Felix Tshisekedi und seine Frau Denise Tshilombo Nyakeru freuten sich am Donnerstag über den Sieg bei der Präsidentenwahl im Kongo.

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Anhänger Tshisekedis vor dem Parteihauptquartier

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Im Fernsehen wird das Wahlergebnis verkündet.

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Damit hatte keiner gerechnet: Als der Chef der kongolesischen Wahlkommission, Corneille Nangaa, Donnerstagfrüh in Kinshasa vor die Mikrofone trat, warteten Dutzende von Journalisten gespannt darauf, ob er nun den von der Regierung ins Rennen geschickten Emmanuel Shadary oder den oppositionellen Favoriten Martin Fayulu zum Wahlsieger erklären würde. Als aber der Name Félix Tshisekedi über seine Lippen kam, herrschte zunächst ungläubige Stille.

Unabhängigen Umfragen und einer Erhebung von 40.000 kirchlichen Wahlbeobachtern zufolge hatte der 55-jährige Tshisekedi wie Shadary nämlich nur mit gut 20 Prozent der Stimmen rechnen können: Doch Kommissionschef Nangaa sprach ihm mehr als sieben Millionen, rund 38,6 Prozent aller abgegebenen Stimmen zu. Fayulu soll nur von 34,8 Prozent der Wähler unterstützt worden sein, während Shadary mit knapp 24 Prozent erwartungsgemäß weit abgeschlagen war. Keine Stunde verging, bevor dieses Ergebnis angezweifelt wurde: Das kongolesische Volk werde diesen "Schwindel" nicht anerkennen, schäumte Oppositionschef Fayulu. "Wir wollen die Wahrheit und keinen Hinterzimmer-Deal."

Trotz ihrer Überraschung begannen Beobachter des Riesenstaats schnell darüber zu spekulieren, was sich in den vergangenen Tagen in Kinshasa abgespielt haben müsse. Die Regierung um den scheidenden Präsidenten Joseph Kabila hatte offensichtlich erkannt, dass es zu Unruhen, womöglich zu einem Blutbad kommen könnte, falls sie ihrem Kandidaten Shadary den Sieg zuschreiben würde. Doch Fayulu gewinnen zu lassen kam wegen dessen Feindseligkeit gegenüber der regierenden Kabila-Clique unter keinen Umständen infrage.

Dagegen war vom Chef der oppositionellen Union Pour La Democratie Et Le Progres Social (UPDS) eine konziliantere Gangart zu erwarten: vor allem, wo dieser seinen umstrittenen Wahlsieg nun dem Einfluss Kabilas zu verdanken hat. Tshisekedi hatte sich Anfang dieser Woche auch mit Kabila getroffen: angeblich um einen sanften Übergang im Staat zu vereinbaren, der noch nie in seiner Geschichte einen demokratischen Regierungswechsel erlebt hat. Viel wahrscheinlicher aber, um einen "Hinterzimmer-Deal" zu schmieden. Tshisekedi galt in weiten Kreisen der Opposition bereits als Verräter, weil er Ende November aus der Allianz der Opposition hinter Fayulu ausgeschert war: Seine Parteifreunde hätten diesen Deal nicht gutgeheißen, gab er damals zur Begründung an.

Wohl keine faire Wahl

Nun spricht vieles dafür, dass er schon damals mit Kabila dessen Plan B vorbereitet hatte. Überhaupt blieb bei dem um zwei Jahre verspäteten Urnengang wenig dem Zufall überlassen. Kabilas Regierung setzte alle Hebel zur Manipulation des Wahlergebnisses in Bewegung: Zwei besonders populäre Kandidaten waren von der Abstimmung von vorneherein ausgeschlossen, Fayulus Wahlkampf wurde, so gut es ging, behindert. Bei der Stimmabgabe selbst kam es nach dem Urteil unabhängiger Beobachter zu zahllosen Unregelmäßigkeiten: Unzählige Wahlurnen blieben unversiegelt, die Ergebnisse der einzelnen Wahllokale wurden meist nicht, wie vorgeschrieben, vor Ort veröffentlicht. Schließlich ließ die Wahlkommission die Abstimmung in drei Hochburgen der Opposition auf März verschieben: Davon betroffen waren 1,2 Millionen Wähler, die für Fayulu den Sieg hätten bedeuten können.

In einem beispiellosen Schachzug hatte die Katholische Bischofskonferenz wenige Tage nach der Wahl mitgeteilt, dass ihren Erhebungen zufolge ein Kandidat mit weitem Abstand gewonnen habe: Dass es sich dabei um Fayulu handelte, ließen die Kirchenführer gegenüber Diplomaten durchblicken. Die jetzt von der Wahlkommission veröffentlichten Ergebnisse entsprächen ihren Daten nicht, ließ die Kirche inzwischen wissen: Doch was sie ihren rund 40 Millionen Gläubigen nun raten wird, ist noch offen.

Zum Aufstand werden die Bischöfe ihre Gläubigen gewiss nicht aufrufen. Auch sie fürchten Gewalt, vor allem, nachdem es am Donnerstag bereits vier Tote zu beklagen gab. Eher werden sie die Bevölkerung – wie schon die Uno – zu Besonnenheit aufrufen. Auch Oppositionschef Fayulu wird nichts anderes übrigbleiben, als sich an Gerichte zu wenden. Doch die gelten als genauso regierungskonform wie die Wahlkommission, die Kabila zu seinem "Coup" verholfen hat. (Johannes Dieterich, 10.1.2019)