Nachhaltigste Vermittlerin österreichisch-französischer Belange: Eva Twaroch (zur Euro 2016 aus Paris).

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In der Trauer fallen einem oft Dinge ein, an die man über die Jahre hinweg nie gedacht hätte. Zu Eva Twaroch etwa, dass wir zur gleichen Zeit und im gleichen Alter nach Paris gekommen waren, damals, als im Élysée noch ein gewisser François Mitterrand regierte. Später lernten wir Jacques Chirac kennen, und je älter wir wurden, desto jünger wurden die drei folgenden Präsidenten Frankreichs.

Ob bei Jörg Haiders legendärer Pressekonferenz in Paris, den Banlieue-Krawallen von 2005 oder den Terroranschlägen von 2016, arbeiteten wir häufig an den gleichen Themen, aber meist nebeneinander, ohne uns zu sehen, da Fernseh- und Zeitungsjournalisten andere Rhythmen und Termine haben. Aber wenn sich einmal unsere Wege kreuzten, war der Austausch umso herzlicher. Auch angeregter: Eva Twaroch war stets zu hundert Prozent drin im Ereignis, sie erlag nie dem Zynismus und der Abgebrühtheit so vieler Journalisten.

Neugier, Ärger, Liebe

Ihre Anteilnahme und Neugier blieben bis zur Gelbwesten-Krise intakt. Die "Envoyée spéciale" des ORF konnte sich über Frankreichs Eigenheiten freuen oder ärgern, und sie hielt damit nie zurück, auch nicht an Pressekonferenzen gegenüber blasierten Pariser Ministern. Vor allem aber liebte sie Frankreich – schließlich war sie am Nationalfeiertag, dem Quatorze Juillet, auf die Welt gekommen.

So verpassten wir uns die meiste Zeit, wenn wir an die gleichen Brandherde von Paris bis Aix-en-Provence wegen der Causa Elsner/Bawag eilten. Nicht einmal bei der Einweihung des Louvre-Ablegers in Abu Dhabi schafften wir es, wie geplant eine Wasserpfeife rauchen zu gehen. Aber wenn wir uns dann unverhofft bei einem Parteitag des Front National oder am Flughafen trafen, sprach man mit den Jahren kaum mehr über die Politik oder den Job, sondern erkundigte sich in der Eile nach dem Wesentlichen, etwa den heranwachsenden Kindern.

Die Räuber von der Leiter

Es war berührend mitzuverfolgen, wie sich die Mutter über die Jahre mutig zum Loslassen der geliebten Töchter durchrang. Ständig auf Achse, wirkte sie mit den Jahren immer gelassener – außer wenn sie noch aufgebracht berichtete, wie sie vor ihrem Küchenfenster in Paris eine Leiter entdeckt habe und darauf zwei Einbrecher. Mit einer sehr französischen Schimpftirade schlug sie sie augenblicklich in die Flucht.

Die Sprache verschlug es der Leiterin des Pariser ORF-Büros nie. Oft sagte sie mir, sie würde auch gerne für eine Zeitung arbeiten, da habe man weniger technische Probleme und mehr Platz für längere Analysen. Aber das meinte sie nicht wirklich ernst; die Fernseh- und Radiofrau ging in ihrem Job auf, sie war nicht zum Schreiben geboren, sondern zum Sprechen, Mitteilen, Argumentieren. Was selten ist in unserem Metier: Sie sprach unter vier Augen so druckreif und souverän wie in der ZiB 2, stets persönlich engagiert und politisch denkend, aber im Geiste unabhängig und eigenständig.

Das "wir" soll nicht suggerieren, dass wir uns auf der gleichen Ebene bewegt hätten. Eva Twaroch war eine Ankerkorrespondentin, sie war wer in ihrem Land, das ihr das Goldene Verdienstkreuz verliehen hat. Vor einigen Wochen wurde mir das in Schwechat klar, wo wir uns wieder einmal über den Weg liefen und Eva wieder einmal keine Zeit hatte – weil sie zwischen Gepäckausgabe und Taxistand ständig Umstehende zu grüßen hatte, ob die ihr nun bekannt waren oder nicht.

Die Botschafterin

Ähnlich war es an der Rue Fabert, dem Sitz der österreichischen Botschaft in Paris. Die aus Wien angereisten Politiker wollten jeweils diskret wissen, ob "die Eva" noch (mit oder ohne TV-Kamera) vorbeischauen werde, und auch französische Diplomaten erkundigten sich eifrig nach ihr und ihren Beiträgen, was bei Auslandkorrespondenten selten vorkommt. Österreichs acht Botschafterinnen und Botschafter in den letzten dreißig Jahren an der Rue Fabert mögen verzeihen, aber die nachhaltigste Vermittlerin, um nicht zu sagen Botschafterin französisch-österreichischer Belange war in dieser langen Zeit eigentlich doch Eva Twaroch. (Stefan Brändle aus Paris, 16.1.2019)