs Männer am Strand von Kingsdown, wenige Kilometer nordöstlich der Hafenstadt Dover, und ließen sich widerstandslos vom Grenzschutz festnehmen. Die Iraner erhielten medizinische Betreuung und wurden in ein Asylaufnahmezentrum gebracht. Nach Behördenangaben haben seit Heiligabend knapp 100 Menschen, darunter Minderjährige und Kinder, mit Schlauchbooten die Meerenge von Dover überwunden. Bei den meisten handelt es sich um syrische oder iranische Staatsangehörige. Dem Flüchtlingsrat der Anrainergrafschaft Kent zufolge sind darunter viele Kurden.

34 Kilometer zwischen Calais und Dover

In den vergangenen zwei Monaten haben nach Zählung der BBC mehr als 220 Flüchtlinge die Überfahrt versucht. Der Ärmelkanal ist an seiner engsten Stelle zwischen Calais und Dover lediglich 34 Kilometer breit. Er zählt zu den meistbefahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt, wird täglich von 400 bis 500 Schiffen befahren, die Fähren zwischen England und Frankreich nicht eingerechnet. Seeleute vergleichen die Überfahrt von Frankreich nach England mit Schlauchbooten mit der Überquerung einer achtspurigen Autobahn zur Hauptverkehrszeit mit einem Einkaufswagerl.

Die im Europavergleich geringen Flüchtlingszahlen nutzt die Londoner Boulevardpresse zu reißerischen Schlagzeilen. Vom "Migrantenchaos" schrieb der Sunday Telegraph. "Beschlagnahmt die Boote in Calais" forderte Mail on Sunday, gestützt auf Äußerungen der konservativen Abgeordneten Anne-Marie Trevelyan.

Die Zusammenarbeit mit Frankreich steht immer wieder im Mittelpunkt der britischen Flüchtlingspolitik. Im Jänner hatte Premierministerin Theresa May dem Nachbarland einen Beitrag von 44,5 Millionen Pfund (49,4 Millionen Euro) für die Grenzsicherung in Calais zugesagt. Dort versammeln sich immer wieder tausende Flüchtlinge, um nach Großbritannien zu kommen. Mit dem Geld wurden vor allem die Zufahrten zum Kanaltunnel mit kilometerlangen Zäunen versehen, um Fluchtwilligen den Zugang zu britischen Lastwagen zu erschweren.

Die Insel als Traumziel

Genau diese Maßnahmen würden die Migranten zu ihren waghalsigen Seereisen verleiten, glaubt Bridget Chapman vom Flüchtlingsrat Kent. Organisierte Schmugglerbanden, häufig geleitet von britischen Staatsbürgern, verdienen an der letzten Etappe bis zu fünfstellige Summen.

Viele Flüchtlinge haben monatelange Reisen hinter sich, wollen aber nicht in Frankreich Asyl beantragen. Die Insel bleibt ihr Traumziel: Zum Einen sprechen sie – mal besser, mal schlechter – Englisch, zum anderen bieten dort bereits existierende ethnische Minderheiten, zumal in der Vielvölkerstadt London, Schutz und Zugang zum (Schwarz-)Arbeitsmarkt.

Offenbar heizen Menschenschmuggler die Situation vor Ort dadurch an, dass sie die Migranten vor den Brexitfolgen warnen: Wenn Großbritannien erst einmal aus der EU ausscheide, werde die Überfahrt noch schwieriger.

"Ernster Zwischenfall"

Innenminister Javid hat zwar die Situation an der Ärmelkanal-Küste zu einem "ernsten Zwischenfall" erklärt, sieht aber keine kurzfristigen Lösungsmöglichkeiten. Die von konservativen Fraktionskollegen geforderten zusätzlichen Grenzschutzboote könnten eine Sogwirkung zur Folge haben, glaubt der Minister, selbst Sohn pakistanischer Einwanderer. Javids Staatssekretärin Caroline Nokes ließ sich am Samstag in einer gelben Rettungsweste am Hafen von Dover filmen. Dass dabei ein Boot der Grenzwache hinter ihr im Kreis fuhr, gab der Debatte eine humoristische Note.

Während die oppositionelle Labour-Party Javids Vorgehen als verfehlt anprangerte, warnten Kirchenvertreter vor Hysterie. Es gehe um Menschen, mahnte der Bischof von Dover, Trevor Willmott: "Wir sollten nicht vergessen, daß jeder Mensch kostbar ist." (Sebastian Borger aus London, 31.12.2018)