Unabhängig vom Abstimmungsergebnis scheint der Brexit negative Folgen für das Vereinigte Königreich zu bringen.

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Im Vorfeld der Brexit-Abstimmung hat Premierministerin Theresa May warnend auf mögliche Folgen eines Chaos-Brexits ohne Austrittsvereinbarung ("no deal") hingewiesen. Tatsächlich hat bereits die Debatte der vergangenen Monate darüber, wie dem Volkswillen Rechnung zu tragen sei, Wohlstand und Einheit des Landes gefährdet.

No Deal werde die Fliehkräfte des Vereinigten Königreichs stärken, sagte May. Doch die Kräfte sind längst am Werk. Das liegt schon im Ergebnis des Referendums vom Juni 2016 begründet. Während England und Wales mit knapper Mehrheit für den Austritt votierten, wollten Schottland (mit 62 Prozent) und Nordirland (56) in der EU bleiben. Besonders die in Edinburgh regierende Nationalpartei SNP hat seither immer wieder darauf hingewiesen: Das Unabhängigkeitsreferendum war 2014 auch deshalb mit 45:55 Prozent gescheitert, weil der Platz Schottlands in der EU auf Jahre hinaus unsicher gewesen wäre.

Nun müssen die Schotten dennoch die EU verlassen, weil es ihre viel zahlreicheren englischen Cousins so wollen. Und prompt steht die Frage einer neuen Abstimmung wieder auf der Tagesordnung, unabhängig davon, ob es tatsächlich zum No Deal kommt.

Nordirisches Referendum

Erstmals und unverhofft ins Gespräch gebracht hat die Brexit-Entscheidung auch die Möglichkeit einer Volksabstimmung in Nordirland, und zwar längst vor dem geplanten Austrittstermin Ende März. Ein Referendum über eine Wiedervereinigung mit der Republik im Süden der Grünen Insel fand 1998 Eingang in das Karfreitagsabkommen, spielte seither in der öffentlichen Debatte aber kaum eine Rolle. Bis zum Brexit.

Inzwischen gibt es seriöse Umfragen, wie kürzlich jene der Belfaster Firma Lucid Talk für die "Times", wonach 48 Prozent der Nordiren "mit Gewissheit" oder "wahrscheinlich" für die Wiedervereinigung mit Dublin stimmen würden. Dies gilt selbst im Fall, dass die seit Monaten umstrittene innerirische Grenze so durchlässig bleibt wie bisher. Im Fall eines No Deals steigt der Anteil der Anschlusswilligen sogar auf 55 Prozent. Selbst bei einer Revision der Brexit-Entscheidung würden noch 40 Prozent für den Anschluss votieren. Vehemente Brexit-Kritiker wie die nordirische Politikprofessorin Deirdre Heenan halten zwar Forderungen nach einem baldigen Referendum für "unverantwortlich", aber: "Wir müssen uns darauf vorbereiten."

Exodus aus der City

Nicht nur vorbereitet, sondern agiert haben unter dem Schatten von Brexit auch längst die Firmen am größten internationalen Finanzzentrum der Welt. Einer Studie der Beratungsfirma EY zufolge haben Banken und Versicherungen Vermögenswerte von mindestens 800 Milliarden Pfund (898 Milliarden Euro) aus der City of London an EU-Standorte wie Dublin, Paris oder Frankfurt verlagert. Zudem planen rund ein Drittel der 222 befragten Unternehmen ihren teilweisen oder gänzlichen Wegzug aus London.

Firmen wie der Turbinenbauer Rolls-Royce oder Pharmagigant Glaxo Smith Kline beklagen Ausgaben im zweistelligen Millionenbereich, um auf alle Eventualitäten im Frühjahr vorbereitet zu sein. Die Automobilhersteller Jaguar Landrover und Nissan haben Entlassungen oder Kurzarbeit angekündigt und teilweise mit dem Brexit begründet. (Sebastian Borger aus London, 15.1.2019)