Zum Kampf der Wagen und Gesänge treten an: Sonnenwagen von Trundholm (ca. 1400 v. Chr).

Foto: AP

Zweiachsiger Wagen mit Krieger, von Pferdepaar gezogen, aus dem keltischen Fürstengrab von Hochdorf (c. 550 v. Chr.).

Himmelsscheibe von Nebra mit Himmelsbarke (ca. 2100 bis 1700 v. Chr.).

Wagenszenen auf der Standarte von Ur (ca. 2850 bis 2350 v. Chr.).

Ramses II. auf einem Streitwagen, Relief in Abu Simbel (ca. 1265 v. Chr.).

Phaeton auf dem Sonnenwagen (auf dem Bild "Der Sturz des Phaeton – Triumphzug von Amor und Bacchus" von Hans von Aachen, ca. 1600).

Himmelfahrt des Propheten Elia auf dem feurigen Wagen (Peter Paul Rubens, 1620).

Und zuletzt noch eine Streitwagen-Kommodenuhr, denn die Zeit eilt unbezwinglich dahin.

Foto: APA

Vom Rasenden Stillstand hinsichtlich der technisch hochgerüsteten Gegenwart sprach der französische Philosoph, Medienkritiker und Dromologe Paul Virilio 1990 in seinem Essay. Gleich fällt einem die Mobilität ein und ihr siamesischer Zwilling, der Stau, als "paradoxer Effekt der Selbstblockade". Gleich nimmt der Gedanke kosmische Dimensionen an – die Erde umkreist die Sonne mit 107.280 km/h, unser Sonnensystem das Zentrum der Milchstraße mit 900.000 Sachen, derweil wir meinen, die Welt stünde still -, und das Licht pfeift uns gar mit 1.079.252.848,8 km/h um die Ohren.

Dromologie

Technisch hochgerüstet? In einer Mußestunde lehnt man sich zurück und sinniert: Weit haben wir's gebracht. Doch von wo und wann aus eigentlich, und birgt dieser Topos des Wo und Wann noch unterschwellig Wirkkraft, Wirkmacht? Der Begriff Dromologie – von dromos (Rennbahn) und logos (Wissenschaft) – weist schon den Weg, zu den Griechen nämlich, greift aber viel zu kurz. Denn am Anfang war das Rad. Dann kam der Wagen. Und sein Beifahrer, der Mythos.

Das Wagenrad lässt sich erstmals im vierten Jahrtausend vor Christus in Nordeuropa festmachen (phänomenologisch folgerichtig, dass in diesen Breiten dann auch das Automobil erfunden wurde), noch vor den Sumerern. Eine frühe Darstellung wäre die Standarte von Ur aus dem dritten Jahrtausend. Nur der "Ex oriente lux"-gläubige Teil der Wissenschaftszunft geht noch vom mesopotamischen Primat aus. Die Ägypter jedenfalls, vielleicht war der Erfindungsdruck nicht so hoch ob des schiffbaren Nils, beförderten die Steine für ihre Pyramiden zu Lande noch auf Rollen – unsere Altvorderen fuhren da schon bequem mit Karren (einachsige Fahrzeuge mit ein oder zwei Rädern) und Wagen (zwei- und mehrachsige Konstruktionen mit Starrachse(n) hinten und um einen Lenkzapfen drehbarem, fest mit der Deichsel verbundenem Achsgestell vorn). Erst Ochsen vorgespannt, dann Pferde, Zaumzeug dran, schon kann das Hüh und Hott beginnen.

Bus und Bahn

Rasch setzt sich die geniale Idee durch, sie ist die Blaupause, der Archetyp der Mobilität, die uns heute in verwirrender Artenvielfalt geläufig ist, vom Fahr- und Motorrad übers Auto bis hin zu Bus und Bahn, Flugzeug und Rakete.

Schon sind wir beim Kreisen um die Sonne, gedanklich jedenfalls, der Lebensspender hat im Denken vieler alter Völker eine zentrale, numinos konnotierte Rolle. Der Ägypter Sonnenbarke sei hier beispielsweise benannt. Auf ihr durchfuhr Sonnengott Re tags das Firmament, nächtens die Unterwelt, ein gefahrvolles Unterfangen. Die Mythe taucht mit der fünften Dynastie (2504-2347 v. Chr.) auf – und, hoppla, auch auf der Himmelsscheibe von Nebra (Thüringen), die aufgrund mehrerer Arbeitsstufen auf 2100 bis 1700 vor Christus datiert wird und die älteste Himmelsdarstellung der Menschheitsgeschichte als Bildprogramm aufweist.

Damit zurück zu Rad und Wagen und deren überragend mythenbildender Macht. Denn kaum erfunden, war der Wagen nicht nur Gebrauchs-, sondern auch Kultgegenstand. Als bedeutendster diesbezüglicher Fund gilt der dreiachsige Sonnenwagen von Trundholm (Dänemark, etwa 1400 v. Chr.). Kurz gesagt: Pferd zieht Sonnenscheibe, und zwar auf Rädern mit Felgen. Scheibenrad auf Bollerwagen, das mochte für Arbeitsgerät hinreichen, sollte es repräsentativ sein oder schnell und hurtig gehen, war der Evolutionssprung das Speichenrad, ein bisschen so wie neuzeitlich der Wechsel von der Stahl- zur leichteren Alufelge.

Feurig

Die Erfindung revolutionierte auch das Kriegsgeschehen in Form des Streitwagens, der wegen seiner einachsigen Konstruktion eigenlich Streitkarren heißen müsste. Ihm verdanken die Hyksos die Eroberung Unterägyptens um 1600 v. Chr., und wenn Pharao Ramses II. Jahrhunderte später im großen Tempel von Abu Simbel auf einem solchen Gefährt daherprescht und all die frevelhaft frechen Feinde niederfährt, dankt er es den fremdländischen Hyksos. Die wiederum – ja wem eigentlich? Erstmals, meint die Wissenschaft, sei der Streitwagen im zweiten Jahrtausend v. Chr. in der Sintaschta-Kultur in Steppen am Ural zu verorten. Die Mykener kennen ihn dann ebenso wie die Hethiter, bei den Juden fuhr der große Prophet Elia auf "feurigem Wagen mit feurigen Rossen" gen Himmel, und auch in Europas Norden fuhr man schon mit schmucken Rössern zum Fest der Wagen und Gesänge, wie das bronzezeitliche Steinkistengrab im schwedischen Kivik (ca. 1000 v. Chr.) belegt. Als Sichelstreitwagen taucht der Gedanke noch einmal bei Leonardo da Vinci auf, in einer nicht realisierten Skizze von 1485.

Seiner Durchschlagskraft wegen findet sich der Streitwagen in den Göttermythen etlicher antiker Völker. Besonders imposant wirken die hammerschwingenden, wagenfahrenden Donnergötter wie der hethitische Tarunna, der vedische Indra, der germanische Thor.

Phaeton

Mythengroßmeister sind und bleiben aber die Griechen. Nicht verstandene Naturphänomene, -katastrophen verdichteten sich in Jahrhunderten mündlicher Tradition zu Mythen, und die wirken noch heute. Herausgegriffen sei nur die Phaeton-Sache. Der waghalsige Bursche krallt sich Sonnengott Helios' Sonnenwagen. Vermutlich ohne Führerschein, denn er verliert die Kontrolle über den Vierspänner, stürzt auf die Erde und setzt sie in Brand. Erst Zeus kann dem ein Ende machen. Heute wird vermutet, hinter der Phaeton-Erzählung verberge sich die Erinnerung an einen Kometeneinschlag mit verheerenden Folgen.

Das heldische Mythologem: Wagen und Wagnis, Gefahr, Gefährt und Gefährte sind nicht von ungefähr eng verwandt. Mit Phaeton hätten wir eine Brücke geschlagen in unsere vermeintlich so rationale, entzauberte Welt, denn der bisher Letzte des Namens war der VW Phaeton (2001 bis 2016). Hatte auch mit Absturz zu tun, richtete aber keine Verwüstungen an, war nur ein banaler Flop. Der erfolgreiche SUV hingegen, er lebt vom Mythos Abenteuer, Freiheit.

Zum Sonnenwagen hat die Menschheit es noch nicht gebracht, womöglich wird's dort erst kühl genug, wenn sie sich im Endstadium zum roten Riesen aufbläht, spätestens dann sollten wir aber einen per Himmelsbarken angesteuerten Ersatzplaneten gefunden haben. Auf dem Mond hingegen hat der Mensch längst mobile Spuren hinterlassen, die Amis wirbelten dort mit dem Mondrover Staub auf, bei der Apollo-15-Mission 1971.

Raketen?

Schon 1928 läutet Fritz von Opel mit seinem Rennwagen RAK 2 auf der Berliner Avus die Raketenära ein, wenn auch noch auf Rädern. Und moderne Mythen Marke Hollywood: 1955 "verglüht" James Dean in der Blüte seiner Jahre im Porsche 356 Speedster, etwas Phaeton schwingt mit, vor allem aber eine Apotheose wie bei Elia, denn umgehend setzt der Kult um den Schauspieler ein. Und apropos: In endzeitlicher Siegeserwartung haben die Israelis ihren Streitwagen, denn um nichts anderes als dessen zeitgemäßes Äquivalent handelt es sich beim Kampfpanzer, nach des Propheten Wagen benannt: Merkava. Überhaupt ist die moderne Technik eine Mythenmaschine: als Versprechen eines nahen Paradieses. Der Mythos ist immer und überall. (Andreas Stockinger, 26.1.2019)