Zwischen Dezember 1938 und September 1939 wurden im Rahmen der Kindertransporte ungefähr 10.000 vor allem jüdische Kinder vor den Nationalsozialisten gerettet. Sie erhielten temporäre Visa für Großbritannien, wurden ohne ihre Eltern mit Zügen und Schiffen dorthin transportiert und von britischen Familien oder sozialen Einrichtungen aufgenommen. In vielen Fällen sahen diese Kinder ihre Eltern nie wieder und überlebten als einzige den Holocaust.

Kindertransport: Warum heute?

Bilder von Migration, Flucht und Hoffnungslosigkeit sind zur Zeit allgegenwärtig, sowohl in den USA als auch in Europa. Tragische Berichte über die Trennung weinender Kinder von ihren Eltern an der amerikanisch-mexikanischen Grenze oder über Ertrinkende im Mittelmeer erschüttern. Fremdenfeindliche und antisemitische Vorfälle häufen sich und Migranten und Flüchtlinge werden auf zum Teil menschenverachtende Weise behandelt.

Ein Blick zurück in die Vergangenheit zeigt, wie individuelles Engagement und Zivilcourage einen Unterschied machen können, auch unter den widrigsten Umständen. Die Geschichten der Kindertransportkinder handeln von traurigen Abschieden und Verlust, selbstloser Hilfsbereitschaft von Fremden, erfolgreichen Neuanfängen und zweiten Chancen. Sie sind ein Lichtblick in einer dunklen Zeit.

Zur Zeit findet im Center for Jewish History in New York City die Ausstellung "Kindertransport: Rescuing Children on the Brink of War" statt. Die Ausstellung wurde gemeinsam vom Yeshiva University Museum und dem Leo Baeck Institut organisiert. Dieser Blogbeitrag führt den Leser durch die Ausstellung, präsentiert Fotos, Briefe und Texte. In einem anschließenden Beitrag stelle ich einen heute 89-jährigen New Yorker vor, der 1938 mit dem ersten Kindertransport Wien verlassen hat.

Branding der Ausstellung.
Center for Jewish History, Courtesy: C&G Partners

"Nehmt mein Baby nicht weg"

Ein Film am Beginn der Ausstellung zeigt Abschiedsszenen zwischen Eltern und ihren Kindern. "Du wirst eine große Abenteuerreise machen", wird den Kindern bei der Verabschiedung gesagt. Die Eltern versuchen, den Kindern mit frohen Mienen nachzuwinken, um ihnen die Abfahrt zu erleichtern. Für viele war es ein Abschied für immer.

Die Entscheidung, die Kinder alleine in ein fremdes Land zu schicken, war unvorstellbar schwierig:

"Dieses Gefühl, wenn man sein eigenes Kind wegschickt, ist nicht beschreibbar. In dem Moment habe ich nichts gefühlt, ich lebte, ich ging, ich machte, aber ich fühlte nichts." (Franzi Groszmann, Mutter)

"Wir sind mit der Straßenbahn zum Bahnhof gefahren. Ich bin gegenüber von Gerda gesessen, um ihr Gesicht so lange wie möglich im Gedächtnis zu behalten. Ihre dunkelblauen Augen waren so groß und fremd. Ich dachte ununterbrochen, werde ich dich wiedersehen, mein Kind? Wann werde ich dich wiedersehen?" (Helen Hilsenrad, Mutter)

"Mein Vater sprang über den Schranken und lief dem Zug nach. Ich sehe die Tränen, die ihm übers Gesicht laufen, und er schreit: nehmt mein Baby nicht weg, nehmt mein Baby nicht weg." (Ilse Lindemeyer, Kind)

Kinder von einem Kindertransport bei ihrer Ankunft in der Waterloo Station, London.
Foto: OEGZ S52/11
Kinder nach ihrer Ankunft in London, 30. Dezember 1938.
Foto: Süddeutsche Zeitung Photo/Alamy Stock Photo
Beate Siegel (rechts) und zwei andere Mädchen, Abreise aus München, Juni 1939.
United States Holocaust Memorial Museum Collection

Die Kinder trugen Namensschilder um ihren Hals. Am folgenden Bild ist die Namensschildinstallation im Museum zu sehen mit dem Original eines Namensschildes im Vordergrund.

Namensschilder, Installation und Original
Center for Jewish History, Courtesy: C&G Partners

Erinnerungen an die Kindheit

Zahlreiche Gegenstände wurden den Kindern von ihren Eltern mit auf die Reise gegeben, sowohl Nutzgegenstände wie zum Beispiel Wörterbücher oder Kleidung, als auch Spielsachen und Kuscheltiere.In den folgenden Fotos sind ein Teddybär und eine Puppe, Spielkarten, Pflaster und mit den Namen der Kinder versehene Kleidungsstücke zu sehen.

"Ich weiß, dass ich einen vollgestopften Rucksack hatte und eine kleinere Tasche; und ich hatte meinen Teddybär." (Stephanie Kester)

"Sie hatten viel zu große Schuhe für ihre Füße. Wir wussten nicht, wie lange sie wo sein würden, und so haben wir versucht, die Kleider bestmöglich auszusuchen." (Ruth Wachen, Mutter eines 6- und 8-jährigen Kindes)

Teddybaer von Jack Hellman (14); Felzpuppe von Ina Felczer (10): Kindertransporte 1939.
Foto: Stella Schuhmacher
Spielkarten von Kurt Quittner (15); Kindertransport am 11. Dezember 1938.
Foto: Stella Schuhmacher
Pflasterpackung von Eva Goldmann, Kindertransport Juni 1939.
Foto: Stella Schuhmacher
Links: Bluse von Eva Goldmann, mit eingesticktem Namen.
Foto: Stella Schuhmacher

Briefe von Zuhause

Besonders berührend sind die Briefe, die von den zurückgebliebenen Eltern an ihre Kinder im Ausland geschrieben wurden. Viele enthalten elterliche Ratschläge und immer wird die Hoffnung ausgedrückt, bald wieder als Familie vereint zu sein. Nach dem Ausbruch des Krieges wurde der Briefverkehr schwieriger und unregelmäßiger.

Brief von Leopoldine Katscher
Foto: Center for Jewish History

Brief von Leopoldine Katscher

Auszug aus einem der Briefe von Leopoldine Katscher in Wien an ihren Sohn Heinz Ludwig Katscher in England, 28. Dezember 1938:

Mittwoch, 28. / XII. 38

Mein sehr geliebtes Bubili, mein teures Kind!

Jetzt bist Du schon 10 Tage von uns fort, uns ist es eine Ewigkeit. Alles im Hause erinnert uns an Dich, mein Burli. Wir gehen nur selten in Dein Zimmerl hinein & Musik hören wir gar nicht. Es freut uns halt nichts. Nur das eine stimmt uns froher, dass es Dir gut geht & Du endlich wieder ein lustiger Mensch sein kannst, ein Kind dem die Welt offen steht. Das Glück sei an Deiner Seite, wie Du es verdienst mein edles, gutes Burli. Du hast schon genug unseren Kampf miterlebt, das Leben ist uns recht schwer gemacht. Aber Du sollst endlich frei atmen & uns helfen ein neues Leben aubauen, in einer neuen Heimat. – Der Himmel kann & darf uns nicht auseinander reissen, so viel Liebe darf nicht getrennt bleiben. […]

Heinz und seine Schwester waren mit einem Kindertransport nach Großbritannien gebracht worden. In der Korrespondenz mit den Eltern ging es hauptsächlich um deren immer verzweifeltere Versuche, Wien zu verlassen. Die Versuche blieben erfolglos und die Kinder haben ihre Eltern nicht wieder gesehen. Der Brief wurde von Heinz' Mutter zehn Tage nach dessen Abreise aus Wien verfasst. 

Brief von Gisela Reich
Foto: Center for Jewish History

Brief von Gisela Reich

Auszug aus einem Brief von Gisela Reich in Wien an ihren Sohn Alfred Bader in Canada, 11. Juni, 1942: 

Mein geliebtes teueres, einziges Kind!

Tag und Nacht bin ich in Gedanken und mit meinen Sorgen um Dich, mein alles, bei Dir. Ich bitte Dich inständig, sei vorsichtig mit Gesundheit und Leben und nicht waghalsig. Kränke Dich nicht, falls G’tt behüte, Prüfungen schwerer ausfallen und Danke G’tt, mein geliebtes Kind, dass Du in so jungen Jahren, die Matura so glänzend bestanden hast. Das ist schon sehr viel. […]

Wir sind alle bester Gesundheit. Ich bitte Dich, mein alles, sei nur vorsichtig beim schwimmen und schwimme nicht unter dem Wasser bleibe nicht zu lange im Wasser und nehme Dich in acht vor Sonnenbrand und Sonnenstich. Mein geliebter Bobbili, mein gutes Alfredkind, wie viele unzählige Sorgen gibt es für ein geliebtes Kind in der Ferne. Ich wiederhole so oft meine Sorgen, da ich doch nicht sicher weiß, welcher Brief in Deinen geliebten Händen gelangt. […] Mein geliebtes Kind, G’tt behüte und beschütze Dich auf allen Deinen Wegen u. gebe Dir Eliahu Hanavi zum Schutze. Mögest Du Gnade finden in G’ttes und der Menschen Augen. Mein alles, ich segne Dich und Mutters Segen baut den Kindern Häuser. Tausend und tausend Küsse gibt Dir mein Guldenes Deine Dich ewig liebende Mutter

Gisela Reich wurde kurz nach dem Verfassen dieses Briefes nach Theresienstadt deportiert, wo sie am 23. November 1942 ermordet wurde. 

Marianne Berlak schreibt aus England an ihre Eltern: "Ich habe mich gut an meine neue Umgebung gewöhnt. Es ist noch ein anderes Mädchen aus Österreich hier... abgesehen davon bin ich das einzige deutschsprachige und jüdische Mädchen. Es fällt mir aber gar nicht mehr auf, weil alle hier gleich sind. Ich habe bereits einige Freundinnen gefunden."

Foto: Stella Schuhmacher

Kein zurück

Ungefähr die Hälfte der Kinder lebte mit Familien in England, die andere Hälfte war in Schulen, Herbergen oder auf Bauernhöfen untergebracht. Es gab große Unterschiede: manche Kinder wurden liebevollst umsorgt, andere ausgebeutet oder misshandelt.

"Die Leute, bei denen ich lebte, waren außergewöhnlich. Sie behandelten mich wie ihre Tochter und schickten mich in die gleiche Schule wie sie. Später, als ich Englisch konnte, stellten sie mich als ihre eigene Tochter vor." (Ursula Leven Strauss)

Nach Kriegsende begann die schwierige und schmerzhafte Suche nach Familienmitgliedern. Ein Großteil der Kindertransportkinder verlor die Eltern im Holocaust und deren Briefe waren das letzte Lebenszeichen. Viele Kinder blieben in England und bauten sich ein neues Leben auf. Einige zogen in andere Länder weiter und lebten dort mit Eltern oder Verwandten.

Im nächsten Blog stelle ich Robert vor, der Wien im Dezember 1938 mit einem Kindertransport verlassen hat, ein Jahr in England verbrachte und dann nach New York emigrierte. (Stella Schuhmacher, 30.1.2019)

Die Fotos wurden der Bloggerin von der Kuratorin zur Verfügung gestellt.

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