Als in der Nacht auf den 3. September der Palácio de São Cristóvão in Rio de Janeiro niederbrannte, schien es, als sei damit die zweihundertjährige Geschichte einer der bedeutendsten Museumssammlungen Südamerikas für immer zu Ende gegangen. Das "Museu Nacional da Universidade Federal do Rio de Janeiro", das brasilianische Nationalmuseum, hatte nur drei Monate zuvor das Jubiläum seines zweihundertjährigen Bestehens gefeiert. Insgesamt beherbergte das Museum mehr als zwanzig Millionen Objekte. Nur ein geringer Teil konnte aus dem brennenden Gebäude gerettet oder seither aus dem Schutt geborgen werden.

Das Inferno in der Nacht von 2. auf den 3. September zerstörte das Museum völlig.
Foto: Reuters/Moraes

Museu Nacional Vive

Doch das Museu Nacional lebt! Unter dem Slogan "Museu Nacional Vive" läuft seit Monaten die Kampagne für den Wiederaufbau des größten und ältesten Museums Brasiliens.

Foto: Museu Nacional

Erste Ausstellung eröffnet

Am 17. Jänner konnte auf diesem langen Weg ein Meilenstein erreicht werden: Das Museu Nacional eröffnete seine erste Ausstellung nach dem Brand. Die Schau "Als nicht alles Eis war – Neue Entdeckungen auf dem antarktischen Kontinent" präsentiert Forschungsergebnisse des Projektes "Paleoantar". Im Rahmen des brasilianischen Antarktisprogrammes "Proantar" wurden zwischen 2015 und 2018 Expeditionen durchgeführt. Unter anderem wurde auf der James-Ross-Insel nach Fossilien gesucht. Diese der antarktischen Halbinsel vorgelagerte Insel ist aus paläontologischer Sicht hochinteressant. Hier wurden seit den Achtzigerjahren mehrere Dinosaurierspezies aus der Oberkreide entdeckt, darunter Ankylosaurier, Theropoden und Iguanodon-Verwandte.

Ein fossiler Zapfen von der James-Ross-Insel neben einem modernen Vertreter: das Museu Nacional zeigt Funde aus dem "Paleoantar"-Projekt.
Foto: APA/AFP/Pimentel

Historischer Ort

Natürlich findet die Ausstellung nicht im eigentlichen Gebäude des Museums statt – die Brandruine war nach dem Inferno eine archäologische Ausgrabungsstätte, aus der Schicht für Schicht Objekte geborgen wurden, die das Feuer zur Gänze oder zum Teil überstanden hatten. Als Ausstellungsort wurde mit dem "Museu Casa da Moeda do Brasil" jedoch ein geschichtsträchtiger Ort gewählt: Wo heute im Stadtzentrum Rios an der heutigen Praça da República das Museum der brasilianischen Münzprägeanstalt ist, befand sich im 19. Jahrhundert der erste Sitz des Museu Nacional.

Auch fossile Blätter wurden bei der brasilianischen Antarktis-Expedition entdeckt und sind nun in der ersten Ausstellung nach dem Brand zu sehen.
Foto: APA/AFP/Pimentel

Königliche Gründung

Der portugiesische König João VI hatte am 6. Juni 1818 per Dekret die Institution als Museu Real gegründet. Schwerpunkte der Kollektion waren botanische und zoologische Objekte. Darunter befanden sich besonders viele Vögel, weshalb das Museum als "Vogelhaus" bekannt war. Unter Brasiliens Kaiser Dom Pedro I wurde das Museum in Museu Imperial e Nacional umbenannt und um zahlreiche Sammlungen ergänzt, darunter eine große Kollektion altägyptischer Artefakte und Mumien und griechischer, etruskischer und römischer Antiquitäten. Nach der Ausrufung der Republik übersiedelten die Sammlungen 1892 in den Palácio de São Cristóvão, wo zuvor die kaiserliche Familie ihren Sitz hatte.

Vom Palácio de São Cristóvão stehen nur noch die Mauern.
Foto: AP/Lobao

Neben den Antikensammlungen verfügte das Museu Nacional über bedeutende Bestände über amerikanische Ethnologie und Archäologie, sowohl was das präkolumbische Amerika im Allgemeinen als auch das präkambrische Brasilien im Speziellen betrifft. Dazu gehören auch die ältesten bekannten menschlichen Überreste Amerikas: Die Luzia genannte Frau lebte vor etwa 11.500 Jahren im heutigen Bundesstaat Minas Gerais.

Luzias geborgene Überreste wurden am 19. Oktober 2018 präsentiert.
Foto: APA/AFP/de Souza

Suche nach den Schätzen

Luzias Knochen wurden mehrere Wochen nach dem Inferno ebenso aus der Ruine geborgen wie der Meteorit Angra dos Reis. Dieser ist das wertvollste und seltenste Stück der mehr als 400 Meteorite umfassenden Sammlung. Auch über bedeutende zoologische – die Insektensammlung allein umfasste fünf Millionen Exemplare – und paläontologische Abteilungen verfügte das Museum. Aus Brasilien stammen schließlich einige der allerersten Dinosaurier. Das Skelett von Maxakalisaurus topai, des größten Dinosauriers Brasiliens, war ebenso zu sehen wie ein elefantengroßes Riesenfaultier. Museumsdirektor Alexander Kellner ist selbst Paläontologe und gehört zu den weltweit führenden Pterosaurierexperten. Dutzende Beschreibungen neuentdeckter Arten gehen auf sein Konto.

Unbeeindruckt: der Eisenmeteorit Bendegó.
Foto: AP/Izquierdo

Diese historischen und wissenschaftlichen Schätze gingen bei dem Feuer zum großen Teil verloren. Einige Objekte konnten noch während des Brandes aus dem Museum gerettet, manche seither aus dem Schutt geborgen werden. Bendegó, ein mehr als fünf Tonnen schwerer Eisenmeteorit aus Bahia, thronte auch noch nach dem Feuer auf seinem Podest in der Eingangshalle des Gebäudes.

Einige Stücke des Museums wurden in der Vergangenheit gescannt und als 3D-Objekte gedruckt – zum Beispiel diese altägyptische Katzenmumie.
Foto: AP/Izquierdo

Schwierige Rekonstruktion

Nachträglich als besonders wertvoll erwies sich auch die Zusammenarbeit des Museu Nacional mit der Päpstlichen katholischen Universität in Rio de Janeiro. Seit dem Jahr 2000 wurden zahlreiche wichtige Sammlungsstücke gescannt und als 3D-Objekte gedruckt. So bleiben von manchen verlorenen Schätzen wenigstens originalgetreue Kopien erhalten. Dem Aufruf, Fotos aus den Schausälen des Museums einzuschicken, folgten tausende Menschen. Studenten und Forscher lieferten Scans und Kopien aus den Beständen der Museumsbibliothek. Die zerstörte Sammlung kann so teilweise rekonstruiert und verlorenes Kulturerbe dokumentiert werden.

Luftbilder zeigen das ganze Ausmaß der Katastrophe.
Foto: APA/AFP/Pimentel

Fahrlässiger Sparkurs

Der Brand war kein Zufall, sondern die direkte Folge des jahrelangen Zutodesparens des Museums. Mit einem jährlichen Budget von weniger als einem Cent pro Sammlungsstück ist eine solche Institution nicht überlebensfähig: Durch die konsequente Unterfinanzierung konnten Instandhaltungsarbeiten nicht mehr durchgeführt werden. Kabel lagen frei, Termiten breiteten sich aus. Zwischenzeitlich musste geschlossen werden, da die Gehälter für das Sicherheits- und das Reinigungspersonal nicht mehr bezahlt werden konnten.

Schon bei seiner Antrittspressekonferenz im Februar 2018 kritisierte Kellner den maroden Zustand seines Hauses. In dem Saal, den Kellner für die Gelegenheit wählte, saßen einst der portugiesische König und später der brasilianische Kaiser. Doch nun blätterten hier die Wände ab. Doch Kellners Ruf nach einer vernünftigen Finanzierung des traditionsreichen Hauses verhallte weitgehend ungehört.

Das Gürteltier der brasilianischen Karajá-Indigenen überlebte das Inferno.
Foto: AP/Correa

Im brasilianischen Präsidentschaftswahlkampf wurden darüber hinaus Befürchtungen laut, dass die triste finanzielle Situation noch trister werden würde, wenn der rechte Kandidat Jair Bolsonaro gewinnen würde. Nach dem Brand hatte Bolsonaro, dessen zweiter Vorname "Messias" lautet, auf eine Frage bezüglich des Museums geantwortet: "Es ist erledigt, es hat schon Feuer gefangen, was erwarten Sie, dass ich mache? Mein Name ist Messias, aber ich kann keine Wunder vollbringen."

Kellner hatte nach dem Brand den beiden Kandidaten der Stichwahl um das brasilianische Präsidentenamt, Bolsonaro und Fernando Haddad, einen offenen Brief geschrieben. Darin forderte er von ihnen, sich zum Wiederaufbau des Museums zu verpflichten und die dafür notwendigen Gelder zur Verfügung zu stellen. Das Museu Nacional lebe, aber sein Überleben liege in ihrer Verantwortung, schrieb Kellner.

Wahlsieg

Bolsonaro gewann bekanntlich die Wahl am 28. Oktober klar. Aus Spargründen verkleinerte er die Regierung und legte das Kulturministerium mit den Ressorts für Sport und soziale Entwicklung zu einem "Bürgerschaftsministerium" zusammen, was für weitere Kritik sorgte.

Das Ministeramt übernahm Osmar Terra. Dieser hatte schon im November angekündigt, genau durchkämmen zu wollen, wohin in der Vergangenheit die Gelder geflossen sind. Terra hat eine medizinische Ausbildung, jedoch keine Erfahrung im Kulturmanagement. Er erntete für seine Aussage, seine einzige kulturelle Expertise sei, dass er das Berimbau spielen könne, die Kritik der Kulturszene. Später entschuldigte sich Terra und postete ein Bild, das ihn beim Spielen des Berimbaus zeigte.

Budget genehmigt

Mitte Jänner hatte die neue Regierung unter Präsident Bolsonaro ein Budgetgesetz für das Jahr 2019 genehmigt. Darin sind 55 Millionen Reais (rund 12,8 Millionen Euro) für die erste Phase des Wiederaufbaus des Museums vorgesehen. Die Wiederherstellung des Museums habe die höchste Priorität, erklärte der sozialdemokratische Abgeordnete Hugo Leal. Diese 55 Millionen Reais würden für den ersten Teil der Arbeit benötigt, wobei die Fassaden und Dächer des historischen Gebäudes rekonstruiert werden.

Man dürfe nicht vergessen, dass "das Nationalmuseum die älteste wissenschaftliche Einrichtung und das erste Museum Brasiliens ist, das noch immer wissenschaftliche Sammlungen von unschätzbarem Wert bewahrt. Und das Gebäude selbst ist Teil der Geschichte Brasiliens", erklärte Leal.

Geborgen aus der Asche des Infernos: Eine Urne der Marajoará-Indigenen und eine Amethyst-Stufe, die durch die Hitzeeinwirkung in einen gelben Citrin transformiert wurde. Der Amethystkristall links dient als Vergleich und zeigt seine natürliche Färbung.
Foto: AP/Correa

Finanzierungsabkommen wird angepasst

Vergangene Woche kündigte die Nationalbank für wirtschaftliche und soziale Entwicklung (Banco Nacional de Desenvolvimento Econômico e Social, BNDES) Anpassungen des im vergangenen Juni beschlossenen Finanzierungsabkommens an. Das Gesamtvolumen beträgt 21,7 Millionen Reais (rund fünf Millionen Euro), wovon im Dezember bereits 3,3 Millionen (rund 750.000 Euro) freigegeben worden waren. Der Brand, der das Hauptgebäude des Museums zerstörte, erfordere Schutz- und Folgemaßnahmen und die Ausarbeitung eines neuen Projekts für die kulturelle Einrichtung. Die Vereinigung der Freunde des Nationalmuseums, an die die Finanzierung geht, müsse nach den Rettungsmaßnahmen ein erneuertes Projektbudget vorlegen, um aufgrund der Änderung des zuvor bereits genehmigten Zieles die Gelder ausbezahlt zu bekommen. 13,7 Millionen Reais (rund 3,2 Millionen Euro) dienen der Wiederherstellung des Museums. 7,7 Millionen Reias (rund 1,8 Millionen Euro) stehen für die dringende Renovierung des vom Brand nicht betroffenen Bibliotheksgebäudes zur Verfügung, und 368.000 Reais (85.000 Euro) fließen in einen Nachhaltigkeitsfonds. Die Notmaßnahmen sollen bis März abgeschlossen sein.

Auch Lanzenspitzen indigener Völker wurden aus der Ruine gerettet.
Foto: AP/Correa

Das Finanzierungsabkommen in der Höhe der genannten 21,7 Millionen Reais war anlässlich der 200-Jahr-Feier unterzeichnet worden. Es wird aus den Mitteln des sogenannten Rouanet-Gesetzes gespeist, das Gelder für Projekte aus den Bereichen Kunst und Kultur zur Verfügung stellt. Steuerzahler können einen Teil ihrer Einkommensteuer im Rahmen dieses Gesetzes für kulturelle Investitionen widmen. Benannt ist es nach dem ehemaligen Kulturminister, dem Diplomaten und Autor Sérgio Paulo Rouanet. Alle Projekte werden vom brasilianischen Kulturministerium überprüft.

Ziel des Finanzierungsabkommens war eine Erneuerung des Brandschutzes und der elektrischen Infrastruktur. Die in brennbaren Flüssigkeiten konservierten Sammlungsobjekte sollten in ein externes Gebäude ausgelagert werden. Nach dem Brand wurde beschlossen, die finanziellen Mittel der neuen Situation entsprechend umzuwidmen.

Foto: APA/AFP/Pimentel

Aktionsplan

Am Montag gab das Bürgerschaftsministerium die Gründung einer Arbeitsgruppe bekannt, die die Risiken in den von der brasilianischen Bundesregierung verwalteten Museen und Institutionen evaluieren soll. So sollen künftig Katastrophen wie im September verhindert werden. "Jede Zerstörung kulturellen Erbes ist ein unwiederbringlicher Verlust, nicht nur wegen des finanziellen Wertes, sondern vielmehr wegen des symbolischen Wertes", sagte Henrique Pires, der das Kulturstaatssekretariat im Bürgerschaftsministerium leitet. Als Zeitraum für die Erhebung des Missstände und der Erstellung eines Aktionsplans zu deren Behebung wurden 180 Tage angegeben. Auch Evakuierungspläne der Gebäude für den Notfall werden erstellt. An der Erhebung sind unter anderem das brasilianische Museumsinstitut (Instituto Brasileiro de Museus, Ibram) und die Ministerien für Wirtschaft, Bildung, Justiz und öffentliche Sicherheit beteiligt.

Alle dreißig vom Ibram verwalteten Museen sind ebenso auf der Liste wie die Einrichtungen des Instituts für historisches und künstlerisches Nationalerbe (Instituto do Patrimônio Histórico e Artístico Nacional, Iphan). Zu den Institutionen gehören unter anderem das Museu Imperial de Petrópolis (Kaiserliches Museum Petrópolis), die Nationalbibliothek, das Museum Casa de Rui Barbosa (Haus des Rui Barbosa) und das Velódromo Olímpico (Olympiaradstadion).

Wiederaufbau Stein für Stein

Weitaus schneller als die Wiederherstellung des Nationalmuseums würde der Aufbau in der Lego-Version klappen. Caio Gandolfi und Diego Ferrite, zwei Werbedesigner aus São Paulo, wollten einen Beitrag zur Unterstützung der abgebrannten Institution leisten. Sie entwarfen ein Modell des Museums und veröffentlichten es auf der Ideen-Webseite von Lego.

Das Museu Nacional als Lego-Modell fand tausende Unterstützer.
Foto: Lego/MaxakalisaurusTopai

Der Entwurf fand innerhalb weniger Wochen bereits zehntausend Unterstützer und könnte nun zu einem offiziellen Set werden. Geht es nach den beiden Paulistas, fließen die Einnahmen aus der Lizenz in den Wiederaufbau des Museu Nacional. (Michael Vosatka, 30.1.2019)

Anlässlich der 200-Jahr-Jubiläums präsentierte sich das Museu Nacional in einigen Videos. Dabei wurden von Direktor Alexander Kellner besondere Sammlungsstücke präsentiert, zum Beispiel der Eisenmeteorit Bendegó.
Jornal O Globo
Ein Raum des Museums war der Paläoart gewidmet.
Jornal O Globo
Maxakalisaurus war der Star des Sauriersaales.
Capim Filmes